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Studium & Beruf Spezialisierte Fachleute sind gefragt
Mehr Studium & Beruf Spezialisierte Fachleute sind gefragt
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00:00 08.12.2012
Spezialisierte Fachleute sind immer mehr gefragt – denn selbst Mittelständler müssen inzwischen weltweit präsent sein Quelle: iStockphoto/small_frog
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An 100 Tagen im Jahr lebt Hubert Karl aus dem Koffer. Dann pendelt er zwischen Brasilien, Mexiko und Fridingen an der Donau. Als Key-Accounter des Spritzguss-Maschinenbauers Desma ist er in der Firma der Experte für Lateinamerika schlechthin. Kein Angebot wird ohne ihn geschrieben, keine Maschine verlässt ohne das Wissen des gelernten Werkzeugmachers das Werk. Diesen Status hat sich der 44-Jährige, der fließend schwäbisch und spanisch spricht, hart erarbeitet. Als junger Ingenieur sammelte er drei Jahre lang in Mexiko Erfahrungen in einer Druckgießerei. Heute betreut er ein Umsatzvolumen von bis zu sechs Millionen Euro pro Jahr.

Sein Wissen über Land, Leute, Verhandlungskniffe und Einfuhrbestimmungen ist bei Kollegen gefragt. Denn er weiß, wie ein Argentinier tickt und warum in Brasilien die Uhren etwas anders laufen als in Europa. Innerhalb des Unternehmens gilt er als kleiner Guru. Auch, weil er nach der Lehre als Monteur für Desma komplexe Anlagen in aller Welt aufbaute und bis heute auf dieses technisch-praktische Basiswissen zurückgreifen kann. Karl kennt jede Schraube, jede Einstellung an den Maschinen.

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Solche Spezialisten sind gefragt. Das zeigt eine aktuelle Studie von Pierre Audoin Consultants und der Hays AG. Demnach entwickelt sich die Wissensarbeit zu einem eigenen Wirtschaftsfaktor, was Analysen des Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung bestätigen. So stieg in Deutschland die Bruttowertschöpfung wissensintensiver Dienstleistungen im Vergleich zu herkömmlichen Industrien um mehr als 30 Prozent. Wertschöpfung ergibt sich aus dem Gesamtwert aller erzeugten Waren und Dienstleistungen im Produktionsprozess. Ebenso stieg die Anzahl der Beschäftigten in wissensintensiven Dienstleistungen um mehr als ein Drittel.

Doch wie kann ein Unternehmen das Wissen seines angestellten Spezialisten bewahren? „Zum einen benötigen Wissensarbeiter Arbeitsbedingungen, die es ihnen ermöglichen, ihr Wissen kontinuierlich zu erweitern und sich mit anderen Wissensmitarbeitern des Unternehmens zu vernetzen“, sagt Frank Schabel. Dafür sei eine wissensarbeiterfreundliche Unternehmenskultur erforderlich, so der Hays-Marketingleiter weiter: Wissensmanagement sei kein simples IT-Projekt, sondern eine strategische Initiative der Geschäftsleitung.

Eine Alternative zu angestellten Experten sind Fachleute, die für zeitlich befristete Projekte in ein Unternehmen kommen. Eigentlich hätte Oliver de Byl mit Mitte 30 zufrieden sein können: Als Werksleiter war er für 1350 Mitarbeiter und einen Umsatz von 130 Millionen Euro verantwortlich. Doch der Wirtschaftswissenschaftler und Controlling-Fachmann wechselte zur Konkurrenz und baute das Bremer Werk eines Automobilzulieferers auf. Als das nach zwei Jahren lief, langweilte sich der 42-jährige Oldenburger: „Ich bin kein Langzeitmanager, mich interessiert das kurz getaktete Projektgeschäft“. Also schrieb der Finanzexperte einen Businessplan und machte sich 2006 selbstständig. Seitdem war de Byl in Norddeutschland bei Airbus tätig, beim Stapelfahrzeughersteller Jungheinrich und bei der Hamburg Port Authority. „An Aufträge komme ich über Vermittlungsagenturen wie den Mannheimer Personaldienstleister Hays und Empfehlungen“, so der Projektmanager.

„Mittlerweile gibt es immer mehr Beschäftigte, die als Spezialisten Karriere machen“, beobachtet Stefan Janssen. Der Europachef des E-Learning-Anbieters Skillsoft entwickelt für Firmen Fortbildungskonzepte. „Neben dem klassischen, hierarchischen Aufstieg und der dazugehörigen Personalverantwortung bilden Unternehmen heute gezielt Fachexperten aus“, sagt Janssen. Der Hintergrund dafür ist einleuchtend: Weil sich Technologien rasant entwickeln und selbst Mittelständler wie Desma mit gerade einmal 440 Mitarbeitern inzwischen weltweit präsent sein müssen, suchen Unternehmen Leute, die über eine ausgewiesene Expertise verfügen. Oder sie stellen ihre Fortbildungsprogramme so zusammen, dass aus Fachkräften Experten werden können. Bei Hubert Karl etwa hat sich das Spezialwissen über 20 Jahre hinweg angesammelt: teils durch das Leben und Arbeiten in den Ländern vor Ort, teils durch Schulungen etwa in Psychologie sowie interkulturelles Training.