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Auto & Verkehr Fahrerassistenzsysteme - die Vision vom unfallfreien Fahren
Mehr Auto & Verkehr Fahrerassistenzsysteme - die Vision vom unfallfreien Fahren
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00:42 18.08.2012
Fahrerassistenzsysteme erkennen andere Verkehrsteilnehmer und helfen, Unfälle zu vermeiden. Quelle: Continental/TU Braunschweig
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Hannover

Leonie hat eine ganze Menge drauf - aber bei Weitem noch nicht alles. „Sie kann unter guten Bedingungen am Straßenverkehr teilnehmen“, sagt ihr Miterfinder Markus Maurer. Regnet es aber beispielsweise dicke Tropfen, werden Leonies Sensoren blind. Und dann ist die Zukunft wieder Zukunft, das erste automatische Auto wieder nur ein normaler Wagen. Der Fahrer, der sich zuvor von Leonie durch den Braunschweiger Stadtverkehr kutschieren ließ, ohne das Lenkrad zu berühren, muss eingreifen - der Traum vom vollautomatischen Autofahren ist zunächst ausgeträumt. Und dennoch ist das mit Sensoren ausgestattete Fahrzeug, das Professor Maurer und seine Mitstreiter an der Technischen Universität Braunschweig entwickelten und liebevoll Leonie tauften, eines der Aushängeschilder auf dem Weg in die mobile Zukunft.

Denn die Fahrzeugelektronik spielt im Autobau eine immer wichtigere Rolle. Intelligente Systeme sollen dem Fahrer helfen, gefährliche Situationen zu bewältigen oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Die Continental AG beispielsweise ist wie Siemens oder Bosch auf diesem Gebiet zu einem Global Player herangewachsen. Um Autohersteller mit neuester Technik versorgen zu können, wird ständig gefeilt. Vordergründig geht es dabei um die Vermeidung von Unfällen, doch am Ende der Entwicklung steht das automatisierte Fahren. Bei 90 Prozent aller Verkehrsunfälle ist der Mensch der Verursacher, bei 35 Prozent (Mehrfachauflistungen) spielen Witterung und die Straßenverhältnisse eine Rolle. Nur bei neun Prozent liegt es am Fahrzeug. Leonie lässt grüßen.

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Das Ablenkungspotenzial im Auto ist groß: Zu beiden Seiten der Fahrbahn ziehen Panoramen vorbei, im Wagen entstehen Situationen, die gefährlich sein können: das Wechseln einer CD, der Griff nach einem Getränk, Müdigkeit nach einem Arbeitstag. Situationen, von denen jeder Autofahrer glaubt, sie im Griff zu haben. Ein bisweilen fataler Irrtum: Eine Sekunde Ablenkung bei Tempo 100 bedeutet 28 Meter Blindfahrt.

Fahrerassistenzsysteme sollen helfen, unfallfrei durch den Verkehr zu kommen. Was mit dem Antiblockiersystem (ABS) oder der Elektronischen Stabilitätskontrolle (ESP) begann, ist heute so weit, dass entsprechend ausgerüstete Fahrzeuge auf brenzlige Situation schon vor dem Fahrer reagieren. Bremsassistenten, die radar- und kamerabasiert arbeiten, führen im Stadtverkehr eigenständige Vollbremsungen aus, wenn sie ein Hindernis erkennen. Auch Ausweichmanöver können automatisch gefahren werden.

Und welchen Komfort Autofahrer heutzutage in entsprechend ausgestatteten Fahrzeugen genießen dürfen: Parkassistenten finden Parklücken und rangieren das Fahrzeug ein und aus, der Fahrer braucht nur noch Gas und Bremse zu betätigen.

Doch das alles ist nur ein Zwischenschritt zum vernetzten Auto, das nicht nur mit dem Fahrer, sondern auch mit anderen Fahrzeugen und Verkehrsleitsystemen kommuniziert. Conti drückt das so aus: Das Auto der Zukunft ist online, benutzerfreundlich, komfortabel und intelligent. Sein Besitzer wird niemals mehr bei Rot über eine Ampel fahren, weil das die Elektronik regelt. Die sogenannte Car-to-X-Kommunikation lässt Autos miteinander „sprechen“, sie erkennen sich und reagieren aufeinander: Überholen im Nebel könnte damit ein gefahrloses Manöver werden, weil die Elektronik registriert, wer in welcher Geschwindigkeit vor einem unterwegs ist und ob jemand entgegenkommt.

Diese schöne neue Welt funktioniert natürlich nur dann reibungs- und gefahrlos, wenn alle Fahrzeuge auf der Straße mit den entsprechenden Systemen ausgerüstet sind. 20 Jahre gibt der Braunschweiger Professor Maurer beispielsweise den Systemen seiner Leonie noch, bis alle derzeitigen Probleme - wie das mit den dicken Regentropfen, die das Radar erblinden lassen - gelöst sind. Und selbst dann gelte: „100 Prozent sichere Systeme gibt es nicht.“ Ziel müsse sein, dass sich die Stärken von Mensch und Maschine addierten.

Es ist noch ein weiter Weg zum Roboterauto - und auf diesem Weg sollte man im Nebel unbedingt weiterhin vom Gas gehen.

Gerd Piper und Sebastian Harfst