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So schadet Stress unserem Rücken

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13:35 21.08.2019
Werden die Bedürfnisse des Körpers ignoriert, reagiert dieser früher oder später mit Schmerz. Quelle: dpa
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Egal wo man hinhört, nahezu alle Leute klagen über Rückenbeschwerden – und gefühlt werden diese Leute immer jünger. Entspricht das Ihren Beobachtungen?

Was mich total enttäuscht, ist, dass wir sechs bis zehn Millionen Menschen durch Rückenschulen gejagt haben und es trotzdem nicht besser wird. Wenn Sie sich die Statistiken der Erkrankungen des Bewegungsapparats angucken, dann sind diese seit Jahrzehnten fast immer auf Platz eins der Gründe für Arbeitsunfähigkeit. Und ja, das Schlimme ist, dass sich dieses Problem immer mehr in das jüngere Alter verlagert.

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Was sind die Ursachen dafür?

Früher hatten wir oft Rückenschmerzen durch hohe körperliche Belastung im Beruf. Heute haben wir andere Arbeitssysteme wie Roboter, die uns in die Lage versetzen, hohe Lasten ohne Rückenbeanspruchung zu tragen. Daher ist heute die Hauptursache für Rückenbeschwerden nicht mehr die körperliche Überforderung, sondern die Unterforderung der menschlichen Strukturen, insbesondere der Muskulatur. Wir können fast sagen, dass 90 Prozent der Rückenbeschwerden aus Unterforderung der betroffenen Strukturen resultieren. Es gibt immer weniger Bewegungsreize. Das fängt schon bei Kindern und Jugendlichen an. Sportliche Aktivität findet ja, wenn überhaupt, heute oft nur noch vorm Rechner statt. Eine Umfrage meines Instituts in Schulen hat ergeben, dass bereits 40 Prozent der 14-Jährigen über Rückenbeschwerden klagen. Da läuft definitiv etwas schief.

Welchen Anteil hat denn die häufig verteufelte Digitalisierung tatsächlich?

Ich möchte nicht auf die Medien schimpfen, die haben ja auch viel Gutes. Das Problem sind die Inaktivitätszeiten, die daraus resultieren. Wir haben das Sichbewegen als notwendigen Motor für unser Wohlbefinden komplett verlernt. Früher wurden wir nicht mit dem Auto in die Schule oder in den Kindergarten gefahren, wir hatten viel längere Wege zurückzulegen, die nicht mit dem E-Scooter oder E-Bike bewältigt werden konnten. Insofern sind grundsätzlich viele Reize weggefallen. Das hängt nicht nur mit der digitalen Technologie zusammen, sondern mit der Automatisation insgesamt.

Ingo Froböse ist Professor für Prävention und Rehabilitation und Leiter des Gesundheitszentrums an der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Wie lässt sich das Dilemma auflösen?

Also mein Motto ist: Die Bewegung muss wieder zu den Menschen zurück! Das bedeutet, dass wir bestimmte Umweltveränderungen so vornehmen, dass es eben gar nicht ohne Bewegung geht. Dazu gehört auch, dass Kinder eben nicht bis vor die Schule und Kita gefahren werden können, weil es da gar nicht ausreichend Parkplätze gibt. Es muss eine Sensibilisierung dafür geben, dass es völlig normal ist, sich bewegen zu müssen.

Ein Blick in die Social-Media-Profile vermeintlich aktiver Menschen zeigt schnell, dass es heute beim Sport weniger ums persönliche Wohlbefinden, sondern vor allem um Leistung und um Vergleichbarkeit geht – also auch um einen öffentlichen Wettbewerb.

Sie glauben gar nicht, was ich da am Sonntag alles von meinen Facebook-Freunden kriege. Alle posten ihre sportlichen Leistungen. Ganz furchtbar. Die Körperlichkeit ist ganz stark in den Mittelpunkt gerückt, aber die Leiblichkeit meint etwas anderes. Sie meint, das Wohlbefinden aus der Bewegung zu generieren. Der Bezug zur eigenen Normalität und zum eigenen Bedürfnis ist uns schlichtweg verloren gegangen. Man versucht, sich selbst zu stylen, vergisst dabei aber das Innenleben.

Welchen Anteil am Rückenschmerz hat denn der seelische Stress, der ja oft entsteht, wenn man die eigenen Bedürfnisse permanent ignoriert?

Wir haben heute im Alltag eine hohe mentale Beanspruchung, unheimlich viele und schnelle Reize, auf die wir reagieren müssen. Unser Problem ist, dass wir es am Abend nicht schaffen, die Waschmaschine des Gehirns anzustellen. Das Gegenteil ist der Fall: Wir füllen sie weiter auf, indem wir Dinge mit einer wahnsinnig hohen Geschwindigkeit und Dichte weiter konsumieren, sei es, indem wir weiter am Computer arbeiten oder spielen, sei es, indem wir Netflix gucken und auch da wieder ganz schnelle Schnitte haben. All das führt zu verkürzten Schlafzeiten und damit auch zu verkürzten Regenerationszeiten. Das heißt, wir haben ein Regenerationsproblem, weil wir die Belastung im Alltag nicht bearbeiten.

