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09:42 04.11.2010
Der Fluss braucht mehr Platz.
Zu eng: Am Ihme-Zentrum braucht der Fluss mehr Platz. Nun soll das grüne Ufer gegenüber metertief ausgebaggert werden. Quelle: Nancy Heusel
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Eine Stadt wie Hannover könnte es sich einfach machen. Zum Schutz vor regelmäßig auftauchenden Hochwasserfluten könnte sie Deiche, Wälle und Spundwände errichten und ihre Flüsse – die Leine und die Ihme – kurzerhand eindämmen. Die Stadt wäre trocken. Schlimme Hochwasser wie 1946, als die Calenberger Neustadt nur noch mit Booten passierbar war, 20.000 Stadtbewohner von der Umwelt abgeschnitten waren und Kühe und Schweine tot auf dem Wasser trieben, würden der Vergangenheit angehören. Die Sache hätte nur einen Nachteil: „Die Wassermassen würden sich zurückstauen“, sagt Ingenieur Frank Gries vom Planerbüro Heidt & Peters. Für die ohnehin schon gefährdeten stromauf liegenden Nachbarn wie etwa Hemmingen brächte das stärkere Überflutungen mit sich.

Rein rechnerisch müsste es irgendwann bald wieder so weit sein. 1946 war das letzte Jahrhunderthochwasser in Hannover, das so heißt, weil es statistisch einmal in hundert Jahren vorkommt. Mit jedem Jahr, mit dem wir uns 2046 nähern, wächst die Wahrscheinlichkeit eines neuen Hochwasserdramas. 913 Kubikmeter Wasser pro Sekunde transportiert die Leine in solch einem Fall, rechnet Ingenieur Gries vor: Jeder Kubikmeter umfasst 1000 Liter und wiegt fast so viel wie ein VW Polo. 913 VW Polos, die pro Sekunde das Leinewehr in Herrenhausen passieren – das ist eine fast unvorstellbare Größe. Trotzdem lässt sich präzise berechnen, was passieren muss, damit weder Hannover noch die Nachbarstädte wie Hemmingen zu stark unter dem Andrang der Wassermassen leiden.

Das Problem ist ein Engpass in der Ihme. Überall ist der Fluss, der als „Überlauf“ für die Innenstadt-Leine einen Großteil des Hochwassers ableiten muss, im vergangenen Jahrhundert breit ausgebaut worden, nur auf etwa einem Kilometer Länge im Mittelteil nicht. Am Ihme-Zentrum, zwischen Benno-Ohnesorg- und Leinertbrücke, ist das schmalste Stück. Dort stauen sich die Fluten auf, wenn bei Schneeschmelze und Starkregen die Wassermassen aus dem Harz und Südniedersachsen nach Hannover drängen. Beim Hochwasser im Januar 2003, das in seiner Gewalt lange nicht an ein Jahrhunderthochwasser heranreichte, stand der Ihmepegel nur noch einige Zentimeter unter der Krone des Beuermanndeichs am Schützenplatz. „Wir haben es mit der Angst bekommen, nur ein Wetterumschwung hat uns damals vor einer Überflutung bewahrt“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter der Stadtverwaltung.

Damals reiften die Pläne, den letzten Abschnitt des Ihme-Ausbaus endlich in Angriff zu nehmen. 25 Millionen Euro will Hannover investieren, um einen wirksamen Hochwasserschutz zu erreichen. Die Benno-Ohnesorg-Brücke wird bereits verbreitert, der Deich in Ricklingen wird verlängert, vor allem aber soll die Lindener Ihme an ihrem engsten Punkt mehr Platz zum Ausdehnen erhalten. Doch bevor gebaut wird, muss zunächst gerechnet werden, müssen Pläne erstellt, abgestimmt, geändert und neu diskutiert werden. „Es ist ein langer Prozess“, sagt Wasserbauingenieur Gries, „aber er ist so vielfältig, dass er richtig Spaß macht.“
Wer glaubt, dass der Ingenieur nur am Computer sitzt, langweilige Zahlen eintippt und das Rechenergebnis abwartet, der irrt. Denn mitten in einer Großstadt, in einem der dicht besiedeltsten Räume Niedersachsens, Platz für eine Flusserweiterung zu schaffen, ist nur zum Teil eine technische, vor allem aber eine kreative Aufgabe.

