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Zehn Jahre nach Tod von Robert Enke: “Die seelische Gesundheit im Sport kommt weiter zu kurz”

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22:41 28.09.2019
Robert Enke nahm sich vor zehn Jahren, am 10. November 2009, wegen Depressionen das Leben. Quelle: dapd (Archiv)

Als die Nation Fragen hatte, fiel es Valentin Markser zu, die Antworten zu geben. Live im Fernsehen. Eher ungewöhnlich für einen promovierten Facharzt der Psychiatrie und Psychotherapie. Aber an diesem 11. November vor zehn Jahren musste man kein Fußballfan sein, man musste nicht einmal den Namen des Spielers kennen, um von den aktuellen Ereignissen berührt zu sein. Zum ersten Mal hatte sich ein aktiver deutscher Fußballnationalspieler umgebracht: Robert Enke, Torwart des Bundesligisten Hannover 96 – und ein Patient von Doktor Markser. Am Tag zuvor, dem 10. November 2009, hatte sich der Profikicker unweit seines Wohnortes Empede in Niedersachsen vor einen Zug geworfen. Mit 32 Jahren. Alle Fragen kreisten eigentlich um eine einzige: Warum?

Markser saß neben der Witwe Teresa Enke auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz in Hannovers Stadion. Als er an der Reihe war, erläuterte der Therapeut die Hintergründe des Freitodes in der Sprache, die ihm vertraut ist. Nah dran und doch mit der notwendigen Distanz. Präzise und nüchtern in medizinischem Vokabular, fast schon beruhigend sachlich, so dass die aufgeregte Öffentlichkeit folgen und verstehen konnte: Enke, respektierter Liebling der Fans, hatte unter Depressionen gelitten. Nach viereinhalb Minuten war der Arzt mit seinen Ausführungen fertig.

„Bis zu diesem Tag war ich als Behandler anonym“, sagt der 66-Jährige heute im Gespräch in einem kleinen Café im Kölner Agnesviertel, „nun stand ich im grellen Licht, dabei wollte ich da nie hin“. Ein Kulturschock für den höflichen Doktor, der zum Interview als erstes ein Glas Milch bestellt. Als Psychiater agierte er in der Regel vertraulich und verschwiegen, im Verborgenen seiner Praxis unweit des alten Kölner Eishockey-Stadions – und nicht vor den surrenden Kameras der Medienmeute.

Auf Wunsch von Teresa Enke nahm auch der Psychiater und Psychotherapeut Valentin Markser am Tag nach dem Freitod von Robert Enke an der Pressekonferenz in Hannover teil. Er meint, dass sich auch in zehn Jahren nichts an dem System im Leistungssport geändert hat.

Selbstmord schaffte es auch im Ausland auf die Titelseiten

Die News vom Selbstmord eines deutschen Nationalspielers schafften es sogar auf die Titelseiten der internationalen Zeitungen. Sie saßen am Tag danach auf dem Podium neben der Witwe Teresa Enke. Viele Zuschauer fragten sich, wer der Unbekannte im schwarzen Rollkragenpullover wohl sei. Warum haben Sie sich zu diesem Auftritt in der Pressekonferenz entschlossen?

Auf Wunsch von Teresa Enke. Sie rief mich am Vorabend gegen 22 Uhr an. Ich hatte sie bis dahin nur einmal getroffen. Jetzt hatte ich das Gefühl: Du kannst diese Frau nicht alleinlassen. Es ging mir vor allem um das Kind, das die Enkes gerade erst adoptiert hatten. Ihre erste Tochter hatten sie nach schwerer Krankheit bereits verloren, der zweiten durfte in dieser Ausnahmesituation nichts passieren, so war mein Denken. Ich wollte helfen, soweit das möglich war. Die Nachricht vom Selbstmord hatte mir ein paar Stunden vorher Roberts Manager Jörg Neblung am Handy überbracht. Ich war gerade in einem Kaufhaus und wollte einen Winterschlafanzug kaufen.

Ich kam auf Wunsch von Teresa Enke. Ich hatte das Gefühl: Du kannst diese Frau nicht alleinlassen.

Psychiater und Psychotherapeut Valentin Markser

Robert Enke wollte sich in eine Klinik einweisen lassen

Erinnern Sie sich noch an Ihre Reaktion?

Eine Katastrophe, ich dachte, es ist eine Katastrophe. Wir, die von der Krankheit wussten, hatten so sehr gehofft, dass Robert endlich auf dem Weg der Besserung war. Er hatte bereits ein Vorgespräch in einer Klinik in Norddeutschland geführt und sogar einem Aufnahmetermin zugestimmt. Das war, so glaubten wir, ein riesiger Schritt vorwärts.

