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Abi 2011 - der Doppeljahrgang Universitäten planen unkonventionelle Lösungen für Studentenzuwachs
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15:02 24.06.2014
Von Juliane Kaune
Der Saal ist voll: Der doppelte Abiturjahrgang 2011 wird auch an der Leibniz Universität zu räumlichen Engpässen führen – trotz des neuen Hörsaals am Conti-Campus. Quelle: Martin Steiner
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Noch ist es ein knappes Jahr hin. Doch wenn Udo-Klaus Schmitz an das Wintersemester 2011/2012 denkt, wird er schon etwas unruhig. Der Studiendekan der Naturwissenschaften an der Leibniz Universität Hannover kann sich nur schwer vorstellen, wie seine Fakultät dem erwarteten Ansturm der Studienanfänger aus dem doppelten Abiturjahrgang gerecht werden soll – zumal sich mit dem überraschend angekündigten Wegfall von Wehr- und Zivildienst die Nachfrage nach Studienplätzen weiter erhöhen dürfte. Das größte Problem sieht der Biologie-Professor darin, dass Laborplätze für die praktische Ausbildung knapp zu werden drohen. „Die können wir trotz aller gut gemeinten Planungen nicht mal so eben aufstocken, dafür fehlen Räumlichkeiten und Geld.“

Auf räumliche Engpässe durch den Studentenzuwachs stellen sich nicht nur die Naturwissenschaftler der Leibniz-Uni ein. Auch an den Fakultäten anderer niedersächsischer Hochschulen wie in Braunschweig, Oldenburg oder Osnabrück rechnet man damit, dass die Kapazitäten von Hörsälen und Laboren an ihre Grenzen stoßen könnten. Mit dem zwischen Bund, Land, Universitäten und Fachhochschulen abgestimmten Hochschulpakt werden zum Studienjahr 2011/2012 zwar dem bisher prognostizierten Bedarf gemäß landesweit 5000 zusätzliche Studienplätze geschaffen – der größte Teil des Geldes fließt aber in Lehrpersonal. Vorgesehen ist auch, dass die Hochschulen mit bestimmten Summen Räume anmieten dürfen. Doch kostspielige Neubauten eigens wegen des Doppeljahrgangs gibt es nicht. In welcher Größenordnung die bevorstehende Aussetzung der Wehrpflicht die Situation verschärfen wird, ist noch offen.

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Mit 25 bis 30 Prozent mehr Studienanfängern durch das Doppelabitur hatte die Leibniz-Uni bisher kalkuliert – aktuell haben sich an Niedersachsens zweitgrößter Hochschule etwa 3200 Erstsemester immatrikuliert. Präsident Prof. Erich Barke hatte stets betont, dass seine Uni mit 910 zusätzlichen Studienplätzen – mehr als die Hälfte davon in den besonders nachgefragten Geistes- und Gesellschaftswissenschaften – aus dem Hochschulpakt für die steigenden Studentenzahlen gut gerüstet sei. Auch im Hinblick auf die Raumfrage blieb er gelassen.

Doch Anfang Oktober wurde Barke ebenso wie alle anderen niedersächsischen Hochschulpräsidenten von der Neuerung in Sachen Wehrdienst überrascht. Mit Vorbehalten prognostiziert die Leibniz-Uni nun einen Studienanfängerzuwachs von weiteren zehn bis 20 Prozent – neben der bereits eingeplanten Größenordnung. Sollten die Zahlen tatsächlich derart steigen, rechnet Barke mit deutlich spürbaren Raumproblemen: „Dann kann es sein, dass wir für Lehrveranstaltungen ein Zelt im Welfengarten aufstellen oder andere große Räume wie etwa das Congress Centrum anmieten müssen.“

Zumindest einen neuen Hörsaal baut die Uni derzeit am Conti-Campus – der wurde jedoch ohnehin benötigt. Der Saal wird Geistes- und Sozialwissenschaftlern, Wirtschaftswissenschaftlern und Juristen zur Verfügung stehen. Mit 250 Plätzen ist er aber nicht für die stark frequentierten Erstsemestervorlesungen der Ökonomen und Rechtswissenschaftler ausgelegt. „Wir werden nicht umhin können, die Nutzungszeiten aller verfügbaren größeren Hörsäle besser abzusprechen und Vorlesungen doppelt zu halten“, sagt Jura-Dekan Prof. Henning Radtke. Auch die Philosophische Fakultät plant unkonventionelle Lösungen: Unterricht in den Abendstunden werde kein Tabu sein, meint Dekan Prof. Rolf Werning. Manche Professoren halten es für möglich, sonnabends zu unterrichten. Andere erwägen, ihre Vorlesungen simultan in andere Hörsäle oder ins Internet zu übertragen.

