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Studium & Beruf Höhe des Gehalts ist oft Tabuthema
Mehr Studium & Beruf Höhe des Gehalts ist oft Tabuthema
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10:04 09.10.2012
Von Katrin Schreiter
Ganz offen über das Einkommen reden: Die meisten Beschäftigten verzichten lieber darauf.
Offen über das Einkommen reden: Die meisten Beschäftigten verzichten darauf. Quelle: Robert Kneschke/fotolia.com
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Hannover

Was verdient wohl die Kollegin im Vertrieb, die immer schon um 15.30 Uhr Feierabend macht? Und der Kollege im Büro nebenan, der jeden Tag Überstunden schiebt? Verdient sie oder er mehr als ich? Das würden viele von uns zu gern wissen.

Wir raten und spekulieren - nur direkt zu fragen, das trauen wir uns nicht. Über Geld spricht man nicht, und über das eigene Gehalt noch weniger. Aber warum eigentlich? „Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Glaube an Gerechtigkeit und Gleichheit stark ausgeprägt ist. Der eine soll so viel wert sein wie der andere. Deshalb vergleichen wir ständig“, sagt Prof. Florian Becker, Wirtschaftspsychologe aus München. Was aber kann ein Gespräch übers Gehalt ergeben? „Entweder kommt heraus, dass wir mehr als der andere verdienen - damit ziehen wir die Missgunst des Kollegen auf uns. Oder wir haben weniger auf unserem Lohnzettel stehen - das macht uns unzufrieden“, sagt Becker. Und man könne nicht wirklich etwas dagegen tun. „Denn wer würde einfach so zum Chef gehen und sagen: ,Ich habe erfahren, dass Kollege Meier oder Schulze das und das verdient - so viel steht mir doch auch zu!‘“

Rein rechtlich gesehen müssen Angestellte nicht mehr mit Sanktionen rechnen, wenn sie mit ihren Kollegen übers Gehalt sprechen. Das war aber nicht immer so: Bis vor wenigen Jahren konnte der Chef sie dafür noch abmahnen. Erst das Landesarbeitsgericht Mecklenburg-Vorpommern in Rostock gab Rückendeckung für diese Debatte unter Kollegen. Ein Urteil stellte klar, dass Klauseln im Arbeitsvertrag, die zum Stillschweigen über die Höhe der Bezüge verpflichten, unwirksam seien. So ein Gespräch sei schließlich die einzige Möglichkeit festzustellen, ob der Arbeitgeber bei der Lohnhöhe den Gleichbehandlungsgrundsatz einhalte, argumentierten die Richter. Ein derartiges Verbot verstoße außerdem gegen die sogenannte Koalitionsfreiheit, weil es Mitteilungen über die Lohnhöhe an eine Gewerkschaft verbiete. Wenn aber die Gewerkschaften die Lohnstruktur eines Unternehmens nicht kennen, seien sinnvolle Arbeitskämpfe unmöglich (Az.: 2 Sa 237/09).

Jeder Angestellte hat also das Recht, mit einem Kollegen offen über sein Gehalt zu sprechen - eine Freiheit, die nur wenige Arbeitnehmer in Deutschland nutzen. In den USA zum Beispiel sieht das anders aus. Dort ist der Umgang mit dem Thema Verdienst deutlich lockerer als hierzulande. „Das hat kulturelle Gründe“, begründet Wirtschaftspsychologe Becker. „In Amerika herrscht eine größere Toleranz für Ungleichheit.“ Dahinter stecke vor allem der amerikanische Traum, jeder könne vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen. „Der Deutsche sieht das anders: Wer weniger verdient, hat eben schlechtere Chancen gehabt, heißt es dann.“ Das liefere Nährboden für Neid und Missgunst.

Zwar muss das Gehalt also aus rechtlicher Sicht kein Tabuthema mehr zwischen Kollegen sein, doch Becker empfiehlt Zurückhaltung. „Am besten, man spart dieses Thema aus, um keinen Neid aufkommen zu lassen. Und wenn das Gespräch doch mal darauf kommt, sollte man für den sozialen Frieden lieber untertreiben.“

Über Geld sprechen - das muss man allerdings, wenn es um Gehaltsverhandlungen geht. Doch auch das ist für viele Arbeitnehmer ein Problem. „Da sind überzeugende Argumente gefragt“, sagt Becker. Der Wirtschaftspsychologe rät, alle wichtigen Gespräche über das Gehalt an den Anfang der Berufslaufbahn in einem Unternehmen zu legen. Studien hätten gezeigt: „Wer einmal angestellt ist, tut sich schwer, mit seinen Chefs zu verhandeln. Große Gehaltssprünge machen Arbeitnehmer fast nur bei einem Firmenwechsel.“