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Studium & Beruf Chefsekretärinnen sind die eigentlichen Managerinnen
Mehr Studium & Beruf Chefsekretärinnen sind die eigentlichen Managerinnen
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16:52 11.02.2011
Wer zum Chef will, muss sich erst einmal mit dem „Vorzimmerdrachen“ gutstellen: Das gerne in Bildern und Filmen aufgegriffene Klischee von der Sekretärin ist wenig schmeichelhaft. Quelle: fotolia
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Nach landläufiger Meinung ist sie stets adrett gekleidet und frisch frisiert. Den Tag verbringt sie damit, die Ablage zu machen, Briefe zu tippen und Kaffee für ihren Chef zu kochen. Nehmen lästige Anrufe und Anfragen überhand, dann verwandelt sich die Chefsekretärin in den berüchtigten Vorzimmerdrachen, der niemanden durchstellt oder vorbeilässt. Sieht sie wirklich so aus, die Realität in Deutschlands Vorstandsetagen?

„Der Beruf einer Sekretärin erfordert ein Maß an sozialer Kompetenz, Zurückgenommenheit, Geduld, Nervenstärke und innerer Stabilität, wie es sonst nur von Führungskräften erwartet wird“, schreibt Katharina Münk in ihrem neuen Buch „Denn sie wissen nicht, was wir tun – Was Chefs über ihre Sekretärinnen erfahren sollten“. Die Autorin muss es wissen, schließlich arbeitet sie seit mehr als 20 Jahren als Chefsekretärin. Zurzeit wirkt sie in einer nicht näher bezeichneten Vorstandsetage in Frankfurt und schreibt Bücher, in denen sie unter Pseudonym Einblick in die Managervorzimmer gibt.

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Sie differenziert nicht zwischen weiblichen und männlichen Vorgesetzten und deren Assistenten, weil die meisten Führungskräfte noch immer Männer sind. Vorzimmer und Sekretariat sind, gerade in Deutschland, nach wie vor Frauendomänen. Nach Angaben des Bundesverbandes Sekretariat und Büromanagement arbeiten hierzulande 410.000 Sekretariatsangestellte, darunter 6000 Männer.

Es ist eine seltsam archaisch anmutende Welt, die Katharina Münk beschreibt. Die Chefs nennt sie in ihrem Buch Tarzan, ihre Kolleginnen und sich selbst Jane. Tarzan erhält zwölf bis 14 Stunden pro Tag „Selbstbestätigung statt Kritik“, während die multitaskingfähige Jane sich abrackert und stets bemüht, Tarzans Gedanken zu lesen und seine Wünsche zu erahnen. Sie sollte klaglos Überstunden machen, besser noch 24 Stunden am Tag zur Verfügung stehen. Die langen Tage im Büro verbringen die Janes mit der Entzifferung von Schreiben, „die einem EKG gleichen“, und damit, sich zwischen unzähligen Aufgaben aufzureiben.

Schließlich müssen nicht nur Briefe geschrieben, Besprechungen vorbereitet, Reisen geplant und Anrufe beantwortet werden, auch das Privatleben des Chefs erfordert ihre helfende Hand. Notfalls muss sie eben eine „stabile, ungefähr hamstergroße Schachtel“ auftreiben und mit Holzwolle füllen, wenn das Haustier des Chefsprösslings das Zeitliche gesegnet hat. Sollte es einmal Lob für den unermüdlichen Einsatz geben, dann kommt er spröde daher: „Blöd sind Sie nicht!“

Auf die Dauer werden die Alphamännchen, die ihre Vorzimmerdamen als eine Art moderne Leibeigene betrachten, jedoch aussterben. Das Privileg einer persönlichen Sekretärin oder Assistentin haben heutzutage fast nur noch Vorstände oder Geschäftsführer. „Das klassische Sekretariat gibt es bei uns im Unternehmen nicht mehr“, sagt Hans-Joachim Bartels, Personalleiter der Beiersdorf AG.

„An die Stelle des Sekretariats ist die Funktion der Teamassistenten getreten, die für mehrere Führungskräfte und Teammitglieder administrative Tätigkeiten wie Reiseabrechnungen und Budgetkontrolle übernehmen. Meist werden sie zusätzlich auch mit eigenen kleineren Projekten betraut.“ Die klassischen Sekretariatstätigkeiten wie Korrespondenz und Terminvereinbarung würden meist durch die Manager selbst erledigt. Katharina Münk beklagt, dass Sekretariate in den voll technisierten Führungsetagen von heute „zum neutralen Großraumbüro oder zum seltenen Luxus“ geworden sind.

„In die große Lücke zwischen diesen beiden Extremen drohen wir irgendwann zu fallen, wenn die Weiterbildung und Entwicklung, die man uns angedeihen lässt, weiterhin so stiefmütterlich und inkonsequent betrieben wird“, schreibt sie. Wer aufsteigen oder nur seinen Arbeitsplatz sichern will, müsse bereit sein, Verantwortung zu übernehmen.

Katharina Münk: „Denn sie wissen nicht, was wir tun – Was Chefs über ihre Sekretärinnen erfahren sollten“, Eichborn-Verlag, 216 Seiten, 14,95 Euro

Kirsten Schiekiera