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Auto & Verkehr Mit breiter Brust ins Ungewisse
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14:11 18.11.2013
Innovative Technik sichtbar gemacht: Der Antrieb des TwinUp.
Innovative Technik sichtbar gemacht: Der Antrieb des TwinUp. Quelle: Volkswagen
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Wolfsburg

Volkswagen macht Ernst: In einer kurzfristig angesetzten Pressepräsentation hat VW-Markenvorstand Heinz-Jakob Neußer in Wolfsburg jetzt die Strategie erklärt, wie der Konzern die alternativen Antriebstechnologien auf den Markt bringen will. Nachdem man lange Zeit hinterhergehinkt ist und anderen Herstellern das Feld überlassen hat, will sich der Konzern in Zukunft breit aufstellen. Dabei geht es nicht nur um rein elektrisches Fahren, sondern vor allem um die Plug-in-Technologie. Der Manager: „Ein einzelnes Modell nützt uns gar nichts, wir greifen ganzheitlich an. Als Global Player müssen wir uns den Herausforderungen weltweit stellen. Unser Ziel ist die Marktführerschaft bei der E-Mobilität.“ Dazu schickt der Konzern nach und nach eine ganze Fahrzeugflotte der Modelle Up und Golf mit alternativen Antrieben auf den Markt.

„Volkswagen geht es darum, Bevölkerungsschichten zu mobilisieren und die neuen Antriebstechnologien auf breiter Ebene bezahlbar zu machen“, erklärte Neußer. „Einzelne Leuchtturmprojekte bringen uns gar nichts.“ Ohne einen Namen zu nennen, verteilte der VW-Mann damit einen gezielten Seitenhieb auf BMW und den i3, in dem man offenbar einen Hauptkonkurrenten sieht.

Im Gegensatz zu den Bayern konzentrieren sich die Niedersachsen auf bereits bestehende Modelle, die entsprechend nachgerüstet werden, und liefern gleichzeitig die passende Erklärung dazu. „Wir wollen das nicht so prominent zeigen“, heißt es. Kundenbefragungen hätten ergeben, dass VW-Besitzer kein großes Interesse daran hätten, schon von Weitem als Fahrer eines Elektroautos erkennbar zu sein.

Neben den Elektro- und Erdgasantrieben konzentriert sich Volkswagen künftig auf die Plug-in-Technologie, die in ihrer extremsten Form im TwinUp noch in diesem Jahr auf der Autoshow in Tokio als Studie Weltpremiere feiern wird. Das Besondere daran ist das Konzept, das weitestgehend vom Einliter-Auto XL1 übernommen und modifiziert wird. Die Kombination aus E-Maschine, Zweizylinder-Dieselmotor und Doppelkupplungsgetriebe erlaubt eine rein elektrisch gefahrene Reichweite von 50 Kilometern und entspricht damit den gesetzlichen Voraussetzungen vor allem auch in China.

Den Verbrauch für den kleinen Viersitzer geben die Wolfsburger mit sensationellen 1,1 Litern an. Die Gesamtreichweite soll mehr als 1050 Kilometer betragen. Ob es dieses Auto in die Serienfertigung schaffen wird, muss man abwarten. Auch beim XL1 sprach der Konzern von einer Serienfertigung. Gebaut werden aber gerade einmal 250 Einheiten zu einem Preis von 111 000 Euro pro Fahrzeug. Wie man jetzt die Superspartechnik im Up für breite Schichten bezahlbar machen will, bleibt vorerst ein Wolfsburger Geheimnis.

Kein Geheimnis ist dagegen, dass eine Plug-in-Variante für den Golf mit 204 PS Mitte nächsten Jahres auf den Markt kommen wird. Über Preise, besonders auch für den E-Golf, der noch in diesem Jahr bestellt werden kann, schweigt man sich in Wolfsburg allerdings aus. Einziger Kommentar: „Es wird noch gerechnet.“ Da VW das Fahrzeug ganz selbstbewusst oberhalb des BMW i3 einstuft, werden hier sicherlich keine Geschenke verteilt. Fest steht aber, dass man die Käufer mit einem komplexen Paket an Serviceleistungen begleiten wird. Unter anderem zählt dazu eine Garantie auf die Batterie von acht Jahren oder einer Laufleistung von 160 000 Kilometern.

Dass Volkswagen ehrgeizige Ziele bei den innovativen Technologien verfolgt, zeigen bereits einige Zahlen: So werden die Wolfsburger bis 2015 rund 50 Milliarden Euro in die Mobilität der Zukunft investiert haben. Für die notwendigen Entwicklungsprozesse wurden mehrere Hundert Spezialisten eingestellt und rund 70 000 Mitarbeiter in den verschiedenen Themenkomplexen geschult. Neußer: „Bis 2015 werden wir einen Flottenverbrauch von 120 Gramm CO2 auf den Kilometer erreichen und damit bereits zehn Gramm unter den gesetzlichen Vorgaben bleiben. Bis 2020 können wir dann 95 Gramm C02 pro Kilometer darstellen.“

Um das wirtschaftliche Risiko möglichst niedrig zu halten, nutzt Volkswagen seine weltweit einheitliche Strategie im Automobilbau: „Stoßstange an Stoßstange“ bedeutet in der Fertigung, dass Fahrzeuge flexibel je nach Bedarf mit unterschiedlichen Antrieben auf einem Band hergestellt werden können. Eine eigene Produktion ist dafür nicht notwendig. So ist eine Vollauslastung weitestgehend garantiert.

Denn auch wenn man sich Großes vorgenommen hat, ist völlig unklar, bei welchen Stückzahlen man in den kommenden Jahren landen wird. Neußer: „Wer behauptet, das sagen zu können, muss über eine gut funktionierende Glaskugel verfügen.“