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Auto & Verkehr „Das ist die Zukunft“
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10:40 21.04.2011
Es wird aufgetankt: Ein riesiger Truck versorgt die Fahrzeuge mit Wasserstoff.
Es wird aufgetankt: Ein riesiger Truck versorgt die Fahrzeuge mit Wasserstoff.
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Keine Ahnung, was den guten Mann nach Cann River im australischen Bundesstaat Victoria verschlagen hat. Das Kaff an der Schnittstelle von Princess- und Monaro-Highway besteht im Grunde nur aus einem Motel, einem Hotel, zwei Tankstellen, einem Supermarkt und ein paar Häusern. Wir stoppen hier lediglich, weil das Kamerateam auftanken muss. Egal, Michael Lutomski ist von der knallgelben Mercedes-Benz B-Klasse mit der Aufschrift F-Cell World Drive begeistert. Der Risk Manager des Space Station Programms der Nasa in Houston, Texas, will alles wissen: „Wo befindet sich die Brennstoffzelle? Kann ich mir mal den Motorraum angucken? Macht ihr ein Foto von mir mit dem Auto?“ Kein Problem. Lutomski strahlt: „Das ist die Zukunft.“

Vor 125 Jahren hat Carl Benz das Automobil erfunden. Mercedes nutzt das Jubiläumsjahr für ein Statement: einmal mit der Brennstoffzelle um die Welt, vier Kontinente, 14 Länder und 30 000 Kilometer in 125 Tagen. Der Elektroantrieb mit Brennstoffzelle, so die Botschaft, ist serienreif. Leider fehlt die notwendige Infrastruktur. Deswegen werden die Brennstoffzellenautos auf ihrem Weg rund um den Globus von einem mächtigen Tross begleitet: Ein Truck mit Wasserstofftank der Linde-Group, ein Truck mit allen notwendigen Ersatzteilen, dazu Kamera- und Fotografenteams, Techniker, Offizielle; es wurde an alles gedacht – bis hin zur Küchenmannschaft, die die Truppe während der Zwischenstopps zum Auftanken verpflegt.

Die Brennstoffzelle hat gegenüber der Batterie einen entscheidenden Vorteil: Sie garantiert Reichweite. 400 Kilometer sollen es sein, bei den rund 1300 Kilometern von Sydney nach Melbourne stellen sich 300 Kilometer als realistischer heraus. Schließlich geht es häufig bergauf und bergab, die Klimaanlage läuft, Radio und Navigationssystem verbrauchen ebenfalls Strom. 300 Kilometer schafft jedenfalls keine großserientaugliche Batterie. Wenn das Problem mit der Infrastruktur nicht wäre – 200 Wasserstofftankstellen gibt es derzeit weltweit, Entwicklung ungewiss. Denn wer investiert heute einen Millionenbetrag zur Einrichtung einer Wasserstofftankstelle, wenn niemand vorbeikommt und tankt?

Deshalb ist die Erdumrundung auch mit der Aufforderung verbunden, die notwendige Infrastruktur zu schaffen. Technisch ist das kein Problem, doch solange die meisten Hersteller bei den alternativen Antrieben auf die Batterie als Stromlieferant setzen, ist noch eine Menge Überzeugungsarbeit gefragt. Dabei gibt es inzwischen eine Studie, an der die großen Autohersteller sowie einige Energieversorger teilgenommen haben, nach der die Einrichtung eines flächendeckenden Netzes mit Wasserstofftankstellen bis zum Jahr 2050 weitaus günstiger kommt als ein entsprechendes Netz zur Stromversorgung für Elektroautos.

Für Mercedes ist die Brennstoffzelle schon jetzt ein wichtiger Baustein auf dem Weg in künftige Mobilitätskonzepte. Viele Hersteller haben sich hier zurückgehalten und oftmals auch das Engagement unverhohlen belächelt. Das hat keine Zukunft, war lange Zeit die vorherrschende Meinung. Die Technik sei viel zu teuer, niemand könne sie sich leisten, hieß eines der Hauptargumente. Doch wer die Schwaben kennt, weiß, dass sie kein Geld für Hirngespinste zum Fenster rauswerfen, sondern irgendwann die vielen Millionen Euro, die sie in die Entwicklung der Technologie gesteckt haben, zurückhaben wollen. Neue Berechnungen gehen davon aus, dass sich die Brennstoffzelle sehr wohl einmal rechnen kann und sich dann irgendwo auf dem Preisniveau eines Hybridfahrzeugs einpendeln wird.

Die Leistungsdaten der Brennstoffzellen-B-Klasse sind in jedem Fall überzeugend: Der Motor leistet 100 kW/136 PS. Das Drehmoment von 290 Newtonmetern steht von der ersten Umdrehung an zur Verfügung. Damit sind Fahrleistungen möglich, die in etwa denen eines Zweiliter-Benziners entsprechen, bei einem Verbrauch von umgerechnet gerade einmal 3,3 Litern Diesel auf 100 Kilometern. Und das emissionsfrei, denn der Auspuff stößt lediglich Wasserdampf aus, kein einziges Gramm Kohlendioxid. Zero-Emission heißt das international. Fünf vollwertige Sitzplätze, 416 Liter Kofferraumvolumen, eine Kaltstartfähigkeit bis minus 25 Grad und ein souveräner Vortrieb sind weitere Belege, dass die Technik inzwischen voll alltagstauglich ist. Kein Wunder also, dass die Faszination Brennstoffzelle mit jedem gefahrenen Kilometer immer weiter in den Hintergrund tritt; das Auto fühlt sich einfach viel zu normal an. Selbst die Blicke auf das Diagramm, das Verbrauch und Aufladung der Lithium-Ionen-Batterie als Stromspeicher anzeigt, werden weniger. Stattdessen sorgen wir uns um die Einhaltung der Tempolimits. Die Polizei, so wurde uns ans Herz gelegt, kennt in Australien kein Pardon – schon wenige km/h zu viel, und es wird teuer.

Michael Lutomski interessiert das nicht so sehr. Er postiert sich hinter der Fahrertür und lacht in die Kamera. „Great“, ruft er, als wir ihm das Foto zeigen. Der Mann, der gedanklich häufig im Weltraum unterwegs ist, ist einem Stück Zukunft ganz erdnah begegnet. Offensichtlich hat ihn das glücklich gemacht.

Von Gerd Piper

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