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Auto & Verkehr Lancia steht am Abgrund
Mehr Auto & Verkehr Lancia steht am Abgrund
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00:20 24.11.2012
Lancia Delta: Ein Klassiker italienischen Autobaus – aber wie lange noch? Quelle: Hersteller
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Hannover

Es war eine Falschmeldung, die zu Spekulationen über die Zukunft der italienischen Traditionsmarke Lancia führte: Die italienische Nachrichtenagentur ANSA hatte Ende Oktober nach der Bekanntgabe der aktuellen Quartalszahlen das Aus für Lancia vermeldet - und eine halbe Stunde später widerrufen.

Auch wenn das Ableben nach einer über 100-jährigen Geschichte von Lancia ­- die Marke befindet sich seit 1969 in Besitz des Fiat-Konzerns - verfrüht verkündet wurde, ändert das nichts an der katastrophalen wirtschaftlichen Lage des Herstellers. „Wir dürfen uns nicht mehr der Illusion hingeben, dass wir Lancias historisches Image wieder aufbauen können“, sagte Fiat-Chef Sergio Marchionne in diesem Zusammenhang und erklärte: „Die Lancia-Produktion wird schrittweise reduziert.“ Damit dürfte der Versuch, die Marke wiederzubeleben, gescheitert sein.

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Automarken verschwinden nicht ganz plötzlich von der Bildfläche. Es ist in der Regel ein Rückbau in Raten, der schließlich zum Ende führt. Und Dementis gehören während dieser Phase zum üblichen Prozedere. „Alles dummes Zeug“, kommentierte dann auch der Fiat-Deutschlandsprecher Claus Witzek die Meldungen aus Italien, räumte aber gleichzeitig ein: „Europa ist ein äußerst schwieriges Geschäft. Da sitzen alle Hersteller im selben Boot.“

Lancias Problem: Die Marke wird nur in Europa verkauft. Zwar konnte Fiat Anfang Oktober vermelden, dass Lancia neben Jeep in Deutschland zu den wachstumsstärksten Marken des Konzerns zählt, doch die nackten Zahlen rücken diese Erfolgsmeldung zurecht. Von Januar bis September dieses Jahres entschieden sich gerade einmal 2525 Käufer für einen Lancia. Der Kleinwagen Lancia Ypsilon führt mit 935 Einheiten die Statistik an, auf Platz zwei rangiert der Van Lancia Voyager mit 694 verkauften Fahrzeugen. Also keine Verkaufszahlen, über die man sich wirklich freuen könnte.

Die Italiener hatten ihre goldene Zeit in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Damals stand die Marke in dem Ruf, ästhetische und technisch fortschrittliche Fahrzeuge zu produzieren - beispielsweise brachte man die erste selbsttragende Karosserie auf den Markt. Autos wie der Flavia, der Flaminina oder der Fulvia begeisterten seinerzeit durch ihr elegantes Design, der Stratos HF gewann 1974, 1975 und 1976 die Rallye-Weltmeisterschaft dreimal in Folge, und der Lancia Delta HF Integrale, der auf dem Pkw-Kompaktmodell aufgebaut war, ist durch seine beispiellosen Erfolge im Rallyesport in den achtziger und frühen neunziger Jahren zur automobilen Legende geworden. 1986 entwickelte Lancia zusammen mit Ferrari den Thema 8.32, die erste und bisher einzige Limousine mit einem Motor aus Maranello.

Der Niedergang von Lancia begann eigentlich schon mit der Übernahme durch Fiat. Synergien in der Produktion führten zu Qualitätsmängeln, das Unverwechselbare der Marke verschwamm mit den Jahren zunehmend.

Im Herbst 2010 beschloss Fiat schließlich, die Marke Lancia neu aufleben zu lassen - auf der technischen Plattform von Chrysler. Die Italiener waren im Jahr zuvor eine Partnerschaft mit den Amerikanern eingegangen, nachdem deren Allianz mit Mercedes-Benz gescheitert war. Während das Herauslösen der Marke Jeep aus dem Chrysler-Verbund gut zu funktionieren scheint - der aktuelle Jeep Kompass wurde noch von Mercedes mitentwickelt (Witzek: „Außerdem haben wir von Anfang an einen intensiven Technologieaustausch gestartet.“) -, erwies sich das Zusammengehen von Lancia und Chrysler im Nachhinein als Fehler.

Schon heute basieren drei der fünf Lancia-Baureihen auf amerikanischer Technik, Kritiker monieren regelmäßig, dass es sich bei den aktuellen Lancia-Modellen lediglich um Autos von Chrysler unter dem anderen Label handele. Tatsächlich wird nur noch der Lancia Delta in Italien gefertigt. Der befindet sich in der Mitte seines Lebenszyklus und könnte danach ebenfalls in den USA zusammengebaut werden. Damit verbliebe als letztes Fahrzeug nur noch der Ypsilon in europäischer Produktion. Und der läuft in Polen vom Band.

Ob es für Lancia schließlich ein Ende mit Schrecken oder ein Schrecken ohne Ende wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen. Feststehen dürfte aber, dass der Abgesang auf die italienische Traditionsmarke begonnen hat. Denn mittelfristig will sich Fiat stärker auf die Marken Alfa Romeo, Jeep und Maserati konzentrieren und natürlich die eigenen Produkte, allen voran den Fiat 500 und den Panda, pushen. Vielleicht fokussiert man sich auch noch stärker auf das Südamerika-Geschäft. Denn da sind die Italiener Marktführer. Noch vor Volkswagen.

Gerd Piper