Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Studium & Beruf Unternehmen setzen verstärkt auf weibliche Angestellte
Mehr Studium & Beruf Unternehmen setzen verstärkt auf weibliche Angestellte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:42 23.11.2010
Ob als Ingenieurin auf dem Bau oder Produktmanagerin: Frauen gehen verstärkt in Männerberufe. Quelle: fotolia
Anzeige

Daniela Schlawin schraubt die Quote nach oben. Die Цsterreicherin arbeitet seit Mai für den E-Learning-Anbieter Skillsoft in Wien. Vom 13. Bezirk aus betreut sie als Key-Account-Managerin rund 20 Großkunden. Mit ihrer Einstellung ist der Frauenanteil im Vertrieb des US-Konzerns in Mitteleuropa auf 80 Prozent angestiegen. „Frauen haben einfach oftmals die spannenderen Lebensläufe“, sagt ihr Chef Stefan Janssen. Neben Studium und guten Abschlüssen gehe es darin auch um Kinder, Tanzausbildungen und mehrjährige Auslandsaufenthalte. Diese Fakten und selbst Brüche zeugen von Lebenserfahrung. Und die will man sich beim international tätigen Softwareunternehmen sichern. Denn in Verhandlungen mit Firmen wie MAN Turbo sei mehr gefragt als die schnörkellosen Ingenieur- oder Informatikabschlüsse mancher Bewerber.

All diese Aspekte vereint die „Ingenieurin des Jahres 2010“ in ihrer Person. Marlies Gerstkämper-Oevermann wurde vor Kurzem vom Verein Deutscher Ingenieure ausgezeichnet. Die Elektrotechnikerin, die bei Phoenix Contact in Bad Pyrmont als Produktmanagerin für Explosionsschutz arbeitet, hat eine brьchige, aber spannende Biografie. Nach einem sozialpädagogischen Studium und der Geburt ihrer drei Kinder entschied sie sich, mit Mitte dreißig für ein zweites, technisches Studium. Nach neun Semestern hatte die heute 48-Jährige ihr Diplom mit einer Eins minus in der Tasche. Sie heuerte gleich darauf bei ihrem heutigen Arbeitgeber an und gibt mittlerweile in Vorträgen ihre Erfahrungen an Schülerinnen weiter, die sich im Unternehmen ьber technische Berufe informieren.

Anzeige

Frauen sind auf dem Vormarsch, bestätigt auch die Frankfurter Zukunftsforscherin Kirsten Brühl und liefert Gründe: Weibliche Eigenschaften wie Team- und Dialogfähigkeit, emotionale Intelligenz und Organisationsgeschick werden in einer komplexen Wirtschaftswelt wichtiger. Das Kapital der Zukunft – die Bildung – ist schon heute an vielen Stellen in weiblicher Hand. Kein Kindergarten ohne Erzieherinnen, keine Grundschule ohne Lehrerinnen. Das wirkt sich aus: In Deutschland ist die Anzahl der Abiturientinnen bereits seit Jahren höher als die der Abiturienten. An den Unis wird 2015 die Mehrheit weiblich sein, wie das Statistische Bundesamt prognostiziert.

Vor allem in Branchen, die lange als Männerdomäne galten, finden immer mehr Absolventinnen einen guten Job. Denn Firmen mit männeraffinen Berufen wissen um die Vorteile, wenn sie den Frauenanteil in ihrer Belegschaft erhöhen. Im Bьro eines Industriedesigners sitzen inzwischen fast ausschließlich Damen, die schwere Maschinen entwerfen. Chef Jürgen R. Schmid weiß warum: „Designerinnen kommen bei den oft männlichen Kunden besser an.“ Allerdings: Ihre Entwürfe seien auch innovativer, und sie verstünden es besser, auf kritische Anmerkungen der Kunden einzugehen. Aber auch sonst musste der 54-Jährige erkennen, dass er mit Frauen besser fährt. Loyal und vor allem teamfähig seien die Industriedesignerinnen allemal, weiß der Inhaber des Büros Design-Tech.

Auf die weiblichen Stärken setzt auch ein Maschinenbauer im tiefen Schwarzwald. Produktmanagerin Dagmar Metzger arbeitet bei der Robert Bärkle GmbH, einem Maschinenbauunternehmen mit 90-jähriger Tradition. Das neue Geschäftsfeld Photovoltaik hat die Ingenieurin vor vier Jahren mit ihrem Team aus der Taufe gehoben. Inzwischen erwirtschaftet Bürkle fast ein Drittel des Umsatzes mit Anlagen für das Solargeschäft. Möglich ist der Erfolg auch deshalb, weil Metzger die Anforderungen der jungen Branche aufnimmt. „Der Solarmarkt ist unheimlich dynamisch“, erklärt die Freudenstädterin. „Wir müьssen schnell auf die sich stetig ändernden Anforderungen des Marktes reagieren“, sagt sie. Diesen Job mit einer Frau zu besetzen zahlt sich offensichtlich aus.

Jens Gieseler