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10:20 29.11.2010
Wenn sich die Mitarbeiter duzen, kann das hierarchische Hürden verkleinern.
Wenn sich die Mitarbeiter duzen, kann das hierarchische Hürden verkleinern. Quelle: Dieagentur/dpa/tmn
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Es gibt Mitarbeiter, die würden sich eher foltern als von ihrem Chef duzen lassen. Andere schätzen gerade am Umgang mit ihren Vorgesetzten, sie genauso duzen zu dürfen wie den Hausmeister oder den Kollegen aus der Nachbarabteilung. Tatsächlich macht Duzen manches leichter – es lässt den Abstand zwischen hierarchischen Ebenen kleiner erscheinen. Und wen man duzt, dem fühlt man sich näher. Aber Duzen passt nicht zu jedem Betrieb und nicht zu jedem Chef. Vor allem aber gilt: Die Welt wird mit dem Du nicht über Nacht eine andere.

Duzen allein hat keinen großen Einfluss auf die Unternehmenskultur. Es kann aber ein wichtiger Schritt in Richtung Veränderung sein. Fest steht: Ob am Arbeitsplatz besser gesiezt oder geduzt werden sollte, ist umstritten. „Nicht alle duzen gleich gern“, gibt Lis Droste zu bedenken. „Manche würden am liebsten noch ihren Ehepartner siezen“, erklärt die Etikettetrainerin aus Frankfurt. Tendenziell sei der Wechsel vom Sie zum Du heute allerdings unkomplizierter. „Früher musste man dafür erst Brüderschaft trinken.“ Fingerspitzengefühl sei dabei aber immer noch gefragt.

„Ein Problem ist das manchmal bei großen Altersunterschieden innerhalb der Gruppe“, sagt Droste. Dem 60-Jährigen, der sich vom 16-Jährigen duzen lassen soll, fällt das oft schwer. Bei jungen Teams ist das Du dagegen oft ganz selbstverständlich. „Das ist dann auch gut so“, sagt Droste. „Duzen ist immer auch etwas intimer als Siezen.“ Aber genau das kann zum Problem werden.

Übernehmen zum Beispiel junge Führungskräfte die Leitung eines Teams, sollten sie sich gut überlegen, welchen Stil sie pflegen und welchen Ton sie anschlagen wollen, rät die Diplom-Psychologin Thordis Bethlehem aus Stuttgart. „Mit dem Duzen signalisiert man unter Umständen Nähe, die eigentlich gar nicht gewünscht ist“, so die Vizepräsidentin des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Mitarbeiter könnten das missverstehen: „Es verwischt hierarchische Grenzen und vermittelt den Eindruck, beide Seiten seien auf gleicher Augenhöhe.“ Wenn das beabsichtigt ist – perfekt. Falls dem Chef aber daran liegt, zwischen sich und den Untergebenen eine klare Grenze zu ziehen, kann das Duzen das eher erschweren. Und wenn er dann darauf hinweist, dass mit dem Duzen doch nicht plötzlich alle gleich sind, stoße das Mitarbeiter womöglich vor den Kopf, warnt die Psychologin.

Duzen kann noch weitere Nachteile haben: „Wenn man per Sie ist, sind die Hemmschwellen größer, den anderen zu beleidigen“, sagt Liz Droste. „Man sagt einfach schneller ‚Du Esel‘ als ‚Sie Esel‘.“ Und auch Kritikgespräche werden nicht unbedingt einfacher, gibt Thordis Bethlehem zu bedenken: „Gerade weil das Du Nähe suggeriert, kann Kritik leicht als Zurückweisung erlebt werden.“ Das Sie unterstreiche die Distanz, die bei schwierigen Gesprächen manchmal hilfreich sei.

„Eine Duzkultur kann allerdings durchaus attraktiv sein. Und es gibt auch Branchen, die dafьr prädestiniert sind wie IT-Entwickler oder die Kreativen in der Werbung“, sagt Thordis Bethlehem. „Manche fühlen sich davon angesprochen.“ Unternehmen, die fьr diesen Umgangston bekannt sind, haben es dann leichter, genau diese Leute für sich zu gewinnen, die das zu schätzen wissen.

Aber bevor ein Unternehmen vom Sie zum Du übergeht, sollten einige grundsätzliche Fragen beantwortet sein, empfiehlt die Psychologin: „Was soll damit anders werden? Womit sind Sie unzufrieden? Und passt ein Du zur Unternehmenskultur?“ Eine Überlegung wert sei aber auch die Frage, was der Betrieb noch tun kann, um die Ziele zu erreichen, die er mit dem Duzen zu erreichen hofft. Und klar sollte sein: Nur vom Sie zum Du zu wechseln macht keinen großen Unterschied. „Wenn sich das Betriebsklima ändern soll, müssen die Vorgesetzten eine positive Streitkultur vorleben“, sagt Claudia Cornelsen, Dozentin und Beraterin aus Berlin.

Soziale Kompetenz zu zeigen, in der Lage zu sein, Kritik zu üben und Kritik selbst auszuhalten – das seien wichtige Voraussetzungen für Nähe und Teamgeist. Gelingt das, ist das gegenseitige Duzen oft nur noch die logische Konsequenz. Wird es dagegen von oben angeordnet, ohne dass der Führungsstil im Unternehmen dazu passt, wirke es formelhaft. „Wir merken das, wenn es nicht authentisch ist“ , warnt Cornelsen. Den Mitarbeitern das gegenseitige Duzen vorzuschlagen könne durchaus ein Signal sein, dass eine andere Gesprächskultur gewünscht ist. Schließlich kann das auch von der Außenwirkung her positiv sein, sagt Cornelsen. „Siezen wirkt zwar seriös, aber auf viele auch steif und altbacken.“

Doch die Erwartungen an den neuen Tonfall sollten realistisch bleiben: „Wir sagen jetzt Du zu einander, und alles wird gut – das ist zu einfach“, warnt Cornelsen. Es reiche eben nicht zu sagen „Wir sind jetzt Guido und Horst“. Außenminister Guido Westerwelle und der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer hatten nach dem Aushandeln des Koalitionsvertrages wissen lassen, dass sie zum Du übergegangen seien. Das Ende aller Konflikte zwischen den Koalitionspartnern war das aber nicht.

Andreas Heimann, dpa/tmn