Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Studium & Beruf Aufschieberei ist für viele Studenten ein Problem
Mehr Studium & Beruf Aufschieberei ist für viele Studenten ein Problem
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:00 16.02.2013
Ohnmachtsgefühl: Ständiges Aufschieben der Arbeit kann irgendwann in die Depression führen. Quelle: dpa/tmn
Anzeige
Berlin

Zeitung lesen statt Fachliteratur, auf Facebook surfen statt im Bibliothekskatalog blättern, mit der Freundin telefonieren statt mit dem Bafög-Amt: Es gibt immer etwas, um sich von lästigen Pflichten abzulenken. „Aufschieben ist normal“, sagt Hans-Werner Rückert, Studienberater der Freien Universität Berlin. „Aber nur bis zu einem bestimmten Punkt“, ergänzt der Diplom-Psychologe. Im Extremfall ist die Aufschieberitis so schlimm, dass Studenten es nicht bis zur Abschlussprüfung schaffen.

In der Regel sind Aufschieber nicht faul - im Gegenteil. „Wer faul ist, würde die Anstrengung vermeiden und nichts anderes tun“, sagt Rückert. Der typische Aufschieber hingegen räumt den Keller auf, putzt den Kühlschrank, geht einkaufen. Aber er setzt sich eben nicht an den Schreibtisch und fängt endlich mit dem Schreiben der Hausarbeit an.

Anzeige

Die Prokrastination, das krankhafte Aufschieben, ist bei Studenten in Deutschland inzwischen ein echtes Problem. Studien zeigen, dass jeder Zweite dazu neigt, anstehende Dinge eher morgen statt heute zu erledigen. Etwa 20 Prozent seien chronische Aufschieber, sagt Rolf Schulmeister, Bildungsforscher an der Universität Hamburg. Gemeinsam mit Kollegen anderer Uni-Städte bat der Wissenschaftler Studenten, über mehrere Monate am Ende des Tages ihre Arbeitszeit zu protokollieren. Das Ergebnis: Die gefühlte Arbeitsbelastung ist deutlich höher als die tatsächliche. Die Studenten schätzten ihre Arbeitsbelastung im Schnitt auf 36 Stunden pro Woche - laut Protokoll waren es im Mittel 23 Stunden. Dabei stieß der Pädagogik-Professor auf ein interessantes Phänomen: Wer mehr Stunden ins Lernen investiert, ist nicht automatisch besser. Das Gegenteil sei sogar manchmal der Fall.

Wer zwar regelmäßig am Schreibtisch sitzt, aber dennoch mit seiner Arbeit nicht so recht vorankommt, sollte zunächst positiv sehen, was er schon geschafft hat. Dann allerdings sollte man die Gründe des Aufschiebens suchen: Ist die Angst vor dem nächsten Schritt bedrohlich - die Abschlussarbeit nach der Hausarbeit etwa? Oder ist man am Ende im falschen Studienfach und kann sich mangels Interesse nicht motivieren? Oft seien beim Aufschieben bewusste oder unbewusste Konflikte im Spiel, sagt Rückert. So könne es darum gehen, eine Beschädigung des Selbstwertgefühls abzuwehren. Denn eine mittelmäßige Arbeit sei für die meisten nicht schlimm, wenn sie nur drei Tage daran gearbeitet hätten. „Wenn ich aber Wochen investiert habe, ist die schlechte Note ein übler Schlag.“

Gegen diese Ängste hilft oft ein kleinteiliger Plan: Für den Bibliotheksbesuch sollte eine genaue Zeit- und Aufgabeneinteilung festgelegt werden. Dazu sollte es klare Zeiten geben, in denen die Arbeit tabu ist. So werden aus der unlösbaren, riesigen Aufgabe mehrere kleine Schritte. Um die Motivation zu erhalten, sei nach getaner Arbeit eine kleine Belohnung wichtig. Das kann zum Beispiel ein Kinobesuch oder ein leckeres Essen sein.

Wer allerdings merkt, dass er auch mit guten Plänen nicht merklich vorankommt, sollte sich Hilfe von außen suchen. Und zwar bevor ernsthafte Konsequenzen drohen wie Exmatrikulation oder Depression. Fast alle Hochschulen bieten Aufschiebern Hilfe in Beratungsstellen an. An der Universität Münster gibt es sogar eine Prokrastinations-ambulanz. Inzwischen wurden dort schon mehr als 500 Patienten betreut, sagt Psychotherapeutin Anna Höcker. Ihr Eindruck: „Betroffene tun überwiegend nicht mehr das, was sie eigentlich wollen, und leiden häufig unter Selbstabwertung.“ Sie beobachtet, dass chronisches Aufschieben sogar körperlich ernsthafte Folgen haben kann: Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Probleme, Angst und Ohnmacht.

Rolf Schulmeister bietet in Hamburg möglichst viele Blockseminare an. Die Noten der Studenten seien dort meist besser als bei jenen Seminaren, die das ganze Semester über dauern. Denn: In einer Blockveranstaltung kommt der Teilnehmer mit großer Wahrscheinlichkeit erst gar nicht in die Gefahr des Aufschiebens.

Verena Wolff