Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Gewerbeimmobilien Durchstarten nach der Krise
Mehr Bauen & Wohnen Gewerbeimmobilien

Durchstarten nach der Krise

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
oachims Carrée
Das neue Joachims Carrée zwischen Hauptbahnhof und Oper beherbergt Büros, Geschäfte und Gastronomie. Quelle: Olaf Mahlstedt

Viele hatten das gut fünfeinhalb Hektar große Grundstück an der Badenstedter Straße bereits abgeschrieben. Wo die Lindener Eisen- und Stahlwerke über Jahrzehnte Gussteile für den Schiff- und Maschinenbau, Gullydeckel sowie gewaltige Zahnräder produzierten, herrscht seit 2015 Leerstand. Seit Mitte September steht fest: Künftig soll hier in modernen Hallen innenstadtnah wieder produziert und gelagert werden. Der Immobilienentwickler Aurelis will das Projekt „Altes Stahlwerk“ bis Mitte 2024 umsetzen. 

Das Vorhaben ist ein Lichtblick in einer Zeit, in der viele Akteure im Gewerbeimmobilienbereich eher abwarten als investieren. Jahrelang hatte das Transaktionsvolumen in Hannover zugelegt, 2019 wurden Immobilien im
Wert von mehr als einer Milliarde Euro umgesetzt – Rekord! „Die Fallhöhe war danach besonders groß“, sagt Hilmar Engel von der Wirtschaftsförderung der Region Hannover, die soeben den Immobilienmarktbericht 2021 veröffentlicht hat.

Der Studie zufolge lag das Investmentvolumen 2020 bei gerade noch 785 Euro – immerhin etwas mehr als das langjährige Mittel. Die Coronakrise erfasste vor allem den Einzelhandels-, den Hotel- und den Büromarkt. Die Bilanz für 2021 wird voraussichtlich noch schwächer ausfallen. Der Markt für Büroimmobilien büßte 2020 gut ein Viertel gegenüber dem Vorjahr ein. Insgesamt wurden 145 000 Quadratmeter Fläche umgesetzt. Die Spitzenmieten sanken um einen Euro auf 17 Euro pro Quadratmeter. Im laufenden Jahr bleiben die Umsätze hinter denen des Vorjahrs zurück. Zahlreiche Berufstätige erledigen ihre Arbeit seit März 2020 weitgehend von
zu Hause aus, viele Arbeitsabläufe wurden digitalisiert.

 
Der Nettobedarf an Fläche pro Beschäftigtem geht dadurch zurück. Unklar ist laut Immobilienmarktbericht noch, wie sich dies langfristig auswirkt „und ob sich der Trend zu flexiblen Büroflächenanmietungen und Co-Working nach der Krise wieder verstärken wird“. Das Segment der Einzelhandelsimmobilien wurde ähnlich hart getroffen. Zwar zählt Hannover zu einem der umsatzstärksten Handelsstandorte in Deutschland. Der Trend zum Einkauf im Internet geht jedoch auch hier zulasten stationärer Geschäfte. Allein Nahversorger wie Supermärkte profitierten vom veränderten Konsumverhalten während der Pandemie.

Mittlerweile haben sich die Besucherzahlen in der City wieder auf dem Vor-Corona-Niveau eingependelt, doch die Unsicherheit bleibt. Dies spiegelt sich auch in den Marktdaten: 2020 sank der Flächenumsatz in der Innenstadt gegenüber dem Vorjahr um drei Viertel auf 2000 Quadratmeter. In Spitzenlagen lassen sich im Schnitt zurzeit noch 175 Euro pro Quadratmeter erlösen, vor fünf Jahren waren es rund 200 Euro. „Corona ist nicht als Auslöser dieser beispiellosen Krise des klassischen Einzelhandels zu sehen“, heißt es dazu im Immobilienmarktbericht.

Aber die Pandemie beschleunige „bereits bestehende Trends im Handel“. Die Hotelbranche erlebte in den zurückliegenden 18 Monaten einen noch gravierenderen Rückschlag.„ Mit gerade einmal 2,1  Millionen Übernachtungen in Stadt und Umland lag die touristische Nachfrage im abgelaufenen Jahr auf dem Niveau der 1990er-Jahre“, konstatieren die Autoren des Immobilienmarktberichts. In Hannover lag der durchschnittliche
Erlös pro verfügbarem Zimmer 2020 in Hannover bei 26,50 Euro – was nicht einmal die Kosten deckt. Der noch noch vor zwei Jahren erwartete Aufschwung am Markt für Hotelimmobilien wurde durch die Pandemie ins Gegenteil verkehrt: Das Transaktionsvolumen brach 2020 gegenüber dem Vorjahr um mehr als die Hälfte ein. Die Hotellerie und der Hotelimmobilienmarkt, prognostizieren die Verfasser der Studie, werden voraussichtlich am längsten brauchen, um die Folgen der Corona-Krise zu bewältigen.

Als Profiteur der Pandemie kann die Logistikbranche gelten. Handels- und Industrieunternehmen sowie Kontraktlogistiker investieren weiter stark in den Standort. Die Hallenflächenumsätze lagen Ende 2020 mit 410 000 Quadratmeter erneut auf einem Höchststand. Das laufende Jahr begann ebenfalls stark. Der Grund für den Boom liegt nicht zuletzt im stark wachsenden Onlinehandel. Doch selbst in angespannten Branchen wie der Automobilindustrie sind Unternehmen und Projektentwickler in der Region sehr aktiv. Kurierexpress- und Paketdienste sowie neue Branchen wie lokale Lieferdienste stärken die Nachfrage nach Objekten, von wo aus „die letzte Meile“ bis zum Kunden bedient werden kann.

Die Marktakteure blickten optimistisch auf das weitere Jahr, heißt es im Immobilienmarktbericht. Probleme sieht die Branche allenfalls darin, dass es immer schwieriger wird, neue Gewerbeflächen auszuweisen. Revitalisierungen wie das „Alte Stahlwerk“ könnten Abhilfe schaffen. „Brachliegende Flächen neu zu denken und zu nutzen ist eine große Chance“, sagt Frank Doods, Staatssekretär im niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz. Das Aurelis-Projekt in Linden könnte somit einen neuen Trend beflügeln.

VON CHRISTIAN BAULIG

Grafik_Immobilienmarktbericht (921 kB)