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Studium & Beruf Arbeit ohne Grenzen für Menschen in Not
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00:00 23.02.2013
Der Anästhesist Klaus Konstantin (2. v. li.) behandelt auf Haiti einen verletzten Jungen. Quelle: Privat
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Hannover

Nein, als Held fühlt sich Klaus Konstantin nicht. Schon sechsmal war der Anästhesist weltweit in Krisengebieten im Einsatz: Elfenbeinküste, Kongo, Tschad, zweimal Haiti, Pakistan. Für die Organisation Ärzte ohne Grenzen hat er vielen Menschen geholfen, die durch Krieg, Naturkatastrophen, Hunger und fehlende medizinische Versorgung in höchste Not geraten waren.

Natürlich ging es Konstantin - neben einer gewissen Abenteuerlust - dabei von Anfang an ums Helfen. Aber auch die beruflichen Umstände waren für einen Auslandseinsatz günstig. Nach der 18-monatigen Phase als Arzt im Praktikum fand er in seinem Krankenhaus keine Stelle als Assistenzarzt. „Da habe ich mich dann bei Ärzte ohne Grenzen beworben.“ Zweieinhalb Stunden dauerte das Bewerbungsgespräch: „Die haben mich getestet, ob ich auch wirklich Französisch kann“, erzählt Konstantin. Auch seine Teamfähigkeit sei ausführlich geprüft worden.

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„Wir streben immer eine Balance zwischen Erfahrenen und Erstausreisenden an“, sagt Susann Stehr, Personalreferentin bei Ärzte ohne Grenzen: „Jedes Mal sind etwa 30 Prozent neue Leute dabei.“ Bewerber müssen mindestens zwei Jahre Berufserfahrung haben, denn oft sind sie im Einsatz der einzige Arzt. Wichtig seien mehrere Monate Reiseerfahrung in stabilen Entwicklungsländern: „Unsere Ärzte brauchen Wissen über Klima, Ernährung und Tropenmedizin“, erläutert Stehr.

Doch nicht nur Berufseinsteiger wie Konstantin wagen den Schritt ins Ausland. Auch Ärzte mit einer gewissen Erfahrung bieten ihre Hilfe an. Das ist aus einem bestehenden Arbeitsverhältnis heraus nicht immer ganz einfach, wenn auch viele medizinische Einrichtungen ihren Angestellten Hilfseinsätze ermöglichen wollen. Je größer ein Krankenhaus ist, desto eher kann es klappen.

„Wir unterstützen unsere Mitarbeiter, die an einem solchen Projekt teilnehmen wollen“, sagt etwa Stefan Zorn, Sprecher der Medizinischen Hochschule Hannover: „Unsere Personalabteilung löst das in der Regel über unbezahlte Sonderurlaube.“ Viele würden auch nach dem Auslaufen eines befristeten Vertrages gern ein paar Monate im Ausland helfen, bevor sie die nächste befristete Stelle antreten.

Auch viele andere Organisationen setzen sich mit ähnlichen Motiven weltweit für Menschen ein - allerdings meist ehrenamtlich. So wie bei den Ingenieuren ohne Grenzen, die etwa in Ruanda den Bewohnern das Brückenbauen beibringen oder in Tansania Regenwassertanks aufstellen. „Viele Ingenieure arbeiten selbstständig in eigenen Büros. Die können sich für solche Projekte die Zeit selbst einteilen“, erklärt Sprecherin Geraldine Prange. Im Gegensatz zu den Ärzte-Einsätzen dürfen bei den Ingenieuren auch Studenten mitmachen, etwa über Praktikumsplätze. Einen anderen Weg gehen die Reporter ohne Grenzen, die sich für Pressefreiheit und in Not geratene Journalisten engagieren. Die Arbeit wird hier über einen ehrenamtlichen fünfköpfigen Vorstand und hauptamtliche Mitarbeiter der Geschäftsstelle in Berlin geleistet.

Der Mediziner Klaus Konstantin arbeitet inzwischen als Anästhesist auf einer 80-Prozent-Stelle in einem Braunschweiger Krankenhaus und kann die 20 Prozent am Stück für Ärzte ohne Grenzen nutzen. Früher hat er sich seine bis zu einem halben Jahr dauernden Einsätze mit unbezahlten Freistellungen, Überstundenabbau und Urlaubstagen organisiert.

Ganz entscheidend ist für die Arbeit in Krisengebieten eine sehr stabile Psyche. „Verzweiflung hatte ich in jedem Projekt“, beschreibt Konstantin. Am schlimmsten ist es bei Kindern, denen er nicht mehr helfen kann. Etwa beim letzten Einsatz in Pakistan Ende 2012: Ein dreijähriger Junge hatte eine Darmverschlingung, ein Teil des Darms war schon abgestorben. „Wir haben ihn die ganze Nacht operiert, am Vormittag ist er gestorben. In Deutschland hätte er überlebt.“

Manchmal begegnen sich auch Aktivisten verschiedener Organisationen bei ihrem Einsatz. „In Haiti habe ich Clowns ohne Grenzen getroffen“, erzählt Klaus Konstantin. Da hätten die Kinder nach langer Zeit mal wieder gelacht. „Und ich habe geheult.“

Harald Grube