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Studium & Beruf Für Schausteller hört der Rummel nie auf
Mehr Studium & Beruf Für Schausteller hört der Rummel nie auf
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00:00 01.12.2012
Für Attraktionen auf dem Rummelplatz geben die Besucher in Deutschland etwa zwei Milliarden Euro im Jahr aus. Quelle: dpa/tmn
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Berlin

Das Leben von Schaustellern ist wie ein Roadmovie: Kirmesmacher sind ständig auf Achse. Wer auf dem Rummel arbeiten will, braucht nicht unbedingt ein eigenes Fahrgeschäft: Auch Mechaniker, Zuckerwatteverkäufer oder „lebende Geister“ können auf der Kirmes Geld verdienen. „Wer das Geschäft erlernen will, sollte das direkt auf einem Rummel tun“, sagt Lucinde Boennecke, Sprecherin des Deutschen Schaustellerbundes (DSB) in Berlin. Am besten sei es, einem Schausteller über die Schulter zu schauen. Eine geregelte Ausbildung gibt es nicht.

Eigentlich ist ein Job auf dem Jahrmarkt ideal für Aussteiger und Menschen auf der Suche nach Freiheit. Jede Woche eine neue Stadt und jeden Tag neue Herausforderungen - das klingt nach einem ständigen Abenteuer. Doch hinter der glitzernden Fassade steckt viel Arbeit, betont Schausteller Michael Schneider aus Lippstadt in Westfalen. Schon ein Regenguss kann sein Geschäft verderben. Dennoch sagt er: „Wenn ich das Leuchten in den Kinderaugen sehe, weiß ich, dass ich richtig bin.“

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Als Neuling auf dem Rummel Fuß zu fassen, ist nicht leicht: Viele Schausteller kennen sich seit Jahren. Michael Schneider ist in seinen Beruf hineingeboren. Er stammt aus einer alteingesessenen Kirmesdynastie. Wer „von privat“ kommt, wie es bei Kirmesmachern heißt, findet in diese Kreise nur schwer hinein. Dazu kommt: Viele Plätze werden von den Kommunen, die ein Volksfest ausrichten, an die alteingesessenen Schaustellerfamilien vergeben. Anfänger haben es deshalb oft doppelt schwer.

Wer wirklich Schausteller werden will, müsse sich zunächst für ein Gewerbe entscheiden, sagt Verbandssprecherin Boennecke. Karussell? Imbiss? Losbude? Zuckerwatte? „Manchmal findet man auch gebrauchte Fahrgeschäfte“, sagt Boennecke. Denn Neuanschaffungen sind teuer. Michael Schneider hat eine Million Euro in sein Fahrgeschäft „Pirates Adventure“ gesteckt.

Die Arbeitszeiten sind lang: An einem Rummeltag muss die Kasse durchgehend 14 Stunden besetzt sein, erzählt Schneider. Wenn er selbst pausiert, verkauft seine Frau Janida die Chips für das Geschäft. Nur das Geld zu kassieren, reicht dabei nicht aus. Die Kirmesbesucher müssen auch ermuntert werden, die Attraktion auszuprobieren. „Rekommandieren“ nennt sich das im Fachjargon. „Landratten aufgepasst! In wenigen Minuten starten wir wieder zur Seeschlacht“, ruft Schneiders Frau zum Beispiel.

Wer auf der Kirmes arbeiten möchte, sollte immer einen flotten Spruch auf Lager haben, so der DSB. Außerdem brauchen angehende Schausteller ein Gespür für angesagte und beliebte Musik.

Um auf dem Volksfest einen Aushilfsjob zu bekommen, wendet man sich am besten direkt an die Schausteller, so der Verband. An manchen Kassenhäuschen hängen noch immer die Schilder „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“. Häufig werden auch nur starke Männer für den Auf- und Abbau der Fahrgeschäfte gebraucht. Auf allzu hohe Geldbeträge dürfen Hilfskräfte allerdings nicht hoffen.

Wer dafür nicht genug Muskeln hat, findet aber auch einen anderen Job auf dem Rummel. Eine Möglichkeit ist, als „lebender Geist“ in einem Gruselkabinett anzuheuern - zum Beispiel bei Emil Lehmann, der beim Schaustellerverband Fachberater für „Schau und Belustigung“ ist. Er hat eine Geisterbahn und tourt von März bis November mit 14 Lastkraftwagen durch die Republik. In seiner Attraktion gibt es außer 30 elektronischen Figuren auch mensch-liche Gespenster. „Meistens nehmen wir dafür unsere Angestellten. Manchmal suchen wir aber auch Ortskräfte“, sagt Lehmann. Dann spielen Komparsen an der Strecke den Bösewicht - mit Maske und Dracula-Umhang.

Der Druck, innerhalb kurzer Zeit Geld zu verdienen, ist immens. Heutzutage werden auf deutschen Jahrmärkten jährlich etwa zwei Milliarden Euro umgesetzt, so der Schaustellerbund. Inzwischen bewerben sich mehr als 5000 Schaustellerbetriebe um die besten Rummelplätze im Land.

Hochsaison ist jeweils im Frühjahr und im Herbst. Im November endet dann die Kirmeszeit. Anschließend beginnen für etwa 70 Prozent aller Schausteller die Weihnachtsmärkte, sagt Lucinde Boennecke vom DSB. Im Januar und Februar warten viele Schausteller dann ihre Fahrgeschäfte. Industrie- und Handelskammern bieten in dieser Zeit speziell für Schausteller Fortbildungen zur Kranführung, zur Sicherheit beim Aufbau und zur Existenzgründung an. Diese Seminare seien vor allem für den Nachwuchs attraktiv, sagt Boennecke.

Andreas Sträter