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ZiSH Schöner fluchen
Hannover ZiSH Schöner fluchen
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12:48 10.01.2014
Quelle: Collage: Pohl/Rollenhagen
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Hannover

Stolze 506-mal „Fuck“, das ist neuer Rekord: Im Hollywood-Streifen „Wolf of Wall Street“, der nächste Woche anläuft, bringt Anlagebetrüger Jordan Belford (gespielt von Leonardo DiCaprio) seine gutgläubigen Opfer um viele Millionen Dollar. Die amoralischen Praktiken seines Hauptdarstellers unterstreicht Regisseur Martin Scorsese mit einem nicht enden wollenden Schwall an Flüchen. Allein 506-mal wird im Film „Fuck“ gerufen. Und das in allen Variationen. Als Verwünschung in „Fuck you“, als Adjektiv im Ausruf „Fucking hell“ oder einfach so. „What the fuck?“, fragt man sich da. Was soll der Mist? Zwei Schimpfwortexperten geben Antworten:

Verdammt, warum fluchen wir eigentlich?

Weil wir uns fürchterlich über etwas ärgern. Und diesem Ärger müssen wir irgendwie Luft machen. Reinhold Aman ist Schimpfwortexperte. Als emeritierter Professor an der University of Wisconsin-Milwaukee forschte er in 220 Sprachen und gab die Fachzeitschrift „Maledicta“ heraus. Er erklärt das Schimpfen so: „Es passiert etwas, wir regen uns auf, und das muss raus. Falls es einen Schuldigen gibt, richtet sich das natürlich gegen den.“ Wer flucht, baut verbal Aggressionen ab.

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Wie beleidigen wir am liebsten?

„Deine Mutter stinkt!“, „Dein Opa ist dein Vater!“, „Du Sohn einer vaterlosen Ziege!“ – bei Beleidigungen muss ganz schön oft die Familie herhalten. Und auch Ausfälle gegen die Religion oder Gotteslästerungen sind laut Aman beliebt, vor allem unter Katholiken. Hauptsache, es wird ein Tabu gebrochen. Aber mit einem „Fahr zur Hölle!“ kann man einen Atheisten wohl kaum ärgern. Dann bewegen wir uns doch lieber gleich unterhalb der Gürtellinie: Beschimpfungen, in denen es um Fäkalien und die Unterleibsregionen geht, sind nämlich besonders beliebt.

Kann man überhaupt beleidigen, ohne dabei jemanden zu verletzen?

„Fluchen und Schimpfen muss nicht immer aggressiv, sondern kann auch sehr lustig sein“, meint Sprachwissenschaftler Reinhold Ris. Wenn man Papa nicht als „Arsch“ beschimpft, sondern als „Doofmann“ gibt es vielleicht auch keinen Hausarrest.

Wie kreativ sind wir beim Fluchen?

Besonders ideenreich fluchen wir nicht. Im Gegenteil: „Die Fluchkultur ist eher langweilig. ‚Shit‘, ‚Fuck‘, ‚Scheiße‘ – viel mehr fällt uns nicht ein“, sagte Sprachwissenschaftler Ris, ehemaliger Professor der ETH Zürich, in einem „Spiegel“-Interview. Und mit „Scheiße“ könne man heute niemanden mehr schockieren. Auch wenn es im Affekt vielleicht nicht so leicht ist: Beim Schimpfen ruhig mal auf die Kacke hauen!

Fluchen andere Völker anders?

„Dein Gesicht ist so runzlig wie ein Elefantenarsch!“ – diese schöne Beschimpfung kommt aus Zentralafrika. Und wenn ein Perser seinem Gegenüber verbal eins auswischen will, dann fällt ihm vermutlich schnell ein „Ich furze in den Bart deines Vaters!“ ein. Schimpfwortforscher Aman hat in über 40 Jahren das Fluch- und Schimpfverhalten vieler Völker untersucht. „Die osteuropäischen Juden sind Weltmeister im Fluchen“, sagt er. Ihre Themen seien meist Gesundheit, Geld und Religion. „Vor allem aber sind sie immer sehr unterhaltsam.“ Ein „Berühmt sollst du werden – man soll eine Krankheit nach dir nennen!“ oder „Mögen alle deine Gläubiger stets deine Adresse haben!“ ist in jedem Fall nicht so fäkal­orientiert wie „Du alte Kackbratze!“.

Wie verändern sich Schimpf- und Fluchwörter?

Wenn Oma Opa „Du Hund!“ nennt, finden wir das jetzt nicht sooooooo schlimm und verstehen nicht, warum das in einem Ehestreit endet. Denn auch Schimpfwörter unterliegen Moden – und alte Flüche klingen für Jüngere mitunter geradezu harmlos. Was häufig gebraucht wird, nutzt sich zudem ab, meint Aman. Das einst extrem anstößige „Arschloch“ etwa werde heute bisweilen sogar schon freundschaftlich-scherzhaft verwendet.

Von Isabell Rollenhagen
und Ansgar Nehls

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Braunkack, beim Teutates!

