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Bauen & Wohnen Grüne Oasen in luftiger Höhe
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09:30 01.07.2013
Foto: Ein runder Blickfang: Heutzutage können nicht nur Flachdächer begrünt werden.
Ein runder Blickfang: Heutzutage können nicht nur Flachdächer begrünt werden. Quelle: Fachvereinigung Bauwerksbegrünung
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Hannover

Der Künstler Friedensreich Hundertwasser hat nicht nur bunte und formverspielte Häuser entworfen. Die Dächer seiner Gebäude ließ er vielfach auch begrünen. Die Bäume und Büsche auf dem bekannten Ronald-McDonald-Haus in Essen etwa fügen sich harmonisch in den umgebenden Wald ein. Solche Dachbegrünungen bilden in Deutschland zwar noch die Ausnahme, befinden sich aber auf dem Vormarsch: Jährlich werden etwa acht Millionen Quadratmeter Dachfläche bepflanzt. Die Tendenz ist steigend, schätzt Sylvia van Meegen von der Fachvereinigung Bauwerksbegrünung (FBB). Vornehmlich geschehe dies im gewerblichen Bereich, aber ein Drittel aller Dachbegrünungen werde auf Privathäusern vorgenommen.

Und das aus guten Gründen: „Begrünte Dächer halten etwa 40 Jahre lang“, sagt van Meegen. „Normale Dächer müssen hingegen in der Regel bereits nach 25 Jahren saniert werden.“ Die Bepflanzung schützt nicht nur Materialien vor Schäden durch witterungsbedingte Einflüsse. Sie wirkt auch im Winter wärmedämmend und im Sommer als Hitzeabschirmung: Während sich normale Dächer schon mal auf 80 Grad erhitzen, bleibt es auf einem Gründach mit maximal 25Grad vergleichsweise kühl. Pflanzen auf Dächern bieten zudem Tieren einen Lebensraum, halten Regenwasser zurück, binden CO2 und Schadstoffe und verbessern das Mikroklima in Städten.

Begrünte Dächer als optischer Höhepunkt

Da ist es kein Wunder, dass zunehmend auch Politik und Verwaltung das Thema für sich entdecken: In vielen deutschen Kommunen werden Dachbegrünungen mittlerweile in vorhabenbezogenen Bebauungsplänen verbindlich festgesetzt - als Ausgleichsmaßnahme für die Versiegelung von Flächen. In Stuttgart zum Beispiel sind grüne Flachdächer inzwischen Pflicht. Auch in Kiel existierten entsprechende B-Pläne seit einigen Jahren, sagt der stellvertretende Stadtplanungsamtsleiter Thomas Stüber. Vorgeschrieben seien sie aber nur bei einigen Wohnungsbebauungen, etwa in größeren Innenhöfen. Seiner Ansicht nach haben Gründächer ein Imageproblem: „Sie werden oft mit Ökodächern gleichgesetzt und lassen für viele Rückschlüsse auf die Bewohner zu.“

Wolfgang Ansel, Geschäftsführer des Deutschen Dachgärtner Verbandes (DDV), sieht begrünte Dächer hingegen als eyecatcher, die Gebäude auch optisch aufwerten. Längst könnten nicht nur Flachdächer bepflanzt werden: „Bis zu einem Neigungswinkel von 15 Grad ist das auch auf Schrägdächern kein Problem“, erläutert Ansel. Auf schrägen Dächern müssen allerdings beispielsweise sogenannte Schubschwellen eingebaut werden, die verhindern, dass die Bepflanzung abrutscht. In der Regel werden Schrägdächer sowie Pult-, Tonnen- und Satteldächer extensiv, also etwa mit Moosen oder Trockengräsern, bepflanzt. Auf Flachdächern hält sich auch eine intensive Begrünung mit Rasen, Stauden, Sträuchern und sogar Bäumen. Das Gewicht der Pflanzen und des Bodens, der aus mehreren Schichten wie Erde, Filter und Wurzelschutz besteht, ist allerdings beträchtlich. Und bei Niederschlag wird die Konstruktion noch schwerer. „Bevor ein Dach begrünt wird, muss deshalb vorher unbedingt geprüft werden, ob die Statik das hergibt“, betont Ansel. Während bei Neubauten die geplante Begrünung gleich berücksichtigt werden könne, müssten bei Bestandsbauten gegebenenfalls statische Maßnahmen ergriffen werden.

Dachbegrünungen am besten von Fachfirmen ausführen lassen

In solchen Fällen erhöhe sich der Quadratmeterpreis für eine Begrünung beträchtlich, erläutert Ansel. Auch die Gesamtfläche spiele bei der Finanzierung eine Rolle. So seien Dachbegrünungen auf großen Flachdächern bereits ab 25 Euro pro Quadratmeter zu bekommen. Der Preis könne aber je nach Dachkonstruktion, Neigung, Bewuchs und Fläche um ein Vielfaches steigen. Ansel rät, Dachbegrünungen von Fachfirmen ausführen zu lassen. Auch die Pflege der angelegten Dachgärten sollten Gartenlandschaftsbaubetriebe oder spezialisierte Dachdeckerfirmen vornehmen. Jedes begrünte Dach müsse mindestens einmal im Jahr gepflegt werden, heißt es in einem Praxisratgeber des DDV. Anspruchsvolle Dachgärten müssten zudem regelmäßig gedüngt, bewässert und von Fremdbewuchs befreit werden.

In den meisten Fällen sind Gründächer nicht begehbar. Aber es entstehen immer wieder auch kleine, grüne Oasen, die wie Gärten genutzt werden - so wie eine Dachterrasse in Karlsruhe, die vom FBB zum Gründach des Jahrzehnts gewählt wurde: Mitten in der Stadt sprießen auf einem Hinterhaus Pflanzen in Beeten und Kübeln, gedeihen Stauden und Gehölze. Sogar als Nutzgarten sind Dächer denkbar: Auf einem Wohn- und Gewerbekomplex bei Radolfzell am Bodensee etwa wachsen Kräuter und Beeren auf einem Dach, die zur „Gründach-Marmelade“ verarbeitet werden.

Sebastian Hoff