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Auto & Verkehr Die Zukunft hat schon begonnen
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00:14 27.06.2009
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Noch vor einem Jahr interessierten sich fast nur Insider für die Elektromobilität. Automobilkonzerne stellten Elektroautos vor, die in den Medien glänzten, aber nicht auf den Straßen. Doch nun gibt es kein Halten mehr. Der Kunde kann in den nächsten Jahren mit einer Vielzahl von neuen, attraktiven Modellen rechnen. Das hohe Drehmoment, mit dem die Branche nun beschleunigt, hat nicht nur energie- und klimapolitische Ursachen. Wolf-Dieter Lukas vom Bundesministerium für Bildung und Forschung: „Wir können uns gar nicht mehr dafür oder dagegen entscheiden – die ganze Welt hat sich schon entschieden. Das elektromobile Rennen ist gestartet.“
Um dies in Deutschland zu beschleunigen, wird die Bundesregierung die Elektromobilität in den kommenden Jahren mit 700 Millionen Euro fördern. Zielvorstellung: 2020 sollen mindestens eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen fahren. Die Wirtschafts- und Energieministerin Nordrhein-Westfalens, Christa Toben, will diese Initiative in ihrem Land mit weiteren 150 Millionen Euro unterstützen. Aufbruchstimmung – so kann der zweitägige Kongress am besten charakterisiert werden. Einige der Vortragenden erwarten 2020 eine Flotte von mehreren Millionen Elektroautos in Deutschland.

Die Straßen werden bunt

Welche Autos können die Kunden in den nächsten Jahren erwarten? Eine bunte Vielfalt. Im Prinzip sind zwei Stilrichtungen zu unterscheiden: Da sind zunächst Elektroautos, die weitgehend auf der Konstruktion und dem Design konventioneller Autos aufbauen. Ein Beispiel dafür ist der Elektro-Mini von BMW, der bisher allerdings nur für einen Flottenversuch produziert wurde. Zunehmend werden auch Fahrzeuge entwickelt, die sich von tradierten Konstruktionsweisen lösen. Das ist möglich, da die Batterien in den Unterboden eingebaut werden können und der Elektromotor nur wenig Raum beansprucht. Im Extremfall bleibt nur noch eine Fahrgastzelle auf Rädern übrig. Ein Beispiel dafür ist der Friendly des französischen Automobilunternehmens Heuliez. Diese Firma hat langjährige Erfahrungen im Serienbau von Elektrofahrzeugen und fertigte schon mehr als 10 000 Elektroautos für Peugeot und Citroën, wie beispielsweise den Citroën Saxo Electrique, der auf Helgoland als Taxi eingesetzt wird. Mit dem Friendly startet Heuliez nun eine Eigenproduktion – eine eigenwillige dazu. Das Auto ist dreisitzig, der Fahrer sitzt vorne in der Mitte. Den bequemen Einstieg für ihn und zu den beiden Rücksitzen ermöglichen zwei Schiebetüren. Hinter den abnehmbaren Rücksitzen befindet sich ein kleiner Gepäckraum. Das ganze Auto ist dabei kaum länger als ein Smart und soll im kommenden Jahr für etwa 15 000 Euro auf den Markt kommen.

Stadtautos im Fokus

Nach Ansicht der meisten Fachleute wird das „Biotop“ von Elektroautos vor allem der urbane Bereich sein. Hier können sie ihre Vorzüge voll entfalten und ihre Schwachstellen, wie die geringe Reichweite, gut kaschieren. Im Vergleich zu Verbrennungsmotoren weisen Elektromotoren besonders im Stadtbereich einen geringen Energieverbrauch auf, da die bei Kurzstrecken üblichen hohen Warm- und Leerlaufverluste entfallen. Außerdem beschleunigen Elektroautos im unteren Drehzahlbereich sehr gut und sind genügsam im Hinblick auf den Parkraum. Viele Verschleißteile sind überflüssig oder werden weniger beansprucht; die Energierückgewinnung beim Bremsen setzt die mechanischen Bremsen auf Kurzarbeit.

Die einfachen Konstruktionsanforderungen bei Elektroautos sind jedoch Herausforderung und Gefahr zugleich, warnt Professor Gernot Spiegelberg von der Siemens AG. Für die deutsche Automobilindustrie könnten sie zu einer Gefahr werden, da sich die Einstiegsschwelle zum Bau eines umwelt- und benutzerfreundlichen Autos drastisch verringert. Gestern Batteriehersteller, heute Automobilbauer – das bleibt kein Traum mehr.

Von Hans-Jürgen Leist

20.06.2009
20.06.2009