Sie wirkten auf dem Podium am Tag nach Enkes Tod ruhig und gefasst.

Das täuscht. Ich bin um 4 Uhr aufgestanden und habe den Zug nach Hannover genommen. Meine Notizen habe ich im Bordrestaurant verfasst. Ganz frei zu sprechen – das habe ich mich dann doch nicht getraut. Mit Robert Enkes Tod wurde mir endgültig klar: Die Sportler sind beim Thema der seelischen Belastungen das schwächste Glied in der Kette. Der Anstoß zu echten Veränderungen kann nur von uns Behandlern kommen. Und da durften wir keine Zeit mehr verlieren.

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Haben Sie über die Konsequenzen Ihres Auftritts nachgedacht?

Nein, es ist alles so schnell gegangen. Ich habe die Pressekonferenz übrigens bis heute nie gesehen, andere dagegen sehr wohl. Nachher kamen mehr Sportler in meine Praxis. Und für manche Leute war ich plötzlich eine Art Promidoktor. So ein Unsinn, zu mir kommen Patienten aus allen Schichten der Gesellschaft.

Therapeut Valentin Markser: Mediziner und Torwart

Wenn man einen Therapeuten für Robert Enke gescoutet hätte, so wie man heute Leistungsträger im modernen Fußball sucht, dann wäre Doktor Valentin Markser die Idealbesetzung gewesen. Er ist Mediziner – und Torwart. Der gebürtige Kroate, der 1971 nach Deutschland kam, fing schon als Kind Gläser auf, die vom Tisch fielen. „Ich konnte nicht anders, das lag mir einfach im Blut“. Später gewann er mit den Handballern vom VfL Gummersbach einige Europapokale und machte gleichzeitig seinen Doktor. Nach seinem Wechsel zu den Reinickendorfer Füchsen in Berlin gehörte der damalige Assistenzarzt der Psychiatrie eine Zeit lang zu den bestbezahlten Torhütern im deutschen Handball.

Der Schlussmann nimmt im sportlichen Hochdruckgeschäft eine einzigartige und exponierte Rolle ein. Seine Fehler werden am schlimmsten bestraft, weil sie niemand reparieren kann. Hinter ihm, dem letzten Mann, steht niemand mehr. Als Torwart verstand der Behandler Markser beim Torwart Enke „vieles, ohne dass wir dafür Worte wechseln mussten“, sagt er heute.

Der Legende nach hat die suchtkranke Fußballlegende George Best einmal zur Bürde der Prominenz gesagt: „Natürlich würde ich zu den Anonymen Alkoholikern gehen, aber dann wären sie nicht mehr anonym.“ Wie verhielt sich das mit Robert Enke, immerhin Torwart der deutschen Nationalmannschaft?

Ob Sie es glauben oder nicht, wie bei fast jedem anderen Patienten. In meinem Patientenkreis waren und sind etliche Leistungssportler. Die Sitzungen dauerten jedes Mal fünfzig Minuten. Ich habe Robert als hochempfindlich und hochbegabt erlebt. Man hat sofort gemerkt, dass er in Krise und Not war. Die Umstände waren ja damals so, dass eine solche Behandlung geheim bleiben musste. Leider ist das heute weitgehend genauso.

Ich habe Robert als hochempfindlich und hochbegabt erlebt. Man hat sofort gemerkt, dass er in Krise und Not war.

Valentin Markser

Voraussetzungen für Zwangseinweisung lagen nicht vor

In der Ohnmacht nach seiner Verzweiflungstat fragten sich viele Beobachter: Hätte man Enke nicht zwangseinweisen können – und ihn so vielleicht retten?

Die Voraussetzungen für die Einweisung lagen zu keinem Zeitpunkt vor. Er wollte sich immer behandeln lassen und wollte immer weiterspielen. Und wir hatten ja bereits eine stationäre Behandlung für ihn organisiert, für den Montag nach einem Bundesliga-Spiel. Aber Robert rief vorher den Chefarzt an, das müssen Sie sich mal vorstellen, und sagte den Platz ab. Es gehe ihm besser. Er wollte wohl verhindern, dass seine Selbstmordpläne gestört werden.

Waren Sie auf seiner Beerdigung?

Nein, ich bin erst einige Wochen später in aller Stille mit Teresa Enke zum Grab gegangen. Das fand ich angemessener.

