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Restauranttests So schmeckt es in der neuen "Stadtmauer"
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so schmeckt es im restaurant stadtmauer

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12:36 05.08.2019
Das Restaurant Stadtmauer besetzt eine von Hannovers schönsten Locations direkt über der Leine am Rand der Altstadt. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Da steht sie vor uns, die Flasche „Detox“-Sodawasser mit frischer Minze, Zitronen- und Gurkenscheiben (5,50 Euro) drin. Sprudelt vor sich hin, während wir im Menü der Stadtmauer blättern. Die Bruschetta-Variationen werden teils mit dem Zusatz „Healthy“ garniert, die Wraps mit „Handmade Super Food“ überschrieben. Wahrscheinlich weil unter anderem Goji-Beeren oder Avocado in Fertigfladen eingewickelt werden. Denn Lebensmittel, die als Superfood gelten, haben ja angeblich besonders gesundheitsfördernde Wirkung. Oder müssen beim trendbewussten Esser zumindest noch zusätzlich den Eindruck erwecken, sie seien mehr „healthy“ als frittierte Schokoriegel. Wobei das Hähnchen in unserem „Alte Welt“-Wrap (9,90 Euro) stellenweise schwarz gegrillt wurde. Gesund ist das ja angeblich auch nicht unbedingt.

Auf der Suche nach der verlorenen Soße

Deswegen haben wir den Wrap aber nicht ausgewickelt und auf unserem Teller regelrecht seziert. Wir suchen. Wir suchen nach Gewürz, nach Marinade, nach Soße. Wir drehen Salat, Edamame (unreife Sojabohnen) und Tomaten um, aber finden außer grobem Pfeffer nichts – vergessen? Wir fragen nach, denn es schmeckt in dieser Form einfach nicht. Die Servicekraft, die ebenso aufmerksam und charmant agiert wie alle anderen Servicekräfte, nimmt die Speise anstandslos mit. Unser neuer Wrap wird dann mit einer leicht bitteren, säuerlichen Tunke (Limette?) serviert, die nichts verbessert – eine spontane Sonderanfertigung für den nörgelnden Gast?

HAZ-Feinschmecker Hannes Finkbeiner war im neuen Restaurant Stadtmauer. Sein Fazit: Schicke Location in toller Lage, die zu einem Drink einlädt. Das Essen allerdings konnte noch nicht überzeugen.

Wir wissen es nicht, aber dieses Gesamtbild wiederholt sich bei unserem Mittag- wie Abendbesuch, die zwei Wochen auseinander liegen. Es gibt hier beispielsweise Bowls. Sind ja derzeit auch voll trendy. Und zugegeben, wenn frische, klein geschnittene Zutaten (wie bei den hawaiianischen Poke) in einer Schale gut zusammengeführt werden, sind die Gerichte ein echter Genuss. Dazu braucht es aber gute Waren. Und natürlich Würze. Salz, klar, aber auch Marinaden, die das Beste aus den Zutaten herausholen, Dips, die alle Zutaten verbinden, oder ein herzhafter Sud, der alles durchdringt, sodass man bei jedem Bissen lustvoll mit der Zunge schnalzt und glücklich am Schalenboden anlangt, wo der Wohlgeschmack zusammenfließt.

Es fehlt der Pfiff

In der Stadtmauer probieren wir eine Crunchy Beef Bowl (9,90 Euro), die auf den ersten Blick toll ausschaut. Basis bildet etwas lauwarme, ungewürzte Quinoa, darauf wurden Rote Bete, Avocado, Edamame und Goji-Beeren arrangiert. Das Rindfleisch ist ohne größere Farbgebung durchgebraten. Abgesehen von den Fertig-Röstzwiebeln und dem schwarzfleckigen Koriander sind die Zutaten zwar frisch und in Ordnung, es ist auch hier der fehlende Pfiff, der das Gericht fade erscheinen lässt. Denn abgesehen von einem Esslöffel Sesamdressing können wir keine nennenswerte Würzung ausmachen. Selbst als wir der Speise mit Salz, Pfeffer und Olivenöl aus der Tischmitte zu Leibe rücken, bleibt es eine konturlose Freude.

