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ZiSH Plastik – nein, danke!
Hannover ZiSH Plastik – nein, danke!
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12:47 03.11.2015
Gar nicht so einfach: ZiSH-Autorin Maike Brülls verzichtete drei Wochen lang auf Plastik. Ihren Jutebeutel hatte sie in der Zeit immer dabei. Quelle: Brülls
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Hannover

Ich bin eine Umweltsünderin. Zumindest komme ich mir so vor, bei all dem Plastikmüll, den ich produziere. Knapp vier gelbe Säcke fülle ich innerhalb von drei Wochen. Dabei bin ich eigentlich ziemlich umweltbewusst: Ich ernähre mich vegan, kaufe nur Second-Hand-Klamotten und mein Essen und meine Kosmetik sind bio. In den gelben Säcken sind trotzdem jede Menge Verpackungen von Gemüse, Sojamilch und ein Haufen Frischhaltefolie. Mit diesem hohen Plastikverbrauch bin ich nicht allein. 2013 hat jeder Bundesbürger laut Bundesumweltministerium im Schnitt 213 Kilogramm Verpackungen weggeworfen – darunter vor allem Papier, Glas und Plastik. Ich komme nicht umhin, an den „Great Pacific Garbage Patch“ zu denken, einen Müllstrudel im Nordpazifik. Er ist so groß wie Zentraleuropa. Mir reicht’s. Ich will drei Wochen lang beim Einkaufen von Lebensmitteln keinen Plastikmüll erzeugen.

Erste Woche

Ich bin total optimistisch. So schwer kann es doch nicht sein, auf Plastikverpackungen zu verzichten. Doch mein Optimismus wird hart gebremst, sobald ich den kleinen Supermarkt bei mir an der Ecke betrete. Plötzlich fällt mir auf, wie viele der Lebensmittel in den Regalen in Kunststoff verpackt sind. Kartoffeln, Zwiebeln, Karotten, Nüsse, Müsli – alles glänzt mir in einer Plastikverpackung entgegen.

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In Europa wird laut PlasticsEurope, dem Verband der Kunststofferzeuger, etwa die Hälfte aller Kunststoffe für das Verpacken von Lebensmitteln verwendet. „Eine Gurke hält ohne Verpackung drei Tage, wohingegen die eingeschweißte Variante 14 Tage frisch bleibt“, sagt Michael Herrmann, Pressesprecher von PlasticsEurope. In Deutschland würden deshalb nur ein bis 2 Prozent der Lebensmittel auf dem Weg vom Fabrikanten bis zum Verbraucher verderben.

Mit den wenigen, unverpackten Lebensmitteln, die der kleine Supermarkt in der Nähe meiner Wohnung zu bieten hat, – Kohlrabi, ein paar Tomaten, Äpfel, Kiwis – und einer Papp-Packung Couscous in meinen Einkaufskorb gehe ich zur Kasse. Da bin ich froh, dass ich an einen Jutebeutel gedacht habe. So muss ich zu keiner der Plastiktüten greifen, die unter dem Kassenband liegen.

Meine Euphorie schwindet, als ich den Beutel zu Hause auspacke und in etwas Glibbriges greife. Die scharfen Kanten der Couscous-Packung haben einer der Kiwis zugesetzt. Wäre sie in Plastik verpackt gewesen, würde jetzt kein grüner Matsch an meinem Einkauf kleben. Ich wasche alles einzeln ab. Beim nächsten Einkauf packe ich die scharfkantigen Sachen wohl besser nach unten.

Zweite Woche

Langsam lerne ich dazu. Statt beim kleinen Supermarkt um die Ecke, kaufe ich viel bei einem türkischen Supermarkt oder beim Wochenmarkt. Beides ist zwar weiter weg, aber man bekommt dort die meisten Obst- und Gemüsesorten ohne Verpackung. Getreide wie Reis oder Hülsenfrüchte wie Linsen habe ich leider nirgends lose zu kaufen gefunden. Zumindest noch nicht: Im kommenden Frühjahr soll in Hannover der Loseladen „Lola“ eröffnen. Die Inhaber verkaufen dann auch Produkte wie Kaffee, Nudeln und Saft ohne Verpackung. Wer dort einkaufen möchte, füllt die Lebensmittel in mitgebrachte Dosen und Flaschen.

In der letzten Woche habe ich mich daran gewöhnt, auf ein paar Dinge zu verzichten: Mein Porridge zum Frühstück mache ich mir mit Wasser statt mit Sojamilch aus dem Tetrapack. Statt Reis esse ich eben Couscous. Solange ich alleine bin, ist das alles kein Problem. Unangenehm wird es aber, als ich mit einer Freundin einkaufen gehe, denn wir wollen gemeinsam kochen. Sie hat Lust auf Champions. Zwar gibt es die in dem größeren Supermarkt auch lose, doch wir haben keine Dose, in der wir sie nach Hause transportieren können. Und einzeln in die Tasche werfen ist doof – wie die Kiwi-Erfahrung gezeigt hat. Wir einigen uns dann auf eine lose Zucchini. Trotzdem verdreht meine Freundin die Augen und bleibt erst einmal still.