Vor der Beisetzung im kleinen Kreis von Familie und Freunden fand eine öffentliche Trauerfeier im Stadion von Hannover statt. Rund 35.000 Menschen kamen, etliche trugen das Torwarttrikot des Heimteams mit der Eins auf dem Rücken – Enkes Nummer. Wieder sendete das Fernsehen live. Der Sarg Enkes war im Mittelkreis aufgebahrt, umgeben von weißen Blumen und Kränzen. Die Spieler der Nationalmannschaft verneigten sich am Holzsarg. In die Trauer mischten sich vor Ort mahnende Worte. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff rief dazu auf, „den Sportler nicht als Übermenschen oder Versager zu sehen“. DFB-Präsident Theo Zwanziger stellte in seiner Rede fest: „Fußball ist nicht alles.“ Und fügte hinzu: „Denkt nicht nur an den Schein. Denkt auch, was in den Menschen ist, an Zweifel und Schwäche.“

Dieser Ort und dieser Tag, so schien es, waren die Stunde Null für einen Neubeginn im deutschen Fußball. In Zukunft, so die mutmaßliche Botschaft von Hannover, würden Depressionen und psychische Erkrankungen nicht mehr als Makel angesehen. Man würde menschlicher miteinander umgehen, Fehler auch mal verzeihen. Die Vertreter des professionellen Fußballs signalisierten: Wir haben verstanden.

Das System ist leider noch auf dem Stand von 2009.

Valentin Markser

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Leistungssportbranche immer noch blind bei seelischen Krankheiten

Hat die Fußballbranche in den vergangenen zehn Jahren tatsächlich dazugelernt?

Niemand bestreitet heute mehr, dass es seelische Störungen im deutschen Fußball, im Leistungssport überhaupt, gibt. Das immerhin haben wir geschafft. Aber das sind nur die ersten Schritte. Das System ist leider noch auf dem Stand von 2009. Es scheint so, als ob es eine unheilvolle Allianz im Leistungssport gibt, die den dringend nötigen Aufbruch zur besseren Behandlung von seelischen Krankheiten im Leistungssport, und auch im Fußball, verhindert.

Wen meinen Sie damit konkret?

Da sind erstens die Vereine, die um das Image des Produkts fürchten. Zweitens, Sportler und Trainer, die sich im modernen Sport nahezu ständig im Wettkampfmodus befinden. Sie wollen nicht über Schwächen reden, obwohl die auch zum Leistungssport gehören. Dann haben wir drittens die Zuschauer, die Fans. Sie haben eine Sehnsucht nach Idolen und riesige Bedürfnisse nach Identifikation. Keiner will einen Versager. Allen gemeinsam ist, dass sie vom Thema der seelischen Gesundheit im Sport wenig wissen wollen.

Bei der Pressekonferenz von Hannover 96 zum Tod von Robert Enke am 11. November 2009 in Hannover: Witwe Teresa Enke und Psychotherapeut Valentin Markser. Quelle: dpa

Aber heute hat doch gefühlt sogar jede Regionalligamannschaft einen Psychologen. Am Kiosk gibt es etliche Zeitschriften und Magazine, die sich mit unserem Seelenleben beschäftigen. Der Berufszweig der Mentaltrainer und Motivationscoaches boomt.

Der erste Blick zeigt nicht das ganze Bild. Ich habe nichts gegen Mentaltrainer. Nur: Man sollte wissen, wer wofür ausgebildet ist – und wer welche Aufgabe am besten bewältigen kann. Mentaltrainer und Sportpsychologen wollen und sollen primär die Leistung optimieren. Natürlich werden sie manchmal auch in Situationen um Hilfe gebeten, wenn die seelische Gesundheit in Gefahr ist. Aber, und das ist ein großes Aber: Sie können im Rahmen ihrer Möglichkeiten dann nur sehr begrenzt helfen. Das traurige Ergebnis: Viele Athleten kommen in einem schweren Zustand zu uns in Behandlung – nachdem sie vorher unzählige Mentaltrainer und Sportpsychologen konsultiert haben. Insgesamt gibt es ein großes Missverständnis: Gesundheit ist nicht das Ziel des Leistungssports – man setzt sie einfach während der gesamten Karriere voraus. Es ist vielmehr anders rum: Ein entscheidendes Merkmal des Hochleistungssports ist der ständige Versuch, die körperlichen und seelischen Grenzen zu überschreiten. Erinnern Sie sich noch an Andreas Toba?

