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Auto & Verkehr Der Dreizylinder ist auf dem Vormarsch
Mehr Auto & Verkehr Der Dreizylinder ist auf dem Vormarsch
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16:16 22.10.2012
Ein geküsster Motor: Ford-ChefAllen Mullay kam zum Produktionsstartdes neuen Dreizylinders in Köln eigens aus den USA angereist.
Ein geküsster Motor: Ford-ChefAllen Mullay kam zum Produktionsstartdes neuen Dreizylinders in Köln eigens aus den USA angereist. Quelle: Hersteller/Archiv
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Die Zeiten ändern sich. Und das Motto „weniger ist mehr“ ist daher längst salonfähig geworden. So bietet Mercedes-Benz sein Aushängeschild S-Klasse allen Kritikern zum Trotz mittlerweile gar mit einem wenig repräsentativen Vierzylinder-Motor an. Otto Normalverbraucher verzichtet derweil immer häufiger auf noch einen weiteren Hubkolben und greift bei stetig steigenden Benzinpreisen sowie der allgegenwärtigen CO2-Diskussion zum einstmals belächelten Dreizylinder-Motor.

„Downsizing“ heißt momentan das Zauberwort der Automobilkonzerne, und so verwundert es nicht, dass der Drilling von allen arrivierten Autoherstellern als günstige Alternative angeboten wird. Zunächst ab den neunziger Jahren nur in kleinen Stadtflitzern wie dem VW Lupo oder Opel Corsa Ecotec verbaut, versehen Dreizylinder ihren Dienst inzwischen ebenso in Autos wie dem Skoda Roomster. Das Vorurteil, der kleine Dreizylinder sei ein typisches Frauenauto, findet sich mit steigenden Verkaufszahlen widerlegt. Doch halten die von Skeptikern als „Motörchen“ belächelten Dreizylinder auch im Alltag das, was sie versprechen?

In der Praxis erwiesen sich die ersten Dreizylinder-Motoren zunächst als ausgesprochen temperamentlos, laut und zudem oft recht rappelig. Einzig der geringere Benzinverbrauch sprach seinerzeit für die Kleinmotoren. Machte der Fahrer die fehlende Elastizität des kleinen Motors indes durch hohe Drehzahlen wett, stieg der Spritverbrauch auch beim Dreizylinder deutlich an.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Die aktuelle Generation der Dreizylinder-Autos rechtfertigt jene Vorurteile längst nicht mehr. Im Stadtverkehr beispielsweise liefert der Dreizylinder im unteren Drehzahlbereich ein besseres Drehmoment als ein Vierzylinder-Motor mit demselben Hubraum. Fahrspaß und Wirtschaftlichkeit müssen sich demnach keinesfalls ausschließen. Und auf Komfort und Sicherheit brauchen die Käufer eines modernen Dreizylinders inzwischen ebenso wenig zu verzichten wie auf das gewohnte Fahrgefühl. Ein Spritverbrauch von unter fünf Litern auf 100 Kilometern nach europäischem DIN-Normzyklus gilt dabei als erklärte Vorgabe nahezu aller Hersteller. Ein weiteres Vorurteil, Kleinstwagen seien lediglich durch den gewichtsoptimierenden Verzicht auf sicherheitsrelevante Ausstattungsmerkmale zu rollenden Spardosen geworden, ist längst widerlegt.

Die Qual der Wahl vermag dem sparbewussten Käufer indes niemand abzunehmen. Bei Volkswagen (Up, 1,0-Liter-Benziner, 44 kW/60 PS, ab 9975 Euro), Opel (Agila, 1,0-Liter-Benziner, 50 kW/68 PS, ab 10600 Euro) und Ford (Focus, 1,0-Liter-Benziner, 74 kW/100 PS, ab 17550 Euro) findet sich der Dreizylinder-Motor ebenso selbstverständlich in der Modellpalette wieder wie auch bei ausländischen Anbietern. Sich in Verzicht zu üben, ist angesichts der wirtschaftlichen Krise in Europa en vogue. Und der Preisvorteil von mindestens zehn Prozent gegenüber dem Vierzylinder dürfte auch eifrigste Sparfüchse überzeugen.

Optisch unterscheidet sich ein Dreizylinder-VW-Polo (Trendline, 1,2-Liter-Benziner, 44 kW/60 PS, ab 12450 Euro) von seinem größeren Vierzylinder-Bruder (Comfortline, 1,4-Liter-Benziner, 63 kW/85 PS, ab 15500 Euro) ohnehin nicht. Die Hubraumzwerge sind längst gesellschaftsfähig. Um diese Erkenntnis kommen auch die Hersteller sportlicher Limousinen nicht mehr herum. BMW setzt in naher Zukunft ebenfalls auf sparsame Dreizylinder-Motoren und bricht damit ein altes bayerisches Tabu.

Die entscheidende Frage nach dem Warum lässt sich folglich in erster Linie mit wirtschaftlichen Aspekten beantworten. Der Verzicht auf den vierten Zylinder spart dem Hersteller neben Bauteilen zudem noch Produktionskosten. Dass der Dreizylinder folglich leichter ist, lässt auch den Fahrer an der Tankstelle zum Gewinner avancieren. Eine Win-win-Situation, die selten geworden ist für Autofahrer. Doch die Zeiten ändern sich ständig - zuweilen auch zugunsten der Zahlmeister der Nation.

Markus Beims