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Die Mittelstufe In acht Jahren zum Abitur
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11:48 31.03.2009
Geschichtsunterricht in einer 7. Klasse der Helene-Lange-Schule in Linden Quelle: Martin Steiner

Morgens, halb acht in Hannover-Linden. Schüler drängen sich in die Stadtbahnlinie 10. Um 7.55 Uhr ertönt in der Helene-Lange-Schule der Gong zum Unterrichtsbeginn. Sofort steigt Lars Klene, Klassenlehrer der 7S des Gymnasiums, in die erste Stunde ein. Das „S“ steht für „Sprachenklasse“ und bedeutet, dass die Schüler Französisch und Latein lernen.

Doch zunächst steht Englisch auf dem Stundenplan. Damit fangen die Schüler heute bereits in der 3. Klasse an –˚und beherrschen es in der 7. schon beeindruckend gut. Klene drückt aufs Tempo: Die Schüler sollen ihm erklären, welche TV-Sendungen ein Junge aus ihrem Englischbuch anguckt. Der Lehrer öffnet das Fenster, 23 Schüler teilen sich ein enges Klassenzimmer. Die Stühle sind hart, die Tische zu klein, manche davon kippeln. Klene spricht sehr schnell, aber wenn seine Schüler später geschäftliche Telefonate auf Englisch tätigen müssen, werden sie damit auch konfrontiert. Nach nicht mal 20 Minuten stellt der 32-jährige Englischlehrer bereits die vierte Aufgabe, für die seine Siebtklässler nur fünf Minuten Zeit bekommen. „Modal auxiliaries“, die modalen Hilfsverben „can“ und „must“ etwa, stehen heute an.

Große Klassen, kleine Räume, modale Hilfsverben im Englischen – vieles am Schultag der 7S erinnert an die Zeit auf dem Gymnasium vor gut zehn Jahren. Aber ein großer Unterschied fällt schnell auf: Das Unterrichtstempo wurde kräftig angezogen. Das liegt vor allem daran, dass die Schüler seit der Schulreform des Jahres 2004 viel schneller mit dem Lernstoff durchkommen müssen: Nach zwölf Jahren legen sie das sogenannte Turbo-Abitur ab – anders als ihre Eltern, die noch 13 Jahre zur Schule gegangen sind.

„Die Stimmung ist viel angespannter“, sagt Klene. Zwar sei der Stoff im Lehrplan zusammengestrichen worden – aber es bleibe genug übrig, was nur in zwölf Jahren zu schaffen sei, wenn man den Schülern viel abverlange. In seiner 7S gebe es wenig Probleme, weil die Klasse sehr motiviert sei. Das beweist allein die Tatsache, dass die überwiegend Zwölfjährigen seit diesem Schuljahr eine dritte Fremdsprache lernen: Einige Schüler haben in der 6. Klasse mit Französisch begonnen und mit dem Start in die 7. Klasse Latein hinzugenommen, andere wählten zuerst Latein und nun Französisch.

„Das frühe Lernen der dritten Fremdsprache setzt natürlich Eltern voraus, die ein Interesse an der Bildung ihrer Kinder haben“, sagt Pia Bowinkelmann, Französischlehrerin der 7S. Auch in dieser Sprache sind die Schüler schon weit: Vor der Schulreform konnten die Gymnasiasten der 7. Klassen gerade ihren Namen und ein paar Sätze auf Französisch sagen, heute büffelt der Jahrgang bereits unregelmäßige Verben. „Der neue Lehrplan hat Auswirkungen auf die Methodik“, sagt Dagmar Fluge, Lateinlehrerin der 7S. Es gebe weniger Zeit für Übungen, Inhalte müssten verkürzt werden. “Übrig bleiben Fakten, Fakten, Fakten.“

In der 7S sitzen trotzdem meist Befürworter des Turbo-Abiturs: „Ich finde es gut, dass wir in kürzerer Zeit Abitur machen“, sagt die 13-jährige Nesli Hadzijski, „mehr Lernstoff bedeutet, dass wir uns besser konzentrieren müssen.“

Markus Engelke, der die 10. Klasse besucht, ist weniger begeistert. Er wechselte von der inzwischen abgeschafften Orientierungsstufe in der 6. Klasse aufs Gymnasium. „Wenn ich mein Abitur in der Tasche habe, kommen zwei Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt“, sagt er. Das sei ein großes Problem, schließlich gebe es bereits jetzt Schwierigkeiten, alle Bewerber unterzubringen.

Eine gute Voraussetzung für den späteren Job hat Engelke aber: Er beherrscht das Zeitmanagement. „Einmal in der Woche leiste ich mir den Luxus der Freizeitgestaltung und gehe zur Tanzschule“, sagt der 16-Jährige. Privater Musikunterricht, Sporttraining, Spielen mit Freunden? Fehlanzeige: Engelke muss darauf achten, dass seine Nachmittagspläne nicht mit den Anforderungen der Schule kollidieren. Sehr viel Lernstoff wird nämlich nicht mehr morgens in der Schule erledigt, sondern in den Nachmittag verlegt. Dabei stehen für die 10. Klassen seit der Reform schon 34 statt 31 Unterrichtsstunden auf dem Plan. Die Schule endet oft erst nach der siebten Stunde – an der Helene-Lange-Schule ist dies um 14.15 Uhr.

„Wenn zusätzlich zu Schule und Hausaufgaben noch Referate und Klausuren anstehen, muss ich meine Woche minutengenau durchplanen“, sagt Engelke. Mittags bleibt oft nur Zeit für die Dönerbude nebenan. Dass immer mehr Schulkinder über Erschöpfungszustände klagen, verwundert da nicht.

Die Aufgaben am Nachmittag: Sie setzen Schüler wie Lehrer unter Leistungsdruck. Aber auch Eltern sind zunehmend gefordert: „Natürlich profitieren diejenigen Schüler, die zu Hause Unterstützung bekommen“, sagt Französischlehrerin Bowinkelmann. Andererseits weiß Jürgen Buchhagen, Leiter der Helene-Lange-Schule, dass Eltern befürchten, „dass ihre Kinder nicht genügend auf das Abitur vorbereitet werden“.

Es gibt aber Möglichkeiten, den Unterricht zu verdichten und Schwerpunkte zu setzen. Am Lindener Gymnasium wählen Schüler das sprachliche oder das naturwissenschaftliche Profil. „S“ steht für Sprachenklasse, „NAT“ für naturwissenschaftlich orientierte Klassen. Für den Abiturjahrgang sei Zusatzunterricht üblich, damit sich die Schüler besser auf die Prüfungen vorbereiten können. Buchhagen schätzt das Abitur nach zwölf Jahren positiv ein: „Im internationalen Vergleich stehen die Schüler einfach besser da.“

Julia Beatrice Fruhner

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