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Auto & Verkehr Testfahrt mit dem Mercedes-Fahrsimulator
Mehr Auto & Verkehr Testfahrt mit dem Mercedes-Fahrsimulator
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00:40 19.01.2013
Eine nahezu perfekte Illusion: Mit dem Fahrsimulator kann Mercedes neue Assistenzsysteme in den einzelnen Entwicklungsstufen am Computer testen. Quelle: Daimler AG
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Sindelfingen

Die Landschaft huscht schemenhaft vorbei, dann kommen die ersten Häuser einer Vorstadt in Sicht, Fußgänger sind unterwegs, Autos kommen mir entgegen - ich drossele das Tempo, fahre vorsichtiger, schließlich weiß man nie so genau, was in der nächsten Sekunde passiert. Und tatsächlich: Plötzlich schießt rechts aus einer Querstraße ein Wagen auf die Kreuzung. Ein kräftiger Tritt auf die Bremse, und der Wagen kommt zum Stehen. Oje. Das war aber knapp.

„Sehr gut reagiert“, kommt eine Stimme aus dem Off. „Könnten Sie das nächste Mal etwas weniger stark bremsen, dann können wir Ihnen besser demonstrieren, wie unser neuer Bremsassistent in der nächsten Generation der S-Klasse funktioniert.“

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„Gut“, sage ich und fahre wieder an. Ich sitze in Sindelfingen im teuersten und leistungsfähigsten Fahrsimulator der Automobilindustrie, einem mächtigen Ungetüm auf flexiblen Stelzen, für das Mercedes-Benz eigens eine Halle gebaut hat. 25 Millionen Euro hat das Monstrum gekostet, das auf einer zwölf Meter langen Schiene in Längs- und Querrichtung bewegt werden kann, um Fahrsituationen möglichst realistisch nachstellen zu können. Die Anlage erinnert an die Simulatoren der Flugzeugindustrie, nur dass man mit dem hier nicht abheben kann.

„Mit dem Simulator können wir hochdynamische Fahrmanöver wie Spurwechsel realistisch nachbilden und so das Verhalten von Fahrer und Fahrzeug im Straßenverkehr intensiv erforschen“, erklärt Mercedes-Entwicklungsvorstand Thomas Weber Sinn und Zweck der Anlage. Natürlich kann der Simulator reale Testfahrten nicht vollständig ersetzen, doch die Systeme und Komponenten künftiger Mercedes-Modelle lassen sich hier in den verschiedenen Entwicklungsphasen erproben.

Um die einzelnen Situationen so lebendig wie möglich zu gestalten, sitzt der Fahrer in einer echten S-Klasse, die in der Kabine steht, die von der sechsfüßigen Maschine, einem sogenannten Hexapoden, bewegt wird. Um den Wagen herum werden die Szenen fotorealistisch auf eine 360-Grad-Leinwand projiziert. Sobald der Fahrer die Tür geschlossen, den Gurt angelegt und den Motor gestartet hat, fühlt er sich augenblicklich als Bestandteil des virtuellen Geschehens. Und wenn beim Gasgeben die Beschleunigung zu spüren ist und die Szenerie immer schneller an einem vorbeifliegt, hat man schnell vergessen, dass hier nichts so ist, wie es scheint.

Um wirklich „echte“ Eindrücke sammeln zu können, werden regelmäßig normale Autofahrer zu den virtuellen Testfahrten eingeladen ­- die meistens erst hinterher erfahren, dass sich gleich neben dem Simulator ein Kontrollraum mit etlichen Monitoren befindet, mit deren Hilfe jede Aktion und jede Reaktion des Probanden überwacht und analysiert werden kann. „Das machen wir so, damit alles möglichst natürlich abläuft“, sagt einer der Ingenieure aus dem Kontrollraum. „Wenn die Leute vorher wissen, dass wir sie auf dem Bildschirm haben, reagieren sie oftmals anders, weil sie sich beobachtet fühlen.“ Die Hightech-Anlage hat allerdings leider einen kleinen Nachteil: Vielen Testfahrern wird in der Kabine schlecht. Simulierte Beschleunigungen bis 250 km/h in einem echten Auto, das sich tatsächlich ganz anders bewegt, sind nicht jedermanns Sache. Damit habe ich, Gott sei Dank, keine Probleme.

Ich gebe wieder Gas und warte darauf, dass aus einer der nächsten Querstraßen erneut ein Fahrzeug auf mich zurast. Was dann auch passiert. Wie geheißen, trete ich nur mäßig auf die Bremse. Die Autos schießen aufeinander zu, jeden Moment muss es krachen, instinktiv spanne ich mich an, doch dann, wie durch ein Wunder, werde ich in den Gurt gedrückt, der Wagen bremst automatisch und kommt zum Stillstand. Nichts passiert.

„Jetzt haben Sie gesehen, wie Sie das System automatisch unterstützt“, kommt die Stimme aus dem Kontrollraum. Ich kann mich abschnallen und stelle erstaunt fest, dass man auch in der virtuellen Welt feuchte Hände bekommen kann.

Gerd Piper