Ein digitales Geländemodell liefert ein Raster mit detaillierten Höhenangaben aus der Flussumgebung. Ingenieur Gries kombiniert diese Werte mit Daten zum Flussprofil und den errechneten Angaben zum heranströmenden Wasser. So erhält er hydraulische Modelle, die eindeutige Aussagen darüber ermöglichen, wo bei welchem Wasserandrang Probleme auftreten. Und wie sich jeder noch so kleine Eingriff auf das Gesamtergebnis auswirkt. Schon geringe geometrische Veränderungen an den Pfeilern der neuen Brücke haben Einfluss auf die Hydraulik, jeder Baum, der stehen bleibt, jede Bodenwelle verändert im Hochwasserfall die Abflussqualität.

Das Ergebnis des Rechenprozesses ist gewissermaßen ein Idealbild des Uferprofils, das an einigen Stellen des östlichen Grüngürtels um mehr als drei Meter tief abgesenkt werden muss. Doch die Stadt Hannover, in deren Auftrag die Ingenieurgesellschaft Heidt & Peters arbeitet, will nicht nur die technisch beste Lösung, sondern mit dem millionenschweren Eingriff zugleich eine Attraktivitätssteigerung für den Landschaftsraum erreichen. Und so beauftragt sie ein Landschaftsplanungsbüro, in diesem Fall das Team Foundation 5+ aus Kassel, gestalterische Konzepte für das neue Flussufer vorzulegen.

Ingenieur Gries begrüßt diesen Prozess: „Wenn ein Bauingenieur plant, dann sieht das Ergebnis oft nach Bauingenieur aus“, sagt er selbstkritisch. „Der Erstentwurf für ein Geländemodell darf nur ein Anstoß sein für die neue Planung.“ Tatsächlich haben die Landschaftsplaner gut ein halbes Dutzend völlig unterschiedlicher Varianten entwickelt, wie der neue Uferraum aussehen könnte. Mal haben sie verspielte Inseln ins Wasser gesetzt, mal den Stadtraum mit optischen Achsen bis ans Ufer verlängert, mal den Grünraum wie eine Promenade gestaltet, mal das Gelände mit sanften Terrassen zum Wasser abfallen lassen, um die Grünfläche möglichst intensiv öffentlich nutzbar zu machen. Jedes Konzept wurde immer wieder mit dem Wasserbauspezialisten Gries durchdiskutiert und auf seine technische Umsetzbarkeit geprüft.

Am Ende hat sich in Abstimmung mit der Stadt das Terrassenkonzept durchgesetzt. Doch die Arbeit des Wasserbauingenieurs ist damit
noch nicht beendet. „Unser Auftrag endet typischerweise erst, wenn die Bauabnahme abgeschlossen ist“, sagt Gries. Das kann in Einzelfällen durchaus auch mal etliche Jahre dauern. Im Fall der Ihme-Abgrabungen reicht das Projekt bis weit ins nächste Jahrzehnt.

Höhenmodell und Umbauideen: Die Ihme oberhalb von Bahntrasse und Schnellem Graben ist in der dreidimensionalen Ingenieursgrafik (Bild Mitte) deutlich als Engpass zu erkennen. Landschaftsplaner entwickeln auf dieser Grundlage Umbaukonzepte – etwa für die „Ihme-Islands“ mit Inseln (Bild links) oder das „Terrassenmodell“ (rechts), das jetzt gebaut werden soll.

von Conrad von Meding

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