Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Auto & Verkehr Optimierung der Aerodynamik
Mehr Auto & Verkehr Optimierung der Aerodynamik
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:00 23.02.2013
Rauchfahnen: An den Verwirbelungen wird offensichtlich, wo es am Auto Problemzonen gibt – wenn sie verschwinden, sinkt der Verbrauch. Quelle: Hersteller
Anzeige
Sindelfingen

Vor fast genau 70 Jahren begann in der Automobilentwicklung eine neue Epoche. Damals nahm Mercedes-Benz in Stuttgart-Untertürkheim als erstes Automobilunternehmen einen Windkanal in Dienst. Der liefert bis heute noch Werte. In den dreißiger Jahren beherrschte die Stromlinie noch die Schlagzeilen, entstanden windschnittige Busse für den Fernverkehr sowie aufregend geformte Karosserien.

Doch dann verschwand das Streben nach windschnittigen Formen aus der öffentlichen Wahrnehmung. Was nicht bedeutete, dass die Aerodynamiker nicht weiter an der Verringerung des Luftwiderstandes arbeiteten. In den achtziger Jahren, als Ferdinand Piëch mit dem Audi 100 einen cw-Rekordwert von 0,30 erreichte, standen die Herren und Damen mit den Rauchfahnen kurz im Rampenlicht - und zogen sich bald wieder zurück. Dass der Mercedes W124 im Jahr 1984 mit 0,29 einen neuen Rekord aufstellte, wurde dann noch am Rande zur Kenntnis genommen. Schließlich standen damals andere Dinge auf der Agenda: Das Kabelfernsehen kam, und in Frankfurt wurde die Startbahn West in Betrieb genommen.

Anzeige

So gesehen ist die Welt ungerecht zu den Aerodynamikern. Dabei spielen sie bei Verbrauchsreduzierung, Komfort und Sicherheit eine wichtige Rolle. „Wenn mir jemand vor sieben Jahren gesagt hätte, dass wir mal Werte von 0,23 und 0,22 wie beim neuen CLA erreichen, hätte ich das nicht für möglich gehalten“, sagt Teddy Woll, Chef-Aerodynamik bei Mercedes-Benz.

Das Rekordergebnis ist das Zusammenspiel vieler Details. Dazu gehört zum Beispiel der patentierte Radspoiler, der störende Verwirbelungen in den Radhäusern vermeidet, indem er den Luftstrom von den Rädern ablenkt und durch seine gezackte Form Scherschichten stabilisiert. Noch weniger ins Auge als der versteckt arbeitende Spoiler fallen Details wie ein optimierter Unterboden mit großflächigen Motorraum-Bodenverkleidungen sowie eine ebenfalls großzügig ausgelegte Verkleidung der Hinterachse oder strömungsgünstige Bug- und Heckschürzen. Auch vermeintliche Kleinigkeiten wie luftwiderstandsarme Radblenden oder speziell entwickelte Aero-Leichtmetallräder spielen bei der Optimierung des Luftwiderstands eine Rolle. Diese Feinarbeit zahlt sich am Ende aus.

Aerodynamisch optimierte Fahrzeuge haben einen direkten Einfluss auf Verbrauchs- und Umweltwerte. Teddy Woll: „Gelingt es, den cw-Wert um zehn Tausendstel zu senken, sinkt der Kraftstoffverbrauch um durchschnittlich ein zehntel Liter, bei ganz schnellem Autobahntempo um bis zu 0,4 Liter je 100 Kilometer. Um diesen Spareffekt durch Leichtbaumaßnahmen zu erzielen, müsste man die Autos um mindestens 35 Kilogramm abspecken.“

Die größten Fortschritte erreichten die Aerodynamiker in den vergangenen Jahren bei der Durchströmung des Motorraums, im Bereich der vorderen Räder und beim Unterboden. „Allein im vorderen Radhaus konnten wir bei den neuen Kompaktmodellen durch das Zusammenspiel von gezackten Radspoilern, Radhausschlitzen und optimierten Aero-Rädern bereits elf Tausendstel gewinnen“, erklärt Woll. So entwickelt sich Tausendstel für Tausendstel am Ende ein optimaler Wert.

Im Sommer beginnt für die Aerodynamiker in Sindelfingen eine neue Zeitrechnung, wenn der neue Aeroakustik-Windkanal seine windige Tätigkeit beginnt. Das Gebläse mit neun Karbon-Schaufeln kann Windgeschwindigkeiten bis maximal 265 km/h erreichen. Dann geht der Kampf um die Tausendstel in eine neue Runde.

Walther Wuttke