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Abi 2011 - der Doppeljahrgang 2011 verdoppelt sich in Niedersachsen die Zahl der Schulabgänger
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15:05 24.06.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Schülerin Elisa Peter aus Hannover macht im Doppeljahrgang 2011 Abitur.
"Den Älteren nicht unterlegen": Elisa Peter, die nach zwölf Jahren das Abitur ablegen will, trifft sich mit Mitschülern aus dem 13. Jahrgang zu privaten Lerngruppen - das Alter spielt in diesen Runden keine Rolle. Quelle: Herzog
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Am Anfang stand eine Legende. „Wir haben die ältesten Studenten und die jüngsten Rentner“, hatte Sozialminister Norbert Blüm einst verkündet. Damals, in den frühen neunziger Jahren, wähnte Kanzler Helmut Kohl die Bundesrepublik als „kollektiven Freizeitpark“ – wenn auch mehr mit Blick auf teure Frühverrentungspraktiken denn aufs Alter deutscher Studienanwärter. Die aber ächzen heute infolge dieser Debatte nicht selten unter einer 60-Stunden-Woche, die sie schneller in Abiturienten, Studenten und Steuerzahler verwandeln soll – durch das „G 8“, das Erreichen der Hochschulreife in acht Schuljahren statt in neun wie bisher.

Das Kürzel „G 8“ ist betroffenen Schülern und Eltern wohlbekannt. Nicht selten ist es Objekt von Wut und Angst. 71 Prozent der Westdeutschen sind laut einer Allensbach-Umfrage für die Rückkehr zum „G 9“. „Kinder brauchen Zeit zum Lernen“, argumentiert eine Initiative, mit der mehr als 20 000 Eltern in Schleswig-Holstein durchsetzen wollen, dass der acht- und der neunjährige Weg zum Abitur dauerhaft parallel bestehen. Doch der Weg zum „G 8“ wird sich bundesweit nicht umkehren lassen; etliche Bundesländer haben ihn bereits beschritten oder sind dazu entschlossen. Es geht nur noch um das Wie des Übergangs zum „G 8“.

Immerhin stellen alle Bundesländer – von Sachsen-Anhalt 2007 bis Schleswig-Holstein 2016 – auf das Abitur nach acht Jahren um, soweit es bei ihnen nicht ohnehin bereits die Regel ist. Die Folgen: Weil zwei Jahrgänge gleichzeitig zum Abschluss gelangen, wird sich die Abiturientenzahl in den jeweiligen Jahren und Ländern verdoppeln. Weil nicht alle sofort einen Studienplatz oder eine Lehrstelle besetzen, wirkt sich dies auf spätere Jahrgänge aus. Und weil Abiturienten auf Ausbildungsplatzsuche auch in Nachbarländer ausweichen, werden ihre Altersgenossen dies auch in Ländern spüren, die selbst nicht auf „G 8“ umstellen oder die Umstellung schon hinter sich haben. Die Unterschiede zwischen den Ländern beim Doppelabitur sollte den Entscheidern in Politik und Wirtschaft zu denken geben. Einige Beispiele:

Kursgröße: In Niedersachsen und in Bayern werden in der Oberstufe etwa 20 Schüler in einem Kurs unterrichtet. Zusätzlich gibt es in Bayern sogenannte Seminarfächer, in denen die Kursgröße bei nur 13 Schülern liegt.

Notenschnitt: Sachsen-Anhalt (2007), Mecklenburg-Vorpommern (2008) und Saarland (2009) haben bereits vom Abitur nach 13 Schuljahren auf zwölf Jahre umgestellt. Erste Erfahrungen belegen dabei einen etwas besseren Notenschnitt des „G 9“-Jahrgangs.

Pflichtstunden: Die Entlastung der komplexen Übergangsprozedur verläuft in Niedersachsen kostenneutral, teils gehen damit sogar Einsparungen einher. So hat das Land die „Nachweispflicht“ für fünf Stunden Wahlunterricht entfallen lassen – im Klartext: Niedersachsens Schüler gehen statt mit 265 Pflichtstunden, wie von der Kultusministerkonferenz (KMK) vorgeschrieben, mit nur 260 Pflichtstunden ins Abitur.

Personalausstattung: In Niedersachsen wurde die Aufholjagd der „G 8“-Schüler mit einer Fünfzehntel-Lehrerstelle in der neunten und mit einer Zehntel-Lehrerstelle in der zehnten Klasse unterstützt; für Beratung und Organisation wurde kein Zusatzpersonal eingeplant. Baden-Württemberg indes stellt für Organisation des Stundenplans, vor allem aber für die Beratung der Schüler rund ums Doppelabitur befristet insgesamt 235 Lehrerstellen zusätzlich bereit. In Bayern sind es 300 und im kleinen Bremen immerhin 60 zusätzliche Stellen.

Bewerbungstermine: Obwohl in Niedersachsen das Halbjahr für die Abiturienten förmlich am 21. März und die Hauptprüfung am 21. April abgeschlossen sein sollen, ist eine Bewerbung zum Sommersemester nicht vorgesehen. Bayern hat diese Option für die „G 9“-Schüler eröffnet, die sich mit einem vorläufigen Zeugnis schon zum Sommer an den Hochschulen bewerben können.