Ähnliche Strategien, um dem drohenden Raumproblem zu begegnen, bereiten andere niedersächsische Hochschulen vor. An der Uni Osnabrück sollen zum Beispiel feste Hörsaalbänke gegen eine mobile Bestuhlung ausgetauscht werden, um mehr Platz zu schaffen. Die TU Braunschweig hält nach Kinosälen Ausschau und schließt nicht aus, Container auf dem Campus aufzustellen. Die Oldenburger Uni mietet unter anderem zusätzliche Räume in einem leerstehenden Bürogebäude an. Die Fachhochschule Hannover ist wegen Sanierungsarbeiten bereits in einen Teil der ehemaligen Pädagogischen Hochschule in der Bismarckstraße eingezogen und plant, dort weitere Räume zu mieten.

Vor besonderen Herausforderungen stehen Studiengänge ohne Zulassungsbeschränkung. Das gilt an der Leibniz-Uni etwa für den Maschinenbau. Zurzeit sei das Fach rechnerisch zwar zu 130 Prozent ausgelastet, sagt Studiendekan Prof. Jörg Wallaschek. Es sei aber nicht sinnvoll, die Zahl der Plätze wegen des doppelten Abiturjahrgangs durch einen Numerus clausus zu begrenzen: „Über Jahre haben wir einen Mangel an Studenten beklagt. Es wäre das falsche Signal, nun gleich wieder Interessenten abzuweisen“.

Der Uni-Maschinenbau wird im Hochschulpakt mit 194 Plätzen denn auch üppig bedacht. Kritsch werde es künftig vor allem bei den Prüfungen, erklärt Wallaschek. Schon jetzt reiche das Audimax mit 600 Plätzen kaum aus, wenn rund 380 Anfänger zeitgleich Klausuren schreiben – die Kandidaten dürfen nicht zu eng beieinander sitzen. Unterm Strich sieht der Professor dem Studentenzuwachs mit guten Gefühlen entgegen: „Mit gemeinsamen Anstrengungen bewältigen wir das. Ängste zu schüren, macht keinen Sinn.“

Studiendekan Udo-Klaus Schmitz sieht dem nächsten Jahr pessimistischer entgegen. Die Kapazitätsgrenze im Fach Biologie werde bei den Laborplätzen schon jetzt um fast das Doppelte überschritten, sagt er. Weil es keine Möglichkeiten der Erweiterung für die technisch aufwendigen Versuchsanlagen gibt, sei die Zahl der Studienplätze im Hochschulpakt gar nicht erst aufgestockt worden. Mit der Konsequenz, dass der Numerus clausus von 2,3 aller Voraussicht nach weiter steigen wird. Im Fach Gartenbauwissenschaften, das noch zulassungsfrei ist, rechnet Schmitz mit einem regelrechten „Run“ von allen, die sonst Biologie studiert hätten – dafür seien die Labore nicht ausgelegt. Für die Chemie befürchtet der Professor ein ähnliches Szenario: „Bestimmte Praktika werden wir nicht mehr anbieten können.“ Die Uni-Verwaltung hält es aber nicht für den richtigen Weg, die Zulassungshürden in den bisher nicht voll ausgelasteten Fächern vorsorglich hochzusetzen – und damit mögliche Bewerber auszuschließen.

Der Doppeljahrgang müsse bei der Studienwahl wohl gewisse Abstriche machen, räumt Barke ein: „Jeder, der an der Leibniz-Uni studieren will, bekommt einen Platz“, sagt er. „ Aber wir können nicht garantieren, dass es immer das Wunschstudium sein wird.“

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