Gutes Brot, kein Pesto

Das Tatar vom (recht fettigen) Zuchtlachs (11,90 Euro) wurde offensichtlich nur klein geschnitten, in Talerform gepresst und mit etwas Limette, Avocado und Kresse getoppt – drum herum schillern ein paar Salzkristalle auf Kirschtomaten. Das war’s. Die Vorspeise Healthy Breeze (7,90 Euro) besteht aus sehr gutem Brot, das mit Hüttenkäse bestrichen wurde, darauf befinden sich Rucola, unreife Avocado, ausdruckslose Tomaten sowie gratinierter, handelsüblicher Mozzarella. Auch hier: Salz und Pfeffer, gar ein Pesto? Fehlanzeige. Wurden die Gerichte im Vorfeld sorgsam entwickelt? Probiert irgendwer, was den Küchenpass verlässt?

Wir wissen uns nicht mehr zu helfen, bestellen eine Currywurst mit Pommes (7,90 Euro). Die ist dann salzig. Und würzig. Danach probieren wir einen „Handmade“-Burger mit Süßkartoffelpommes und Honig-Senf-Soße (13,50 Euro). Ein Gericht, das scheinbar größtenteils aus Fertigwaren zusammengebastelt wurde. Das Patty ist trocken, die Zwiebeln roh, der Speck glasig – und es tut uns leid, es tut uns von Herzen leid, aber der Funke springt einfach nicht über. Dabei haben wir uns auf die Eröffnung der Stadtmauer gefreut, hatten lange einen Flyer an der Pinnwand hängen, auf dem das Restaurant mit dem Spruch: „Bei uns ist das Produkt der Star!“ für sich wirbt. Auf der Internetseite ist zu lesen: „Ausgewählte Zutaten, von Bauern aus der Region treffen auf Hausgemachtes, und erfüllen so unseren hohen Qualitätsanspruch an gutes und verdammt leckeres Essen!“ An seinen Worten wird man gemessen.

Moderate Preise

Auch Foodtrends aufzugreifen, so kurzlebig oder unsinnig sie sein mögen, sind noch lange kein Garant für Erfolg. Auch Trends wollen mit Leben gefüllt werden. Startschwierigkeiten sollten die gastronomieerfahrenen Betreiber (u. a. 6 Sinne) ja keine mehr haben. Oder kochte vielleicht sogar das Herzblut über? Wollte man am Ende zu viel? Der Laden ist nämlich ganztags geöffnet, sieben Tage die Woche. Schon allein wegen des Fachkräftemangels in der Gastronomie ein ambitioniertes Konzept. Die Speisen sind ein Rundumschlag, es gibt Frühstücksbüfett und Brunch, es gibt Waffeln und Kuchen, es gibt Nudeln, Pizza und Bowls, es gibt Salate, Burger und Wraps, es gibt Schnitzel und Rumpsteak. Ein Großteil der Karte wird von Cocktails eingenommen. Die Preise sind moderat. Wie soll denn in dieser Konstellation ein Produkt zum Star werden?

Fazit

Schicke Location in toller Lage, die zu einem Drink einlädt. Das Essen konnte uns noch nicht überzeugen. Gesamt 5/10 (Küche 3, Ambiente 8, Service 7)

Kontakt

Stadtmauer

Burgstraße 14a, 30159 Hannover

Telefon: (05 11) 99 98 74 51

Öffnungszeiten: täglich, ab 9 Uhr

Tägl. wechselnder Mittagstisch montags bis freitags 12 bis 15 Uhr

Barrierefreiheit: ja

Von Hannes Finkbeiner

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