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Die Mittelstufe Vorbereitung aufs Berufsleben
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11:50 31.03.2009
Schüler der Gerhard-Hauptmann-Schule bereiten sich in der Schülerfirma auf eine Karriere in der Gastronomie vor. Quelle: Uwe Dillenberg

Frühzeitige Berufsorientierung schreiben inzwischen fast alle Schulen groß. Und so hat Günther Seemann für die Klagen von Arbeitgebern – Schulabgänger verfügten über mangelnde Praxiserfahrung – nur ein müdes Lachen übrig. „Nein, zu wenig Erfahrungen im Arbeitsleben haben unsere Schüler wirklich nicht gesammelt, wenn sie uns verlassen“, sagt der kommissarische Leiter der Gerhart-Hauptmann-Realschule in der List (GHS).

Im Gegenteil: Praxisunterricht, zwei Praktika in der 9. und 10. Klasse, der Besuch von Berufsmessen, Informationsbesuche der Berufsberaterin, Arbeit in der Schülerfirma, externe Bewerbungstrainings – all das nimmt so viel Zeit in Anspruch, dass die Lehrer der 9. Klassen Probleme haben, ihren Lehrstoff durchzunehmen. „Das ist eine echte Gratwanderung, die praktischen Projekte zu schaffen und den normalen Unterricht trotzdem nicht zu vernachlässigen“, sagt Sven Langkopf, Fachbereichsleiter des Faches Wirtschaft und Technik.

Die GHS an der Hermann-Bahlsen-Allee ist die einzige der zwölf städtischen Realschulen, die sich mit dem Gütesiegel „Berufs- und ausbildungsfreundliche Schule“ schmücken darf. Außer ihr tragen die Auszeichnung in Hannover: die Ada-Lessing- und die Anne-Frank-Hauptschule, die Haupt- und Realschule Fössefeld, die Integrierten Gesamtschulen Linden, List und Mühlenberg sowie das katholische St.-Ursula-Gymnasium und die Werk-statt-Schule. Das Gütesiegel wird vom Regionalnetzwerk Hannover und der Landesschulbehörde vergeben; die GHS hat die Auszeichnung bereits zum zweiten Mal bekommen, die Bewerbungsunterlagen für das kommende Schuljahr sind gerade eingereicht.

Im zweiten Halbjahr der 8. Klasse beginnen die GHS-Lehrer, sich verstärkt um die Berufsorientierung ihrer Schüler zu kümmern. Im Fach Wirtschaft werden Fragen rund um die Themen Arbeitswelt und Berufswunsch beantwortet. „In der 9. Klasse dreht sich dann fast alles um den Berufseinstieg“, sagt Langkopf.

Die Schüler machen im Frühjahr ihr erstes Praktikum, ein zweites folgt in der 10. Klasse. „Da merkt man deutlich den Unterschied“, sagt Schulleiter Seemann. „Während die Neuntklässler sich noch stark nach den Wünschen ihrer Eltern richten und auch gern einen Praktikumsplatz nehmen, nur weil er so bequem vor der eigenen Haustür liegt, fangen sie ein Jahr später an, eigene Interessen und Initiativen zu entwickeln.“

Die beiden zweiwöchigen Jahrespraktika sind aber nur Teil einer umfassenderen Praxisorientierung. Einmal im Monat kommt eine Berufsberaterin von der Agentur für Arbeit an die GHS, und eine Woche lang besuchen alle Schüler ein Assessment-Center, um ihre Stärken und Schwächen zu analysieren. Zudem gibt es Kooperationen mit der AOK, der TUI, der Handwerkskammer, dem Agnes-Karll-Krankenhaus in Laatzen und VW.

Bei Mercedes dürfen die Schüler ihren Technikunterricht in der Ausbildungswerkstatt abhalten. Und auch Vorstellungsgespräche werden mithilfe von Personalchefs geübt. „Der Respekt ist da gleich ein anderer“, sagt Langkopf, „die Schüler nehmen es sich zu Herzen, wenn ein potenzieller Arbeitgeber sagt: ‚Wer bei mir zu spät kommt, der fliegt.““
Auf der Berufswunschliste oben stehen bei den Realschülern Mechatroniker, Industriejobs bei Conti und VW sowie kaufmännische Berufe. „Doch für einige ist es nicht einfach, diese Ziele zu erreichen“, sagt Langkopf, „viele überschätzen sich sehr.“ Schüler zu einer realistischen Selbsteinschätzung zu bewegen sieht er als eine seiner Hauptaufgaben. Manche Schüler aber wissen mit 15 oder 16 Jahren noch gar nicht, was sie werden wollen. „Das ist ein schwieriges Alter. An manche Jugendlichen kommt man in dieser Phase schlecht ran. Sie haben alles Mögliche im Kopf, nur nicht ihre berufliche Zukunft“, sagt Langkopf.

Für diese Schüler sei es umso wichtiger, zu wissen, dass es viele schulische wie berufliche Weiterbildungsmöglichkeiten gibt. Schließlich stehe es ihnen frei, nach einem erweiterten Realschulabschluss und einigen Jahren Berufspraxis das Abitur nachzuholen. „Das machen nicht wenige“, erzählt Rektor Seemann begeistert. Gerade hat er sich mit seiner Abschlussklasse von 1988 getroffen: „Da gab es Ärzte, Anwälte, Lehrer.“

Julia Pennigsdorf

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