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Auto & Verkehr Elektroautos haben noch Handicaps
Mehr Auto & Verkehr Elektroautos haben noch Handicaps
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00:59 07.07.2012
Entlang der A1 und A2 sind bereits Schnellladestationen für Elektroautos installiert. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Der Elektroantrieb kommt - langsam, aber sicher. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres wurden mit rund 1400 Elektroautos wesentlich mehr Fahrzeuge zugelassen als im gleichen Vorjahreszeitraum. Außerdem gilt weiterhin, dass die Elektromobilität die optimale Mobilität ist, um den Anforderungen des Klimaschutzes und der Energiewende, der Schonung von Ressourcen und der Verbesserung der Lebensqualität in den Ballungsräumen gerecht zu werden. Die Großserienfertigung von Elektrofahrzeugen, die nun in einigen Unternehmen angelaufen ist, lässt aber auch die Problemzonen der Fahrzeuge deutlicher erkennen.

Die Reichweite: Eines der größten Handicaps der Elektroautos ist derzeit deren begrenzte Reichweite, die sich nochmals um bis zu 50 Prozent reduzieren kann, wenn zusätzliche Stromverbraucher genutzt werden. Dies gilt insbesondere bei eingeschalteter Heizung. Welche Lösungen sind möglich? Ist das Elektroauto an eine Lademöglichkeit angeschlossen, so kann das Auto schon vor der Fahrt mit Netzstrom klimatisiert werden. Volvo hat außerdem eine Zusatzheizung eingebaut, die mit CO2-neutralem Bio-Ethanol betrieben werden kann. Da inzwischen von einer regelrechten Reichweitenangst gesprochen werden kann, bieten Unternehmen wie Renault seinen Elektroautokunden einen Pannenservice an, der auch bei leer gefahrener Batterie kostenlos genutzt werden kann.

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Moderne Schnellladegeräte, die ein Elektroauto innerhalb von 30 Minuten mit etwa 100 Kilometer Reichweite versehen können, sind ebenfalls eine Medizin gegen die Reichweitenangst - das zeigen Erfahrungen in Japan. In Deutschland hat nun der Energieversorger RWE zusammen mit Tank- und Raststellenbetreibern in einem ersten Schritt neun Schnellladestationen entlang der Autobahnen A1 und A2 installiert. Bis Ende 2012 kann an diesen Stationen noch kostenlos Strom getankt werden. Eine weitere Möglichkeit zur Reduzierung der Reichweitenproblematik besteht im Batterietausch. Die Renault-Nissan Allianz entwickelt derzeit in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Better Place in Israel und Dänemark ein solches Quickdrop-System (Schnelltausch). Innerhalb von drei Minuten ist dann ein automatisierter Tausch der speziell konstruierten Batterie möglich; der Fahrer kann im Auto sitzen bleiben. Renault bietet zudem für Nutzer seiner Elektrofahrzeuge ein kostengünstiges Mietprogramm für Autos mit Verbrennungsmotoren an, falls die Kunden eine längere Strecke fahren wollen.

Die Kosten: Aufgrund der hohen Batteriekosten sind Elektroautos in der Anschaffung teurer als vergleichbare Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor, im Unterhalt sind die Stromer dagegen günstiger. Da der hohe Kaufpreis eine Hemmschwelle bildet, hat Renault die Kosten für Elektroautos zweigeteilt: Die Elektroautos werden zu einem vergleichbaren Preis wie ein Auto mit Dieselmotor verkauft, die zugehörigen Batterien nur zum Leasing angeboten. Die monatlichen Mietkosten für die Batterie in Höhe von rund 80 Euro und die Stromkosten entsprechen dabei in etwa den Kosten, die man bei einem normalen Fahrzeug und mittlerer Fahrleistung fürs Tanken aufwenden muss.

Batteriewartung und -garantie sind im Mietpreis enthalten. Daimler bietet für den neuen „smart fortwo electric drive“, der in diesem Spätsommer ausgeliefert wird, beide Varianten: Inklusive Batterie kostet der Elektrosmart 23680 Euro, ohne Batterie 18910 Euro plus monatlich 65 Euro Batteriemiete.

In der Regel ist ein Automobil mit weniger als zwei Personen besetzt. Daher könnte eine Kostensenkung auch darin bestehen, für Stadt- und Kurzstrecken ein möglichst kleines Elektrofahrzeug zu nutzen, wie beispielsweise den Twizzy von Renault. Ein schmaler Zweisitzer mit einem Preis von 7000 Euro plus etwa 50 Euro im Monat für die Batteriemiete. Speziell für den städtischen Lieferverkehr hat Toyota den einsitzigen Coms entwickelt. BMW und Daimler planen inzwischen sogar den Bau von Elektrorollern.

Viele Länder subventionieren den Kauf eines Elektroautos mit mehreren tausend Euro, in Deutschland ist dies nicht der Fall. Die Bundesregierung plant jedoch die Kfz-Steuerbefreiung für Elektroautos von derzeit fünf auf zehn Jahre zu erhöhen, außerdem sollen nun nicht nur Pkw sondern auch andere Elektrofahrzeuge davon profitieren. Weitere nicht finanzielle Anreize, wie zum Beispiel Sonderparkplätze für Elektroautos, werden derzeit geprüft. Aufgrund der Kostenstruktur eignen sich Elektroautos auch sehr gut für ein Carsharing. Daimler startete deshalb vor einigen Monaten sein car2go-Sharing-Projekt in Amsterdam mit 300 Elektro-Smarts, weitere 1000 Stromer sollen in diesem Jahr dazu kommen.

Fazit: Elektroautos können derzeit nur eingeschränkt mit den traditionellen Antrieben konkurrieren. Die Lösungsmöglichkeiten für ihre Handicaps nehmen aber zu. Vor allem im städtischen Bereich und hier insbesondere bei häufigen und täglichen Kurzstrecken dürften sie sich eine Nische erobern.

Von Hans-Jürgen Leist