Ein entscheidendes Merkmal des Hochleistungssports ist der ständige Versuch, die körperlichen und seelischen Grenzen zu überschreiten.

Valentin Markser

Leistungsfähigkeit wird als mentale Stärke angesehen

Den Turner, der bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio trotz eines Kreuzbandrisses zu seiner Übung am Pferd antrat und der deutschen Mannschaft damit die Qualifikation für das Finale sicherte?

Genau. Er wurde als „Olympiaheld“ gefeiert, weil er die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit für kurze Zeit scheinbar aufhob – und zwar auf Kosten seiner eigenen Gesundheit. Dieser Preis ist zu hoch, doch Sportler zahlen ihn immer wieder.

Der ehemalige Leistungssportler weiß, wovon er redet. Aus jahrelang gelebter Praxis. Sein kleiner Finger der linken Hand erzählt vom großen Druck im Sport. Bei Valentin Markser steht er nach außen ab, so als wollte er ganz woandershin, weg vom Körper des früheren Keepers. Eine Kapselverletzung aus der Zeit als Handballtorwart. Er hat den Finger nie operieren lassen. Stattdessen behalf er sich in seiner aktiven Zeit mit Tapeverbänden und dem Klassiker der Durchhalteparolen: „Indianer kennen keinen Schmerz.“ Als er das sagt, muss Markser lachen, so deplatziert wirkt dieser Spruch heutzutage.

Viele Fans bewundern das heute weiterhin als mentale Stärke. Wer sich im Hochleistungssport durchsetzt, so die Logik, der muss seelisch kerngesund sein.

Ein populärer Irrtum. Man muss zwischen einer „Wettkampfpersönlichkeit“ und einer „Gesamtpersönlichkeit“ unterscheiden. So versteht man besser den Unterschied zwischen der mentalen Stärke und seelischen Gesundheit. Denn die Fähigkeit, im Wettkampf abzuliefern, bedeutet noch lange nicht, dass man auch mit dem Rest seines Lebens klarkommt. In der Arena mag man spitze sein, im Alltag sieht das schon anders aus. Und der Stress nimmt heutzutage weiter zu.

Warum?

Seit Robert Enkes Tod haben sich zwei Dinge im Hochleistungssport entscheidend verändert: Es gibt noch mehr Geld und es gibt noch mehr soziale Medien. Und damit auch noch mehr seelische Belastungen.

Die Erinnerung an Robert Enke soll nicht verblassen: Im Januar 2011 ließ die Stadt Hannover ein Straßenstück am Stadion nach dem früheren 96-Torwart benennen.

Geld verändert Beziehung zu Freunden und Familie

Was soll an finanzieller Absicherung und massenhaft Likes gefährlich sein?

Beginnen wir mit dem Geld. Es verändert oft alles, heute schneller und brutaler als je zuvor. Der Erfolg wird am Geld gemessen, und wir reden hier von astronomischen Summen. Die Frage, die sich heute jederzeit stellt, lautet: Ist der Junge es wert? Auch nach einem verpatzten Spiel? Einer schlechten Hinrunde? Der Spieler wird fortwährend auf seinen Nutzen überprüft, wie ein Auto. Besonders tückisch: Das große Geld verändert oft auch die Beziehung zu den Freunden und den Eltern. Normalerweise haben Vater und Mutter eine bestimmte soziale Rolle in der Familie, traditionell geprägt von mehr Wissen, mehr Erfahrung und mehr Geld. Sie sind es zum Beispiel, die im Restaurant vom Patron begrüßt werden.

Dann schafft es das eigene Kind in jungen Jahren zum umschwärmten Idol. Jetzt hat der Kleine das Geld und alle im Restaurant drehen sich nach ihm um. Alle freuen sich über die großzügige Geste des Juniors, der seinen Eltern ein Häuschen in bar kauft. Sie übersehen, dass diese Konstruktion das bisherige Familienleben auf den Kopf stellt – mit weitreichenden Konsequenzen für die Geschwister, Eltern und die jungen Sportlern selbst.

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Die öffentliche Trauerfeier von Robert Enke fand im Stadion von Hannover statt. Rund 35.000 Menschen kamen – unter anderem die Nationalmannschaft, Jürgen Klinsmann, Chefscout Urs Siegenthaler, DFB Pressesprecher Ulrich Vogt und viele mehr. Quelle: imago sportfotodienst

Wie sollten Vereine, Eltern und Kinder damit umgehen?

