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Finanzen „Igel“-Behandlungen beim Arzt boomen
Mehr Finanzen „Igel“-Behandlungen beim Arzt boomen
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15:45 30.12.2010
Auch der Augenarzt bietet so genannte Igel-Leistungen an. Quelle: Ralf Decker

Laut einer aktuellen Befragung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK in Berlin (Wido) gilt dies für den Betrachtungszeitraum von einem Jahr. Formal korrekt geht es bei diesen individuellen Gesundheitsleistungen nicht immer zu: Weder die erforderliche schriftliche Vereinbarung wird bei einem großen Teil der Behandlungen getroffen, noch eine Rechnung ausgestellt.

Viele Ärzte bieten Zusatzuntersuchungen an, um beispielsweise die Krebsvorsorge zu ergänzen oder zu optimieren, wie es heißt. Sie werden als sogenannte individuelle Gesundheitsleistungen unter dem Namen „Ige l“ zusammengefasst. Der Patient muss diese Wunschleistungen aus eigener Tasche bezahlen. Dazu gehören neben besonderen Behandlungsmethoden auch ergänzende Vorsorgeuntersuchungen. Laut Wido-Studie werden solche Leistungen vor allem Patienten mit höheren Einkommen angeboten.

Besonders häufig arbeiten Gynäkologen, Augenärzte und Urologen mit „Igel“. Bei den Igel-Angeboten handelt es sich immer um medizinische Leistungen, die nicht unbedingt notwendig sind – deshalb sind sie auch nicht im gesetzlichen Leistungskatalog enthalten -, die aber für manche Patienten wünschenswert sind. Dabei stehen laut Studie Ultraschalluntersuchungen ganz oben auf der Liste der am häufigsten durchgeführten Untersuchungen (20 Prozent), gefolgt von Messungen des Augeninnendrucks (16,2 Prozent) sowie Verordnungen von Medikamenten oder Heil- und Hilfsmitteln. Den Ärzten bescheren diese Untersuchungen vor allem eines: Attraktive Zusatzeinnahmen und zwar rund 1,5 Milliarden Euro im Jahr laut Wido.

Umstrittenen Nutzen mancher Extrauntersuchung

Wie sinnvoll solche Extrauntersuchungen sind, ist umstritten. So sind Früherkennungsuntersuchungen, die einen nachgewiesenen Nutzen haben, im gesetzlichen Leistungskatalog enthalten. Sobald etwas medizinisch notwendig ist – beispielsweise eine zusätzliche Ultraschalluntersuchung weil der Verdacht einer Erkrankung besteht – bezahlt die Kasse die Leistung. Dann darf der Arzt nicht extra abrechnen.

Vertrag abschließen

Im Idealfall bleibt die Inanspruchnahme eines Igel-Angebots eine freie Entscheidung des Patienten. Laut Wido-Befragung geschieht es vielen Fällen aber genau umgekehrt. Der Arzt sollte eigentlich nur in sachlicher Weise informieren, aber den Patienten nicht drängen. Bevor eine Untersuchung durchgeführt wird, muss der Arzt mit dem Patienten einen schriftlichen Vertrag schließen bzw. eine Vereinbarung treffen. Auch die Kosten müssen darin erwähnt sein. Im Anschluss an die Behandlung muss der Arzt dem Patienten eine Rechnung ausstellen. Hier muss eine Auflistung der Einzelleistungen erfolgen und der entsprechende Verweis auf die Gebührenordnung für Ärzte. Patienten sollten wissen, dass Ärzte für Igel-Angebote nicht nur den einfachen Gebührensatz in Rechnung stellen dürfen, sondern den 2,3fachen Satz oder sogar den 3,5fachen Satz.
Eines sollte der Patient immer beachten: Zusatzuntersuchungen können auch zu einer Überdiagnostik führen, die den Patienten vor allem verunsichert, ihn seelisch belastet oder ihn unnötigen und zum Teil auch gefährlichen Untersuchungen aussetzt.

Annette Jäger/biallo.de