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Und deshalb muckt der Körper auf?

Ja, das aufsummiert ergibt einen zusätzlichen Stress, den wir nicht mehr loswerden. Da lässt sich hervorragend mit körperlicher Aktivität gegensteuern, denn die ist ein Beschleuniger der Regeneration. Um die psychophysische Balance wiederherzustellen, muss ich eine aktive Maßnahme ergreifen. Im Sport nennen wir das den Cooldown, um den Körper nach der Belastung abzukühlen. Wer macht das schon im Alltag? Niemand kühlt sich da ab. Wir gehen mit einem erhitzten Kopf ins Bett, können nicht pennen, und am nächsten Tag müssen wir derselben Belastung wieder standhalten. Das ist im Sport anders. Um wieder die gleiche Leistung zu bringen, kühlen wir den Körper erst mal ab. Das ist die wichtigste Regenerationsmaßnahme.

Wie kann das im Alltag jenseits von Leistungssport aussehen?

Indem ich mich nach einem anstrengenden Tag nicht auf die Couch lege und sage: „Boah, bin ich wieder kaputt“. Stattdessen ist es besser, erst einmal eine Runde um den Block zu gehen oder ganz langsam zu joggen oder gemäßigt Rad zu fahren, immer mit dem Prinzip der subjektiven Unterforderung. Das macht man so lange, bis die ganzen Sorgen und der Stress weggeatmet sind. Auch ein Gang in die Sauna und Wechselduschen helfen dem Körper, die Temperatur zu regulieren. Die Hitze muss aus dem Körper raus.

Und das hilft auch unserem Rücken?

Ja, denn die Muskulatur ist das emotionalste Organ neben dem Gehirn. Unsere Stimmung drückt sich auch in unserer Körperhaltung aus. Wenn Sie im Kopf verspannt sind, dann spannt sich auch die Muskulatur an. Sind Sie traurig, sacken Sie muskulär zusammen. Sind Sie euphorisch, sind Sie aufgerichtet und groß. Die Muskeln sind das Spiegelbild Ihrer emotionalen Situation. Sind Sie gestresst, sind die Muskeln nur in der Lage, sich zu verspannen. Das wirkt sich nachteilig auf den Stoffwechsel aus, auch den des Rückens, und dann haben wir das Dilemma.

Was lässt sich präventiv tun, damit es gar nicht so weit kommt?

Regeneration ist zugleich auch Prävention. Wichtig ist, Bewegungspunkte im Alltag zu sammeln, also die Muskeln so oft es geht zu beanspruchen.

Das klingt machbar. Warum bekommen viele Menschen es trotzdem nicht hin, im psychophysischen Gleichgewicht zu bleiben?

Weil sie mental so beansprucht sind, dass sie sich nur noch auf die Couch fallen lassen können. Der Kopf ist kaputt, aber der Körper völlig unterfordert. Diese Disharmonie führt zu einem inneren Stressor. Aus dieser Lethargie des Kopfes kommt man in der Regel nicht mehr ohne Weiteres raus. Da muss man sich am Anfang etwas zwingen. Aber dann wird man ganz schnell ein Wohlbefinden erfahren. Man braucht das irgendwann, den Reiz des Tages zu verarbeiten.

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Und was bedeutet das für unseren Rücken?

Mir ist ganz wichtig, dass die Menschen die Sprache des Rückens wieder lernen. Er spricht ja den ganzen Tag mit uns. Setz dich gerade hin, streck dich mal. Der Rücken hat nur ein Problem, wir hören nicht hin. Und deshalb muss er manchmal massiver mit uns reden, dann kommt der Schmerz. Also geben Sie dem Rücken, was er braucht.

Tipp: So entlasten Sie Ihren Rücken

Um den Rücken zu kräftigen, sollte die tiefe Rückenmuskulatur zielgerichtet trainiert werden, empfiehlt Ingo Froböse: Eine seiner liebsten Übungen in diesem Zusammenhang heißt Hacker. „Zweimal am Tag gemacht, jeweils 30 Sekunden, ist das wie eine Vollkaskoversicherung für den Rücken“, versichert der Sportwissenschaftler.

Und so geht’s: Man sitzt aufrecht auf dem Stuhl und rückt ganz nach vorn an die Stuhlkante, die Oberarme werden angelegt, das Ellbogengelenk befindet sich im 90-Grad-Winkel, die Hand ist geöffnet und die Daumen zeigen nach oben. Dann macht man 30 Sekunden ganz kleine und schnelle Hackbewegungen und versetzt dadurch den Körper in eine leichte Rotation.

Froböses eindringlicher Rat für einen gesunden Rücken darüber hinaus: „Machen Sie am Abend unbedingt eine regenerative, temperaturregulierende, stoffwechselstimulierende körperliche Aktivität. Das muss nicht unbedingt Sport sein, aber machen Sie etwas körperlich! Gönnen Sie sich ein Ventil, gehen Sie eine Stunde raus oder machen Sie etwas Gartenarbeit.“

Von Carolin Burchardt/RND