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HAZ-Autotests Der Charme hat sich verwachsen
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09:45 11.11.2013
Die Beplankung des 500L Trekking ist aus Plastik und fürs Gelände wenig geeignet.
Die Beplankung des 500L Trekking ist aus Plastik und fürs Gelände wenig geeignet.
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Hannover

Es ist eine Binsenweisheit: Das Verhältnis eines Autofahrers zu seinem neuen Auto beginnt häufig mit einem freudig aufgeregten A wie „Ah“ und endet mit einem enttäuschten O wie „Oh“, weil die alte Kiste mittlerweile klappert und auch sonst so ihre Macken hat. Manchmal allerdings trifft man auf ein Auto, das lässt das „Ah“ einfach aus. Der neue Fiat 500L Trekking ist so ein Beispiel.

Was ist nur los mit den Italienern? Die einstmals stolze Autoindustrie kämpft, von einigen Exoten einmal abgesehen, verkrampft um schwindende Marktanteile, und mit dem Design – ja, dem berühmten italienischen Design – ist es auch nicht mehr ganz so weit her. Gut, der Cinquecento war und ist ein Volltreffer. Er ist neben dem Mini das einzig wirklich gelungene Beispiel, wie man traditionelle Linien modern interpretieren kann. Retro heißt das dann. Der kleine Italiener ist stylish, schnuckelig, mit ganz vielen femininen Genen. Dass die Italiener davon zehren wollen, ist nachvollziehbar. Zumal die Bayern von BMW auch hier die Richtung vorgegeben haben, indem sie dem Basis-Mini inzwischen einige im Markt gut funktionierende Ableitungen spendiert haben.

Mangelndes Flair

Das können wir auch, hat man sich bei Fiat wohl gedacht, die größere Plattform des Punto als Grundlage genommen, und ein Auto darauf gestellt, das 500L heißt. Doch mit der 500 im Schriftzug am Heck war es das schon, vom Flair des Cinquecento ist nicht viel geblieben. Das Fahrzeug baut hoch, verströmt den Geruch von Kunstleder und Plastik und nagelt mit dem 0,9-Liter-Zweizylinder so ruppig-laut los, als würde die Welt um uns herum aus Baumarktkomponenten zusammengehalten.

Genau diese Maschine hatte unser Testwagen, ein 500L Trekking. Das ist die SUV-Variante des Cinquecento – wobei man gleich vergessen sollte, dass dieses Fahrzeug auch nur entfernt irgendetwas mit Gelände zu tun hat. Auch wenn es noch ein bisschen höher baut und ein paar Planken aus Kunststoff besitzt, die wohl einen Unterfahrschutz andeuten sollen, auf den sich die Besitzer dieses Fahrzeugs besser nicht verlassen sollten.

Im Innern hat sich das schicke Interieur des Fiat 500 irgendwie verwachsen. Das Instrumentarium ist bemüht modern, die Mittelkonsole völlig grundlos unterbrochen, und warum das zweifarbige Lenkrad zumindest optisch so aussieht, als sei es oval, ist einfach rätselhaft. Dass die eigentliche A-Säule um eine zusätzliche Strebe, sozusagen eine A-plus-Säule, ergänzt wurde, ist noch geheimnisvoller.

Luftiges Raumgefühl

Doch es gibt auch Positives zu vermelden: Das Raumgefühl ist dank des großen Panoramadachs luftig, die Rundumsicht der hoch sitzenden Insassen einfach klasse. Sobald man sich an die neue Geräuschkulisse etwas gewöhnt hat, geht der kleine TwinAir-Zweizylinder mit seinen immerhin 105 PS ganz ordentlich ans Werk. Für ein bisschen mehr Traktion bei Matsch und Regen sorgt der Schalter Traktionplus, der über das ESP elektronisch den Kraftfluss zwischen den Vorderrädern bedarfsmäßig verteilt. Doch das ist eigentlich schon alles, was die Trekking-Version von der reinen Straßenvariante unterscheidet.

Fehlerhafte Technik

Im Fall unseres Testwagens kam erschwerend dazu, dass die Elektronik ein interessantes Eigenleben führte. Der optionale City-Notbremsassistent signalisierte ständig, dass mit ihm nicht zu rechnen sei, und auch das Start-Stopp-System zeigte sich die meiste Zeit unwillig. Und das Autoradio verlor so oft unseren bevorzugten Radiosender, dass wir unterwegs nur die Hälfte der aktuellen Nachrichten mitbekamen, was uns auf Dauer mächtig ärgerte.

Unterm Strich waren und sind wir von diesem Fiat enttäuscht gewesen. Als alte Alfa-Romeo-Fahrer mögen wir italienische Autos. Doch wer im Wettbewerb erfolgreich mitschwimmen will, muss heute einfach mehr bieten.

Fiat 500L Trekking

  • Motor: 0,9-Liter-Zweizylinder-Benziner
  • Leistung: 77 kW/105 PS
  • Max. Drehmoment: 145 Nm
  • CO2-Emission: 119 g/km
  • Beschleunigung (0-100km/h): 12,6 s
  • Höchstgeschwindigkeit: 173 km/h
  • Länge/Breite/Höhe: 4,27/1,80/1,68 m
  • Verbrauch: 5,1 l Super
  • Leergewicht: 1.345 kg
  • Anhängelast: 1.000 kg
  • Kofferraum: 400-1310 l
  • Preis: ab 20.650 Euro

Fazit:

+ die Rundumsicht ist sehr gut, Passagiere sitzen hoch

– vom Charme des kultigen Fiat 500 ist nicht viel geblieben

Gerd Piper