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Auto & Verkehr Mercedes weckt heiße Autoträume im Wüstensand
Mehr Auto & Verkehr Mercedes weckt heiße Autoträume im Wüstensand
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00:13 17.11.2012
Der Mercedes-Benz Ener-G-Force wird in der Wüste abgelichtet. Quelle: Hersteller
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Las Vegas

Wenn Markus Bolsinger und sein Team Kameras und Objektive zusammenpacken, ist häufig höchste Geheimhaltung angesagt. Bolsinger zählt zu den bekanntesten Autofotografen in der Bundesrepublik und lichtet irgendwo auf dieser Welt die neuesten Modelle für das Pressematerial von Mercedes-Benz ab.

Wir begleiteten den Esslinger im Valley of Fire rund 40 Meilen von Las Vegas entfernt, wo er in der Wüste Nevadas den SLS 63 AMG Black Series für die L.-A.-Motorshow Ende November ins rechte Licht rückte. Und stießen dabei exklusiv auf eine Weltpremiere, die gerade das Mercedes-Designstudio im kalifornischen Carlsbad verlassen hatte: den Ener-G-Force (sprich: enerdschie) - eine Studie, mit der die Stuttgarter die Zukunft des Sport Utility Vehicle (SUV) ausleuchten wollen.

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Das Valley of Fire ist einer der spektakulärsten Orte in Nevada: Riesige rote Sandsteinformationen wuchten sich bizarr aus dem Wüstensand und zeugen davon, dass hier erdgeschichtlich viel los gewesen ist. Hollywood kommt gerne und spielt zwischen den Felsen Mars.

Doch heute hat die Zukunft deutsche Wurzeln. Dafür lässt Mercedes schon mal ganze Straßen von der Polizei absperren, damit kein Unbefugter die Autos, die es noch gar nicht gibt, zu Gesicht bekommt und im schlimmsten Fall Fotos davon schießen kann. Aufpasser beobachten die Umgebung mit Argusaugen, und taucht doch mal jemand auf, der nicht hierhin gehört, fliegt sofort ein großes Tuch über das wertvolle Blech und hüllt es ein.

Es sind die Träume und Visionen der Konstrukteure und Designer, aus denen die Autos von heute gebaut sind. Beim SLS AMG waren es die Flügeltüren des legendären 300 SL, die bei Mercedes die Sehnsucht weckten, noch einmal ein Auto mit dem Charisma einer Ikone präsentieren zu können.

Was in der Wüste Nevadas wuchtig auf der Straße kauert, ist ein Monument des modernen Sportwagenbaus - schneeweiß mit tiefschwarzem Kühlergrill und ebensolchen Felgen, der SLS 63 AMG Black Series, 464 kW/631 PS stark und mit weit über 200000 Euro unverschämt teuer. Ein Rennauto für Sammler und Reiche also, ein Auto, das in 3,6 Sekunden von0 auf 100 km/h sprintet und das schon jetzt irgendwie ein leichter Hauch von Wehmut umgibt. Denn der grollende 8-Zylinder- Saugmotor dürfte einer der Letzten seiner Art und wie die Dinosaurier zum Aussterben verdammt sein.

Ganz anders der Ener-G-Force, der ein paar Kilometer weiter versteckt in der Wüste steht. Mit einer Polizeiversion wollen die Stuttgarter an der renommierten Los Angeles Design Challenge 2012 teilnehmen. Eine zivile Version soll auf der Automesse indes die Möglichkeiten künftiger SUV ausloten. Ein halbes Jahr lang wurde in Carlsbad an der Version gearbeitet - ausgehend von der unverwüstbaren G-Klasse, die in diesem Jahr 35 Jahre alt wurde und zu den Dauerbrennern im Segment der harten Geländewagen zählt. Zwar ist der Ener-G-Force eine moderne Interpretation des G, eine Weiterentwicklung ist er aber nicht. „Wir gehen davon aus, dass die Einsatzmöglichkeiten künftiger Autos zunehmend abseits befestigter Straßen liegen werden“, sagt Hubert Lee, Creative Director in Carlsbad, der zum Fotoshooting in die Wüste gekommen ist.

„Die Autos müssen im Alltag wie in der Freizeit funktionieren.“ Wer den Ener-G-Force das erste Mal sieht, kann kaum glauben, dass hier der G Pate gestanden haben soll: Riesige 38-Zoll-Reifen und der dynamisch-aggressive Kühlergrill mit extra starken Streben unterstreichen den extrem selbstbewussten Auftritt. Doch beim zweiten Hinsehen kann man die G-DNA mit ein wenig Phantasie dann doch erkennen: die frei stehenden Blinker, die Anordnung der Scheinwerfer, die drei Seitenfenster zwischen den kräftigen Holmen.

Weil in einer solchen Studie möglich ist, was in der Realität nicht geht, haben die Designer den Ener-G-Force mit Zukunftsmusik aller Tonarten vollgepackt: Brennstoffzellenantrieb, vier Radnabenmotoren, integrierte Ladestationen, Seitenschweller, die beim Einsteigen herunterklappen und dann als Tritt zu benutzen sind und gleichzeitig Batterien beherbergen. Augenzwinkernd wurde in Carlsbad gleichzeitig ein entsprechendes Storyboard kreiert, das die Möglichkeiten dieser Studie aufzeigt und nur eine Botschaft hat: Mit diesem Auto lässt sich im Zweifel die Welt retten - oder zumindest ein Teil von ihr.

Gar nicht augenzwinkernd, sondern wirklich auffällig ist die puristische Formensprache des Ener-G-Force. Auffällig deswegen, weil sie im deutlichen Kontrast zu den aktuellen Modellen von Mercedes steht: feine, plane Flächen mit weichen, fließenden Übergängen statt der momentan vorherrschenden, skulpturhaften Linienführung, die auch immer wieder Anlass für Kritik ist. „Wir wollten uns mit dem SUV von den reinen Personenwagen absetzen“, sagt Lee als Erklärung für den auffälligen Bruch. Inwieweit hier bereits eine neue Designsprache der Stuttgarter angedacht sein könnte, bleibt Spielraum für Spekulationen.

Das alles interessiert das Fotografenteam um Markus Bolsinger an diesem Tag herzlich wenig. Ihm geht es darum, das Fahrzeug in Szene zu setzen. Und das möglichst ohne ungebetene Zuschauer. Bolsinger kraxelt auf den roten Felsen herum und sucht neue Perspektiven. Die Aufpasser scannen derweil die direkte Umgebung. Das Tuch zum Verhüllen liegt ständig griffbereit.

Gerd Piper