Dritte Woche

Ich bin total genervt. Weil ich viel zu tun habe, schaffe ich es nicht, zu den weiter entfernten Märkten zu gehen. Also bleibt nur der kleine Laden an der Ecke. Da greife ich mechanisch in die Regale. Ich habe das Gefühl, seit Tagen immer die gleichen Lebensmittel zu essen: Kürbis, Kohlrabi, Äpfel und Birnen. Natürlich geht das. Aber mal wieder mexikanische Wraps machen, oder ein Pilzrisotto oder kross angebratenen Tofu – das wär’s.

Gleichzeitig stört mich immer stärker, dass man in den meisten Fällen keine Wahl hat, als etwas in einer Kunststoffverpackung zu kaufen. Mir dämmert, dass diese künstlich verlängerte Haltbarkeit vielleicht gar nicht notwendig wäre, wenn die Tomaten nicht aus Spanien, die Äpfel aus Neuseeland und die Gurke aus Holland hergeflogen und -gefahren werden würden. Käme sie aus der Gegend, würde es ja reichen, wenn die Gurke drei statt 14 Tage haltbar ist. Und wenn nicht immer in solch großen Massen produziert werden würde, würde man auch ohne Kunststoff nicht so viel wegwerfen. Vielleicht wäre es auch okay, wenn nicht zu jeder Tageszeit jedes Lebensmittel in großen Mengen verfügbar ist.

Fazit

Auch wenn die letzten drei Wochen streckenweise ziemlich schwierig waren: Bewusster einzukaufen und weniger wegzuwerfen hat meinem Gewissen sehr gutgetan. Nach dem Selbstversuch werde ich weiterhin so viel wie möglich unverpackt kaufen – dem Geldbeutel tut es nämlich auch ganz gut. Trotzdem freue ich mich schon auf mein Porridge mit Sojamilch aus dem Tetrapack. Nur werde ich mir den Haferbrei ab jetzt eben auch öfter mit Wasser anrühren.

Von Maike Brülls

Interview

Manfred Sanden ist Chemiker bei Greenpeace. Im Interview spricht er über PET-Flaschen, Zusatzstoffe und die Gefahr für Mensch und Natur.

Warum ist Plastik ein Problem für die Umwelt?

Obwohl Plastik aus organischem Material hergestellt wird, kann es nicht abgebaut werden. Eine PET-Flasche braucht circa 450 Jahre, bis sie durch mechanische Beanspruchung ganz fein zerrieben ist. Sie existiert dann immer noch – in Form von Mikroplastik. Das wird von Pflanzen und Tieren aufgenommen und schadet den Organismen.

Und welche Auswirkungen hat Plastik auf den Menschen?

Im Plastik sind viele Zusatzstoffe wie zum Beispiel Bisphenol A, Phthalate, fluorierte Chemikalien und bromierte Flammschutzmittel, die für den Menschen bedenklich sein können. Diese Stoffe sammeln sich im Blut und Fettgewebe an. Sie stehen im Verdacht, hormonell zu wirken und zum Beispiel die Funktion der Schilddrüse zu beeinflussen. Ob und wie das auf jemanden zutrifft, hängt von der Sensibilität und der genetischen Vorbelastung des einzelnen Menschen ab.

Was raten Sie uns Verbrauchern?

Bewusst zu konsumieren. Zum einen zu überlegen, was man in welcher Verpackung wirklich braucht. Und zum anderen zu schauen, aus welchen Stoffen das Plastik zusammengesetzt ist – und die eben genannten Stoffe zu meiden.

Interview: Maike Brülls

Fünf Tipps zu weniger Plastikmüll

  1. Statt Joghurt im Becher und Milch aus dem Tetrapack lieber die Varianten in Gläsern oder Glasflaschen kaufen.
  2. Mit Jutebeutel einkaufen gehen – so spart man sich die Plastiktüte im Supermarkt.
  3. Für den Coffee-to-go einen Thermobecher mitnehmen: So bleibt der Kaffee auch länger warm.
  4. Statt sie in Folie einzuwickeln, kann man Lebensmittel auch wunderbar in Dosen oder Gläsern frisch halten.
  5. Auf dem Wochenmarkt gibt es Obst und Gemüse unverpackt. Die Marktverkäufer füllen die Lebensmittel auch gern in mitgebrachte Taschen. Alternativ gibt es in vielen Städten bereits Läden, die Produkte „lose“ verkaufen. mbr/saf
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