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Bauen & Wohnen Mediation bringt Ruhe ins Mietshaus
Mehr Bauen & Wohnen Mediation bringt Ruhe ins Mietshaus
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00:35 12.03.2011
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Manchmal muss ein Profi ran: Außen stehende Mediatoren können einen Streit meist besser betrachten und helfen beim Schlichten.Foto: fotolia
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Mülltüten vor der Wohnungstür, Kinderwagen im Hausflur oder laute Stöckelschuhe auf dem Parkett – Streit zwischen Mietern oder Nachbarn gibt es immer wieder. Oft schwelt er über Jahre, bis eine Partei auszieht oder den unliebsamen Nachbarn verklagt. Wenn beide Seiten keine gemeinsame Lösung finden, können sie auch Hilfe holen. Wohnungsbaugesellschaften setzen vermehrt auf Mediation.

„Geräusche, Ordnung und Sauberkeit der Gemeinschaftsräume sind die häufigsten Streitpunkte“, sagt Kirsten Gieseler von der Mediationsfirma Dr. Gieseler und Stein in Bremen. Mietrechtsrelevant seien die Auseinandersetzungen zwar meist nicht. Doch den Betroffenen gehen die Auseinandersetzungen an die Substanz. In der Realität sind es seltener die Mieter oder Nachbarn selbst, die sich an die Mediatoren wenden, sondern Vermieter oder Rechtsschutzversicherungen. „Da steht natürlich das Interesse im Vordergrund, die Kosten möglichst gering zu halten“, sagt Angelika Rüstow vom Deutschen Anwaltverein Berlin. Viele Versicherungen hätten eigene Mediatoren im Haus und böten ihren Kunden deren Dienste an, um teure Prozesse zu vermeiden.

Auch Gieseler bezieht ihre Aufträge in der Hauptsache durch Vermieter und Wohnungsunternehmen oder durch Empfehlungen von Rechtsanwälten. Menschen, die bereits beim Anwalt waren oder sich an ihre Hausverwaltung gewandt haben, sind aber in den Konflikten sehr weit gediehen. Ziel sei es daher oft, erst einmal Ruhe ins Haus zu bringen. „Reine Mediation, die auf Freiwilligkeit der Parteien beruht, können wir nicht schaffen. Denn die Menschen haben sich nicht freiwillig an uns gewendet, sondern das Wohnungsunternehmen hat entschieden, dass dieser Konflikt von uns bearbeitet werden soll.“

Das Prozedere der „Konfliktschlichtung mit den Mitteln der Mediation“, wie es im Mietrecht offiziell heißt, ist aber dasselbe wie das einer klassischen Mediation. Die Parteien werden angeschrieben und vereinbaren einen Termin. „Das gelingt in 100 Prozent der Fälle“, sagt Gieseler. Im folgenden Einzelgespräch tragen die Parteien ihre Sicht der Dinge vor. Das Geschehen, die Gefühle und Bedürfnisse werden herausgearbeitet, Wünsche formuliert, Lösungsansätze erarbeitet.

Von Schiedsverfahren unterscheide sich die Mediation, weil sie den Betroffenen helfe, selbst eine Lösung zu erarbeiten, statt eine Entscheidung vorzugeben. „Das funktioniert nicht immer“, räumt Bärbel Weichhaus von der Fachgruppe Planen und Bauen des Bundesverbandes Mediation ein. Die hannoversche Architektin mit Zusatzqualifikationen als Coach, Trainer und Mediatorin sieht die Stärke des Verfahrens aber eben in dieser gemeinsamen Arbeit: „So muss sich keine Partei als Verlierer fühlen.“ Sechs bis zwölf Stunden dauert es nach ihren Erfahrungen, einen Nachbarschaftsstreit zu schlichten. Bei kleineren privaten Fällen beginnen die frei ausgehandelten Honorare bei etwa 30 Euro pro Stunde, die zwischen den Beteiligten aufgeteilt werden.

Das preiswerte Verfahren der Mediation eigne sich durchaus auch für größere Konflikte, betont Weichhaus: „Die erzielte Vereinbarung kann notariell beglaubigt werden, so kann auch ein gerichtlicher Titel erwirkt werden.“

Der Bundesverband Mediation, mit Sitz in Kassel, wurde 1992 gegründet und hat rund 1500 Mitglieder. Im Verband sind verschiedene Berufsgruppen vertreten. Auf seiner Homepage bietet der Verband eine Mediatorensuche nach Stichworten. Gesucht werden kann unter anderem nach Fachgebieten, Namen, Orten und Postleitzahlen und Sprachen. Etwa 30 Verbandsmitglieder engagieren sich in der 2004 gegründeten Fachgruppe Planen und Bauen, die auf ihrer eigenen Homepage unter anderem eine ausführliche Darstellung des Mediationsverfahrens anbietet sowie die Möglichkeit, das Themenheft 38 „Mediation bei Planen und Bauen“ der Verbandszeitschrift „Spektrum der Mediation“ zu bestellen. Die Fachgruppe bietet auch Ausbildungen für Handwerker, Architekten und andere Bauberufe an, damit Konflikte auf Baustellen einvernehmlich gelöst werden können, bevor sie eskalieren. rck

Von Nadja-Maria Chaarund und Ralf C. Kohlrausch