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Auto & Verkehr Gelassenheit wird künftig Pflicht
Mehr Auto & Verkehr Gelassenheit wird künftig Pflicht
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18:39 02.11.2009
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Fortschritt ist manchmal mit Verzicht verbunden. Verzicht auf etwas, das vor Kurzem noch als Fortschritt gefeiert wurde. Was das bedeutet, hat jetzt Volkswagen präsentiert: Die neuen BlueMotion-Modelle von Polo, Golf und Passat stellen in ihren Klassen umwelt- und spritspartechnisch alles in den Schatten, was zurzeit mit konventioneller Technik auf Straßen unterwegs ist. Den Gipfel des Sparzwangs markiert dabei der Polo BlueMotion, dessen Dreizylinder-Common-Rail-Diesel auf 100 Kilometer im Durchschnitt gerade noch 3,3 Liter Kraftstoff benötigt, was einem CO2-Ausstoß von 87 Gramm pro Kilometer entspricht. Das klingt gut. Aber: Seidiger Lauf? Vergangenheit. Durchzugsstark? Passé. Klang wie ein Benziner? Schnee von gestern. Trotzdem wird sich der Polo-BlueMotion-Fahrer durch heitere Gelassenheit auszeichnen. Heiter, weil er jedes grüne Pflänzchen am Wegesrand als persönlichen Verdienst verbuchen kann, und gelassen, weil schnell nicht mehr geht.

Der Weg in die automobile Zukunft ist ein Weg der kleinen Schritte. Fortschritt, das wird in diesem Zusammenhang immer wieder klar, findet auf den Stellen hinter dem Komma statt. Als VW sein BlueMotion-Umweltlabel 2006 ins Leben rief, geschah dies ebenfalls mit einem Polo, der damals mit einem Durchschnittsverbrauch von 3,9 Litern den Weltrekord für fünfsitzige Autos setzte.

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Inzwischen sind drei Jahre vergangen und der Verbrauch ist um 0,6 Liter gesunken. Diesen Wert macht das Zusammenspiel einer Vielzahl einzelner Maßnahmen möglich wie beispielsweise eine abgesenkte Leerlaufdrehzahl, eine Schaltempfehlung für die jeweils optimale Getriebestufe, Rekuperation (Bremsenenergie-Rückgewinnung), optimierte Aerodynamik, Leichtlaufreifen oder eine Start-Stopp-Automatik. Sie sind gegenwärtig die Grundpfeiler für sauberes und sparsames Autofahren.

Allerdings hat die Sache einen Haken: Das alles fügt sich nur zu einem guten Ganzen, wenn der Fahrer mitspielt. Und das ist nicht immer einfach. Auf unseren Testfahrten rund um Celle brachten wir den Polo BlueMotion trotz sehr zurückhaltender Fahrweise und eines hohen Anteils an Landstraßen mit Tempo 70 nicht auf einen Verbrauch von unter 4,5 Litern. Das ist nicht schlecht, aber immer noch ein gutes Stück von den gepriesenen 3,3 Litern entfernt. Wenn die Schaltanzeige den fünften von fünf Gängen forderte, sackte die Drehzahl auf 1200 Umdrehungen ab – am Gaspedal tat sich fortan so gut wie nichts mehr. Dafür wurden die Motorvibrationen im gesamten Fahrzeug spürbar und der kleine Diesel entfaltete einen Sound, den man längst vergessen zu haben glaubte. Sollte es mal zügiger vorwärtsgehen, was in gewissen Grenzen durchaus möglich ist, stieg der Durst der Maschine auf ein Niveau, das andere Hersteller auch bieten. Das heißt im Umkehrschluss: Wer an seinem Polo BlueMotion Freude haben möchte, darf es nicht eilig haben.

Doch selbst dann dürfte es schwer werden, die Werksangaben zu erreichen. Denn die wurden auf dem Prüfstand nach DIN-Norm ermittelt. Ein Beifahrer, eine Kiste Wasser im Kofferraum und eine mittelschwere Einkaufstasche – und alles bleibt ein Traum. Trotzdem: Volkswagen zeigt, wie es geht. Die Wolfsburger sind ihrem Ziel, umweltverträglichster Autohersteller der Welt zu werden, einen kleinen Schritt näher gekommen.

Gerd Piper

05.09.2009
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