Man könnte allen Nachwuchstalenten und ihren Eltern jeweils einmal im Jahr sportpsychiatrische Beratungsgespräche anbieten. Gerade die Mütter und Väter werden doch mit den aufkommenden Veränderungen allein gelassen und sind damit oft überfordert. Da kann auch kein Spielerberater helfen, selbst wenn er es gut meint. Dem talentierten Kind werden doch fast alle Alltagsdinge abgenommen, so dass sich beim jungen Athleten schnell der Eindruck breitmachen kann: Sport ist alles. Und später: Ohne Sport kann ich nichts und bin ich nichts. Das ist fatal.

Der Arzt hat selbst einen Facebook-Account, den er nach eigenen Angaben ein- bis zweimal pro Woche checkt. Ab und zu schickt er Freunden und Bekannten Fotos aus der alten Heimat Kroatien per Whatsapp. Die Profis der Gegenwart können da nur müde lächeln. Fast alle sind bei Facebook, Twitter und Instagram in hoher Frequenz unterwegs. Millionen folgen ihnen online. Die Spieler posten fast alles: von romantischen Pärchenfotos über Urlaubsimpressionen bis zu neuen Autos oder goldenen Steaks. Manchmal finden sich auch Trainingsbilder oder eine Diskussion mit Fans, welche Frisur sich der Kicker zulegen soll. Zehn Jahre nach dem Versuch des Nationaltorhüters Enke, sein Privatleben geheim zu halten – erlaubt die Spielergeneration nach ihm der Öffentlichkeit bereitwillig intime Einblicke.

Gesellschaft kann nicht mit Depressionen bei Sportlern umgehen

Sie sehen die Transparenz und Offenheit der jungen Leute im Internetzeitalter, die Kommunikation mit den Fans, kritisch. Warum?

Mit Transparenz hat das wenig zu tun. Die Zahl der Likes ist nur wie ein weiterer Wettkampf, diesmal halt außerhalb der Arena. Die Fans interessieren sich für das Privatleben des Spielers, aber nicht, wie es ihm wirklich geht. Es ist keine schöne neue Welt, sondern eine gläserne. Heute bist Du bei jedem Training unter Beobachtung, Kameras erfassen Deine Laufwege und Computer Deine Sauerstoffsättigung. Nichts bleibt unbeobachtet: Die Spieler verdecken den Mund, wenn Sie etwas Vertrauliches nach dem Abpfiff sagen wollen. Du bist als Profi öffentlich, Du bist kaum noch privat. Wer die Freiheit sucht, dem kommt die Öffentlichkeit dann wie ein Gefängnis vor – mit entsprechenden Auswirkungen auf die seelische Gesundheit.

Es gab die Hoffnung, dass das Internet den Weg zu mehr Toleranz und Akzeptanz weist. Stand heute: Würden Sie aktuellen Spitzensportlern mit Depressionen oder anderen seelischen Erkrankungen raten, sich öffentlich zu outen?

Nein, die Gesellschaft kann damit derzeit leider noch nicht umgehen. Die Widerstände sind noch zu groß. Leider haben insbesondere die Fans nicht dazu gelernt. Viele reiten weiterhin gern darauf herum, dass die hochbezahlten Sportler genug „Schmerzensgeld“ bekämen. Als ob das Leid einer Krankheit mit Geld verrechnet werden kann. Das ist zynisch! Genauso übrigens wie die „Burn-out Ralle“-Plakate gegen Ralf Rangnick, der seine Burn-out-Erkrankung öffentlich gemacht hatte.

Im Januar 2010 wurde die Robert-Enke-Stiftung gegründet. Seine Witwe Teresa übernahm das Amt der Vorstandsvorsitzenden. Seit der ersten Stunde engagierte sich auch Valentin Markser im Kuratorium. Das Startkapital in Höhe von 150.000 Euro wurde zu je einem Drittel vom DFB, der Bundesliga und Hannover 96 bereitgestellt. Die Spieler und der Stab der Nationalmannschaft spendeten nach der WM 2010 in Südafrika 200.000 Euro – das entspricht etwa der Prämie, die Robert Enke bekommen hätte. Die Stiftung möchte insbesondere die Akzeptanz von Depression in der Gesellschaft stärken und depressiven Profisportlern helfen. Gemeinsam mit der Uniklinik Aachen bietet sie eine Beratungshotline an.

Bedeutet eine seelische Erkrankung wie eine Depression automatisch das Karriereende?

