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Auto & Verkehr BMW bringt Kracher in der Golf-Klasse
Mehr Auto & Verkehr BMW bringt Kracher in der Golf-Klasse
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00:32 18.08.2012
Der BMW 1er geht in der M-Version wie ein lupenreiner Sportwagen um die Kurven. Quelle: Hersteller
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Hannover

Wie wir alle wissen, gibt es Dinge zwischen Himmel und Erde, die nur schwer zu erklären sind. Warum sind es immer die unvernünftigen Autos, die einem zuraunen: Komm, fahr mit mir und lass uns ein wenig Spaß haben! Wo wir doch tief in unserem Herzen wissen, dass es unanständig ist. Schließlich ist es politisch korrekt und unsere Pflicht, die „guten“ Autos zu propagieren - also die mit sparsamen Verbräuchen und geringem Kohlendioxidausstoß, die zudem noch erschwinglich sind, sodass wir alle damit zusammen die Welt retten können. Aber dann trifft man auf so ein Gefährt mit drei vergitterten Lufteinlässen in der Frontschürze, tiefergelegter Karosserie, machohaft ausgestellten Kotflügeln, und - bums! - sind bei einigen die guten Vorsätze vergessen.

Der 1er von BMW ist per se ein gutes Auto. Solide unterwegs in der Golf-Klasse, dabei etwas sportlicher ausgerichtet als die Konkurrenz, weil die Kundschaft das nun einmal von einem BMW erwartet. Dass es beim kleinsten Antrieb, dem 114i mit seinen 75 kW/102 PS, im Sprint (0 auf 100 km/h in 11,2 Sek.) nur zu eher bescheidenen Leistungen reicht, macht der kleine Vierzylinder mit ganz ordentlichen CO2-Werten wieder wett.

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Aber bei BMW geht es bekanntermaßen auch anders: Den neuen dreitürigen 1er gibt es auch in einer M-Performance-Version, jener in das Modellprogramm neu eingezogenen Sportlinie, die die Lücke zwischen hartem Sportgerät und den normalen Autos schließen soll. Die lange Motorhaube und die rahmenlosen Fenster deuten bereits an, dass sich dieses Auto an eine junge oder jung gebliebene Kundschaft richtet.

Und genau so ein Fahrzeug steht jetzt vor mir: M135i ist die offizielle Bezeichnung, was übersetzt so viel heißt wie: 3,0-Liter-Sechszylinder mit 235 kW/320 PS und dem obligatorischen Heckantrieb. Der Kunde kann im Fond zwischen zwei und drei Sitzen wählen, was aber eher eine theoretische Überlegung ist, da man es keinem wünscht, sich dort hineinzwängen zu müssen. Denn wer hinten einmal Platz genommen hat, ist noch lange nicht wieder draußen. Also, Familien, aufgepasst: Ihr solltet hier in jedem Fall den Fünftürer wählen.

Vorne sitzt man dafür sehr anständig. Das Ambiente ist nicht übermäßig auf Sportwagen getrimmt - der Wagen hat nicht einmal die Aluminiumpedalerie, mit der sich bereits weit weniger sportlich ausgerichtete Fahrzeuge gerne schmücken. Dafür kann der Fahrer - und das ist einzigartig in diesem Segment - zwischen einem Sechsgang-Handschaltgetriebe und einer Achtgang-Automatik wählen.

Wer sich hinter dem Lenkrad eingerichtet hat und den Motor startet, ist erst einmal ein wenig enttäuscht. Kein knarziges Grummeln, kein tieffrequentes Brummen - ein Turbo eben. Nach den ersten eher etwas verhalten gefahrenen Kilometern denkt man, dass man hier eigentlich mehr erwartet hat. Das Fahrwerk in der Comfort-Einstellung des serienmäßigen Fahrerlebnisschalters ist gutmütig und komfortabel, der Wagen ist schnell, aber nicht übermäßig lebendig.

Das ändert sich von einer Sekunde zur anderen, wenn man in den Sport-Modus geht und das Gaspedal durchtritt. Der Motor heult auf, das Fahrwerk strafft sich, der Wagen macht einen Satz nach vorne, und von nun an geht die Post ab. Wir sind den M135i im Land der bayerischen Seen gefahren, also mehr oder weniger im Paradies: lange Kurven, die gut überschaubar sind, kaum Gegenverkehr, höchstens mal ein Trecker. Eine Gegend also, die diesem Auto jede Menge Möglichkeiten zur Entfaltung seiner Stärken gibt.

Und hin und wieder kommt ein Kreisel. Fein, denkt man dann, guckt nach links und rechts, keine Menschenseele in Sicht, also dann nichts wie rein - eingelenkt und Vollgas. Irgendwann muss das Heck doch mal abschmieren, das tut es dann auch, aber es kommt nicht plötzlich und mit Macht, sondern ganz allmählich, sodass es kein Problem ist, den Wagen einzufangen. Sieh an, gutmütig ist er auch noch. Zugegeben, wir haben dieses Manöver mit aktivierter Traktionskontrolle gewagt. Die Gefahr, auf einer öffentlichen Straße plötzlich quer zu stehen, war doch zu groß.

Auf der Autobahn können wir den neuen 1er voll ausfahren - bei Tempo 250 ist offiziell Schluss, unsere Tachonadel kommt bei 260 km/h zum Stehen - elektronisch abgeregelt. Auch hier, im Hochgeschwindigkeitsbereich, beeindruckt der Wagen durch seine Ruhe - kein nervöses Zucken, keine feuchten Hände.

Der M135i ist, so finden wir, ein tolles Auto - für Menschen, die es immer eilig haben, oder für die Sause am Sonntagnachmittag. Aber im Alltag geht es auch einige Nummern kleiner. Dann lässt sich auch leichter die Welt retten. Und billiger wird es auch. Denn mit den 39850 Euro, die BMW als Einstiegspreis aufruft, ist dieser Kompakte richtig teuer.

 Gerd Piper