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Bauen & Wohnen Minimalismus ist moderner Einrichtungsstil
Mehr Bauen & Wohnen Minimalismus ist moderner Einrichtungsstil
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00:00 22.12.2012
Ins rechte Licht gerückt:Einzelstücke kommen in sparsam eingerichteten Räumen besser zur Geltung.
Ins rechte Licht gerückt: Einzelstücke kommen in sparsam eingerichteten Räumen besser zur Geltung. Quelle: dpa/tmn
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Berlin

Ausmisten, überflüssige Dinge verschenken oder spenden, weniger verbrauchen und besitzen: Was früher als bewussteres Leben galt, ist unter dem Schlagwort Minimalismus ein echter Trend geworden. Es geht dabei um mehr als bloßes Entrümpeln. „Es kommt nicht darauf an, wie viele Dinge man besitzt, sondern wie sehr einen die Dinge besitzen“, erklärt Sebastian Michel aus Berlin seine Philosophie. Er ist einer der bekanntesten Blogger zu dem Thema in Deutschland.

Michel beschäftigte sich mit Minimalismus, weil er sich unwohl und eingeengt fühlte und sein Leben verändern wollte. Er digitalisierte Bücher und DVDs und gab Kleidung weg, die er ohnehin nie anzog. Sich von Fernseher und Spielkonsole zu trennen sei allerdings schwieriger gewesen. „Dabei ging es mir in erster Linie nicht darum, die Dinge aufzugeben, sondern die Gewohnheiten, die ich damit verbunden habe“, erklärt er.

Der Minimalisten-Bewegung hat sich auch Michael Klumb aus Bergisch Gladbach angeschlossen. Vor Kurzem trennte er sich von 2500 CDs. Schwierig sei es nicht, das Stück Plastik zu entsorgen, sondern das abzugeben, was man damit verbinde, sagt der 30-Jährige. Allerdings könne er viele Songs, die er auf CD oder Platte hatte, nun auch per Internetradio hören. Klumb hat außerdem etwa 200 Bücher verschenkt oder gespendet. „Heute habe ich einen Büchereiausweis und immer noch Zugriff, aber mehr Platz in meiner Wohnung“, sagt er. Selbst Mikrowelle und Küchenmaschine schaffte er ab. Für alles, was er damit zubereitet hatte, benutzt er nun einen Wok.

Das Ausmisten hatte für Klumb ganz praktische Gründe: In seiner Ein-Zimmer-Wohnung fallen Essen, Schlafen und Arbeiten auf 42 Quadratmetern zusammen. Minimalistisches Wohnen ist aber kein Bedürfnis, das nur aus Platznot entsteht. Der „Down-Shifter“ Oliver Lauberger aus Frankfurt am Main etwa hat seine Eigentumswohnung bewusst aufgegeben, als er mit seiner Freundin zusammenzog: „Die Wohnung war wie ein Klotz am Bein“, sagt der 48-Jährige. Er trennte sich von Büchern, CDs, Platten, Fernseher, Stereoanlage, Regalen und Schränken. Stehpult und Laptop ersetzen nun Schreibtisch und PC.

Der Schreiner baut seine Möbel selbst. Das koste zwar Zeit und Geld, sagt Lauberger. Ein selbst hergestellter Tisch halte dafür deutlich länger als ein gekaufter. Über einen langen Zeitraum betrachtet, sei das Möbelstück sogar günstiger, und das, obwohl er nur natürliche Materialien verwendet. „Das hat aber nicht nur ökologische, sondern auch haptische Gründe“, erläutert Lauberger. Seiner Ansicht nach sollten in einem Raum nur wenige Einzelstücke zur Geltung kommen. Die anderen Einrichtungsgegenstände sollten schlicht sein und aus ruhigen Flächen sowie geraden Linien bestehen. Dekorationen sollten zurückhaltend eingesetzt werden.

Das minimalistische Element macht für Lauberger letztlich die Abwägung zwischen Qualität und Quantität aus: „Ich verwende ausschließlich wenige gute Möbel, die sehr hochwertig sind.“ Diese seien angelehnt an den skandinavischen Stil, ans sogenannte Industrial Design oder an den Bauhaus-Stil. Klumb hingegen mag auch Design, das sich an den Zen-Buddhismus anlehnt - quasi die asiatische Variante eines puristischen Stils.

Sich von persönlichem Besitz zu trennen kostet häufig Zeit und Überwindung. Die britische Autorin Maggie Toy, die viel über Minimalismus geschrieben hat, empfiehlt deshalb folgende Regel: „Alles, was du im vergangenen Jahr nicht benutzt hast, kannst du verkaufen oder spenden.“ Alles, was nur ab und zu benutzt werde, sollte außer Sicht geschafft werden - zum Beispiel in einen großen Schrank. Und das, was wirklich regelmäßig gebraucht werde, dürfe im Raum gut sichtbar sein. Toy rät, sich schöne Einzelstücke anzuschaffen. Dafür könne auch das Geld verwendet werden, das aus Verkäufen von überflüssigen Dingen stamme.

Wer sich Minimalist nennt, will in der Regel mehr ändern als die Einrichtung seiner Wohnung. Nachhaltigkeit, Konsumkritik, ein alternativer Lebensstil - das spiele alles mit rein, erläutert Klumb: „Man hinterfragt alles. Brauche ich wirklich Weißwein- und Rotweingläser? Besteck für zwölf Leute? Je weniger man besitzt, desto weniger wird man abgelenkt.“

Zu einem ähnlichen Urteil gelangt Toy: „Minimalismus führt zu einem einfachen und fokussierten Leben.“ Alles habe seinen Platz, man verschwende seine Zeit kaum noch damit, Dinge zu suchen.“ Das Zuhause zu entrümpeln sei auch mental befreiend: „Tidy home, tidy mind“, sagt Toy - auf Deutsch: Ein aufgeräumtes Zuhause bewirkt einen aufgeräumten Geist. Und Lauberger ergänzt: „Es geht von der äußeren zur inneren Ordnung. Man wird ausgeglichener, ruhiger, kann sich besser konzentrieren und anders arbeiten.“

Der Frankfurter räumt ein, dass Minimalismus ein Modewort sei, weist aber auch auf das Verantwortungsbewusstsein hin, das hinter der Einstellung steht: „Es besteht eine gesellschaftliche Notwendigkeit, dass wir weniger verbrauchen“, sagt Lauberger. Jeder müsse allerdings selbst wissen, wo er sich einschränkt. „Ich als Musiker habe zum Beispiel drei Gitarren, das ist okay.“

Philipp Laage