Die Liste der Sportler, die trotz seelischer Störungen, weiter zur Weltklasse gehörten, wird immer länger. Quer durch alle Disziplinen. Sie reicht von der Skirennläuferin Lindsey Vonn über den Schwimmer Michael Phelps und Hürdenolympiasieger Derrick Adkins bis zu Robert Enke selbst. Nach der ersten Behandlung und Genesung im Jahr 2003 wurde er später Torwart der Nationalelf. Werden die Symptome rechtzeitig erkannt und von einem Arzt entsprechend behandelt, dann können die meisten Sportler ihre Karriere fortsetzen. Nur wenn die Sportler und ihr Umfeld die seelischen Störungen beharrlich verleugnen, wird es gefährlich.

Wichtige Themen werden im Sport oft verdrängt

Robert Enkes Tod war der Anstoß für Ihr nachhaltiges Engagement, mehr auf die seelische Gesundheit im Leistungssport zu achten. Was muss sich zehn Jahre danach ändern?

Wir brauchen hier eine eigene medizinische Disziplin mit dem Schwerpunkt für die seelische Gesundheit. Die Krisen der Sportler müssen genauso diagnostiziert und behandelt werden wie Knieverletzungen und Muskelzerrungen. Wussten Sie, dass der deutschen Olympiamannschaft seit mehr als 40 Jahren ein katholischer und ein evangelischer Seelsorger angehören? Sie leisten bestimmt wichtige Arbeit. Aber im 21. Jahrhundert sollten wir nicht nur für die seelische Gesundheit beten, sondern mit der konkreten Hilfe von medizinischen Experten aktiv besser dafür sorgen.

Und: Depressive Reaktionen und Episoden sind ein wichtiges Thema, aber nicht das einzige, über das wir reden müssen. Sexuelle Gewalt, die langfristigen Folgen von Gehirnerschütterungen, Essstörungen und Abhängigkeitserkrankungen wie Spielsucht, um nur ein paar zu nennen, sind weitere große Themen im modernen Sport, die mein Kollege Karl-Jürgen Bär und ich in unserem neuen Buch in den Fokus rücken.

Im 21. Jahrhundert sollten wir nicht nur für die seelische Gesundheit beten, sondern mit der konkreten Hilfe von medizinischen Experten aktiv besser dafür sorgen.

Valentin Markser

Und in der Fußball-Bundesliga, die auf der Trauerfeier in Hannover vor zehn Jahren zum Neuanfang bereit schien?

Nach der Lizenzordnung der DFL müssen die Bundesliga-Vereine unter anderem einen Leiter des Ordnungsdienstes, einen Stadionsprecher und einen, so wörtlich, „ausgebildeten Physiotherapeuten“ ernennen und der Liga melden. Von einem ausgebildeten Sportpsychiater steht da nichts. Wenn man aber die seelische Gesundheit der Sportler ernst nehmen will, müsste jeder Profiklub neben einem Sportpsychologen oder Mentaltrainer auch verpflichtend einen ausgebildeten Sportpsychiater fest in seinen Reihen haben. Wer den nicht hat, darf nicht mitspielen. Auf diese Weise käme sehr schnell Bewegung in dieses wichtige Thema.

Seelische Gesundheit kommt immer noch zu kurz

Robert Enke hat sich in seinem Abschiedsbrief bei Ihnen entschuldigt. Sinngemäß schrieb er, es sei nicht Ihre Schuld. Kann eine solche Verzweiflungstat eines Sportstars mit seelischen Störungen heute wieder passieren?

Ich befürchte: Ja. Wir werden solche tragischen Verläufe nie ganz verhindern können, aber wir müssen alles tun, um sie durch eine bessere medizinische Versorgung zu minimieren. Doch viele Strukturen trotzen auch zehn Jahre danach den notwendigen Veränderungen. Als Beispiel fällt mir die Trainerausbildung im gesamten Hochleistungssport ein. Und das ist ja nun wahrlich eine zentrale Position in diesem Geschäft. Insgesamt müssen wir feststellen: Die seelische Gesundheit kommt im Sportgeschäft weiterhin zu kurz. Punkt. Mit allen Konsequenzen, die es hat.

Enkes Todestag jährt sich am 10. November 2019 zum zehnten Mal. Wo werden Sie am 10. November sein?

Hier in Köln, in der Praxis. Mein Andenken an Robert ist meine Arbeit. Ich will, dass wir weiter vorankommen. Erst in der Sommerpause haben wir eine Gesellschaft für Sportpsychiatrie gegründet. Nie wieder möchte ich so furchtbare Nachrichten hören wie vor zehn Jahren.

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