Kreativ: Stefan und Kai haben ein Problem. Im Kofferraum ihres Mercedes liegen zwei bewusstlose Geiseln und etliche Kilogramm Gras. Die beiden Dealer aus der Kifferkomödie „Lammbock“ wurden von der Polizei angehalten und sollen jetzt ihren Kofferraum öffnen. Da hat Kai, gespielt von Moritz Bleibtreu, eine letzte verzweifelte Idee: Er beginnt wie wild zu fluchen: „Nazi-Kommunisten-Schwein“, „Rosettenkönig“, „Affenschwänze“! Stefan springt auf die Idee seines Kumpels an und macht den Beamten weis, dass Kai am Tourettesyndrom leide – und leider gar nicht anders könne. So entkommen die beiden gerade noch so aus der misslichen Lage. Das beweist: Schimpfen ist selten politisch korrekt, kann manchmal aber hilfreich sein – zumindest im Film.

Stilvoll: Könige dürfen nie fluchen. Die Etikette verbietet es. „Abscheulicher Mistkerl“ ist der schlimmste verbale Ausfall, der Colin Firth (Bild) in „Die Rede des Königs“ über die Lippen kommt. Kein Wunder, er spielt den britischen König Georg VI. Wäre da nicht Geoffrey Rush als dreister Sprachtrainer Lionel Logue. Er triezt und provoziert den britischen König so lange, bis dieser ausrastet, einmal tief Luft holt und „fickediepissfurz­arsch“ brüllt. In einem Wort. Ohne zu atmen. Das musste wohl mal raus!

Fäkal: Ein Meister der kreativen Flüche und Beschimpfungen ist der namenlose Ritter aus „Die Ritter der Kokosnuss“. Als Franzose kann er vornehmlich Engländer so gar nicht ausstehen und beleidigt Artus und seine Ritter der Tafelrunde folgendermaßen: „Isch scheiß’ auf deine Tafel einen riesigen ‘aufen.“

Jugendfrei: Besonders witzig werden Flüche und Beschimpfungen häufig dann, wenn scheinbar völlig harmlose Worte zusammengesetzt werden. „Die wilden Kerle“ aus der gleichnamigen Buch- und Filmreihe können das in Perfektion: „Kaninchenwattebauschbommelschwanzpo“ ist witzig, kreativ und gleichzeitig sogar noch jugendfrei.

Gottesfürchtig: Die furchtlosen Gallier um Asterix und seinen beleibten Freund Obelix (Bild) haben nur vor ganz wenigen Respekt. Die Römern zählen nicht dazu. Wohl aber die Götter. Die wackeren Dorfbewohner leben schließlich in ständiger Furcht, dass diese ihnen den Himmel auf den Kopf stürzen lassen. Deswegen kämen sie auch nie auf die Idee, unpassende Kraftausdrücke zu verwenden, wenn ihnen gerade mal wieder ein Wildschwein entkommen oder der Zaubertrank ausgegangen ist. Ihr Schimpfwort-Repertoire richtet entsprechend vage gen Himmel: Wenn sie, wie in „Asterix und Kleopatra“, tatsächlich einmal „Beim Teutates“ ausrufen, muss es wirklich schlimm um das gallische Dorf bestellt sein.

Tierisch: Ganz und gar nicht gottesfürchtig ist dagegen Dan Akroyd als Elwood Blues in „Blues Brothers“. Als die rabiate Nonne, die ihn und seinen Bruder aufzog, mit dem Rohrstock auf die beiden losgeht, beginnt er sie zu verfluchen – und trifft mit „fetter Pinguin“ genau ins Schwarze.

Mundartlich: Postfilialleiter Philippe Abrams hat allen Grund, sein Leben zu verfluchen. Wegen einer kleinen Notlüge wird er zwangsversetzt – ausgerechnet in den höchsten Norden Frankreichs. „Merde!“, würde man da sagen. Doch nicht so in seiner neuen Heimatstadt Bergues. Die Bewohner der Region, in die es „Willkommen bei den Sch’tis“-Star Kad Merad verschlägt, sind nämlich ein bisschen anders: Sie gelten als beschränkt und sprechen einen Dialekt, den Sch’ti, den man nun wirklich nicht verstehen kann. Ernst nehmen kann man die Menschen deshalb kaum. Und böse sein erst recht nicht. Philippes neuer Mitarbeiter Antoine (Dany Boon) etwa beschimpft Menschen höchstens mal als „Blödbommel“. Auch dank des niedlichen Dialekts fühlt Philippe sich schneller wohl, als ihm eigentlich lieb ist. So ein „Braunkack“ aber auch!

Klassisch: Der Klassiker unter den Flüchen ist Bruce Willis’ „Yippie-Ya-Yeah, Schweinebacke!“. Dank der Coolness, mit der er als John McLane im ersten „Stirb langsam“-Teil Bösewicht Jack Gruber anraunzt, ist der Spruch schnell zu seinem Markenzeichen geworden.

Mitarbeit: Joss Doebler, Ansgar Nehls, Isabell Rollenhagen, Sarah Seitz und Sina Sommerfeld

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