Positive Kehrseite dieses Vorsprungs für Bayerns Abiturienten: Er könnte zur Entzerrung beitragen. Denn allein 2011 streben fast 47.000 Niedersachsen das Abitur an – statt 24 000 wie in diesem Jahr. Gleichzeitig werden es 70.000 statt 35.000 Bayern sein. Weil Hamburg in diesem Jahr umgestellt hat, 2012 Baden-Württemberg folgt und danach Nordrhein-Westfalen, wird 2013 mit 493.000 Abiturienten bundesweit gerechnet. Kein Wunder, wenn sich viele fragen, ob sie auf dieser Welle zum guten Job oder Studienplatz reiten können – oder von ihr verschlungen werden.

Dem wollen Bund und Länder mit ihren „Hochschulpakten“ entsprechen. Diese sollen die Zahl der Studienplätze zwischen 2005 und 2010 um 91.000 erhöhen, bis 2015 sogar bis auf insgesamt 275.000 gegenüber 2005. 275 .000 Studienplätze für 493 .000 Abiturienten? Wenn dies der Weisheit letzter Schluss wäre, hätten die Bildungspolitiker zweifellos die Note „ungenügend“ verdient.

Tatsächlich aber rollt die Woge der Absolventen nicht in demselben Maß auf die verschiedenen Bildungsangebote zu.

Hochschule: In Niedersachsen geht das Wissenschaftsministerium davon aus, dass in diesem Jahr von 25 000 zusätzlichen Abiturienten 75 Prozent (18 750 Jugendliche) ein Studium aufnehmen – davon 55 Prozent (10 313) später und 45 Prozent (4640) sofort. Für sie hält man trotz einer gleichfalls erwarteten Abwanderung in Nachbarländer rund 6000 Studienplätze vor. Mit den Hochschulen wurde ausgehandelt, dass von den zwischen 2007 und 2010 geschaffenen 11 200 neuen Studienplätzen zwei Drittel an Fachhochschulen und ein Drittel an Universitäten entstehen. In der zweiten Phase des Hochschulpakts bis 2015 sollen, auch wegen der folgenden Doppel-Jahrgänge in anderen Bundesländern, 35 000 zusätzliche Studienplätze entstehen.

Wirtschaft: Die Effekte des Doppelabiturs werden nicht nur zeitversetzt, sondern auch regional und fächerspezifisch unterschiedlich spürbar sein. „Nach Erfahrungswerten aus unseren Schulabgängerbefragungen denken nur etwa 35 Prozent der Abiturienten an eine duale Ausbildung“, sagt Joachim Gerd Ulrich, wissenschaftlicher Direktor des Bundesinstituts für Berufliche Bildung. Nur etwa 20 Prozent davon seien noch im selben Jahr an einer Ausbildung interessiert. Damit sei in Niedersachsen 2011 mit einer zusätzlichen Nachfrage von etwa 4600 Jugendlichen und in den Jahren 2012 und 2013 zusammen noch von weiteren 3500 Jugendlichen bei Lehrstellen zu rechnen. Der Konkurrenzdruck wächst auf dem Ausbildungsmarkt vor allem für Haupt- und Realschulabsolventen. Jedoch ist deren Zahl seit 2004 (73 000) dramatisch gesunken: Für 2011 werden 57 000 Nichtstudienberechtigte vorhergesagt, deutlich weniger als noch 2008 (67 000). Die Gesamtnachfrage der Absolventen allgemeinbildender Schulen nach Lehrstellen 2011 mit knapp 62 000 wird also deutlich niedriger liegen als noch vor zwei Jahren.

Die Angebote von Hochschule und Wirtschaft könnten also ausreichen oder sogar unausgeschöpft bleiben – wenn sich die Abiturienten erwartungsgemäß verhalten. In diesem Wenn stecken aber Unwägbarkeiten: Abiturienten können zum Studium drängen oder eine Lehrstelle anstreben, sie können abwarten, erst einmal jobben und dann um die Welt reisen. Niemand kann sie zur „Normalverteilung“ zwingen, niemand weiß genau, welche Studien- und Lehrstellenangebote konkret nachgefragt werden.

Zudem rechnen manche Experten mit viel höheren Studienanfängerzahlen. Für 2013 erwartet das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) Tausende zusätzliche Studienplatzbewerber. Erstens sei das Angebot an berufsbegleitenden Studiengängen stark gewachsen, was den Hochschulen Berufstätige als neue Studentengruppe erschließt, heißt es beim FiBS. Und zweitens erlebe der Privathochschulsektor eine Boomphase. Außerdem könnten die bereits geschaffenen zusätzlichen Studienplätze mehr Abiturienten zur Studienaufnahme ermutigen. Nicht einkalkuliert ist zudem bislang eine mögliche höhere Nachfrage durch die Abschaffung der Wehrpflicht.

Klar ist nur, dass es die „G 8“er schwerer haben werden als die „G 9“er, davon zeugen die Erfahrungen in anderen Ländern. Klar ist auch, dass unter den Verdrängungseffekten am ehesten die Haupt- und Realschüler leiden werden. Für alle gilt: Es gibt keinen Grund zur Panik – aber es wird für diese Jahrgänge härter sein als für alle früheren und späteren, ihren Platz im Berufsleben zu finden.