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Der Norden 19-Jähriger macht alte Dampflok fit – und bringt sie nach Hannover
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19-Jähriger macht eine alte Dampflok fit - und bringt sie nach Hannover

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12:52 30.11.2019
Lennard Wildfang aus Hannover arbeitet fast jedes Wochenende in Stadthagen an der Dampflok mit. Quelle: Gabriele Schulte
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Stadthagen

Der Lokschuppen ist für Lennard Wildfang wie ein zweites Zuhause. Fast jedes Wochenende macht sich der 19-Jährige aus Hannover auf den Weg nach Stadthagen (Kreis Schaumburg), um zusammen mit Gleichgesinnten die Dampflok 528038 zu päppeln. In der vom Geruch nach Schmieröl und Steinkohle durchtränkten Halle schweißen, schrauben und hämmern sie, was das Zeug hält. „Wenn man fragt, ob es was zu arbeiten gibt, sagt die Dampflok immer Ja“, erzählt der junge Mann mit fröhlichem Lachen: „Wir kümmern uns darum, dass sie top in Schuss ist.“ Ihm und den anderen Ehrenamtlichen liege es am Herzen, ihren „alten Dampfer“ hübsch und vor allem immer wieder fahrtüchtig zu machen. Nostalgie zum Anfassen und Mitfahren.

Halt in Hannover am 1. Dezember gegen 9 Uhr

Dieser Tage können sich Mitfahrer und Zuschauer ein Bild davon machen. Auf einer Fahrt von Stadthagen zum Weihnachtsmarkt in Goslar hält die Nostalgiebahn unter anderem am 1. Dezember auf dem hannoverschen Hauptbahnhof. Geplante Ankunft: Sonntagmorgen um 9.06 Uhr. „Die Deutsche Bahn gibt die genauen Zeiten erst kurzfristig raus“, sagt Sören Peters, der Berufsschullehrer ist und hier als Heizer dabei. In die historischen grünen Wagen aus DDR-Zeiten einsteigen könne in Hannover leider niemand mehr. Die Tour ist, wie bei den Sonderfahrten üblich, schon länger ausverkauft. Erfahrungsgemäß hätten aber auch die Schaulustigen entlang der Gleise ihre helle Freude, wenn die weiß dampfende und auch mal schwarz rauchende Lok samt ratternden Wagen an ihnen vorbeipfeift und -prustet. „95 Prozent der Leute an der Strecke winken begeistert“, sagt der Berufsschullehrer aus Langenhagen. Beim Blick auf die Lok mit ihrer im Winter besonders gut sichtbaren „weißen wallenden Mähne“ gehe ihnen das Herz auf.

Besonder begeistert sind die Männer und wenige Frauen, die sich Wochenende für Wochenende am Stadthäger Bahnhof treffen. An Nachwuchs mangelt es dem Verein Dampfeisenbahn Weserbergland offenbar nicht – Lennard Wildfang ist nicht einmal der jüngste Aktive. Der 19-Jährige, der demnächst eine Ausbildung zum Feinmechaniker abschließt, und seine Vereinskameraden wollen ein Stück Eisenbahngeschichte am Leben halten.

Es raucht und dampft, wenn Dampflok 528038 durchs Weserbergland kurvt. Quelle: Thomas Wolff

Sie schrauben in dem eisigen Schuppen auch an alten Dieselloks. Doch ihre Leidenschaft gehört der „Else“ getauften Dampflok 528038. „Das ist Handwerk statt Elektronik“ sagt Carsten Reinhardt, gelernter Maschinenschlosser und Vorsitzender. „Eine Dampflok hat ein eigenes Gesicht,“ schwärmt sein Vereinskollege Jörg Kluge. „Es ist dreckig, es ist laut, das knallt und ballert richtig.“ Der 47-Jährige aus Lauenau hat eigens eine dreijährige Ausbildung zum Lokführer gemacht, um ehrenamtlich Fahrgäste befördern zu dürfen.

Eine Tonne Kohle auf 60 Kilometer

Mit Tempo 60 lenkt Kluge die Dampflok stets genüsslich die Kurven des Schaumburger Landes entlang. Bei einer einstündigen Fahrt wird rund eine Tonne Kohle verbrannt, zwei Heizer schaufeln sie abwechselnd aus dem Vorratsbehälter in die vom Wassermantel umgebene Feuerbüchse. Während der vierstündigen Fahrt mit sieben Sitzwagen und einem Packwagen von Stadthagen nach Goslar verdampfen dreißig Tonnen Wasser, ein Tankstopp bei der Feuerwehr in Groß Düngen (Kreis Hildesheim) ist eingeplant. Doch die Energie lohnt sich, meint der Freizeitlokführer: „Im ICE fliegt die Landschaft vorbei. Hier kann ich beobachten, wie die Leute an der Strecke und in den Vorgärten gucken.“

Ölen, schrauben, hämmern – und ganz viel Ruß. Ehrenamtliche halten in einem Lokschuppen in Stadthagen die Dampflok 528038 fahrtüchtig. Für die Eisenbahnfreunde eine Herzensangelegenheit.

Bevor es auf Fahrt geht, ist auch diesmal viel zu tun. Mit verrußten Händen ist Lennard Wildfang über etliche Kabel und Schläuche auf den Führerstand der Dampflok geklettert. Die ist mit ihren 23 Metern eigentlich länger als der Lokschuppen, der Tender mit der Steinkohle muss deshalb draußen bleiben. Wildfang fischt zwischen Schraubenschlüsseln, Trafo und Zollstock einen Hammer heraus, steigt in den Kessel, und rückt ein paar Roststäbe zurecht, die sich gelockert haben. Regelmäßig überprüft auch der TÜV die Dampflokomotive, ernsthafte Beanstandungen oder gar Unfälle habe es nie gegeben. „Der Kessel wird natürlich mit der Zeit dünnwandiger“ sagt Wildfang. „Aber er macht uns bisher keine Probleme.“

Lesen Sie auch: Hier ist Dampflok „Else“ am Sonntag in der Region Hannover zu sehen

Der Fahrplanhalter ist selbst gebaut

So haben die Ehrenamtlichen genug Gelegenheit, sich Verbesserungen auch beim Komfort zu überlegen. An diesem Nachmittag wird unter anderem ein neuer Fahrplanhalter angebracht, von einem aus dem Verein selbst gebaut, versteht sich. Dann stecken Wildfang und sein 18 Jahre alter Eisenbahnfreund Marvin Bügling schwere Rohre zusammen, die zuvor überprüft wurden. Mit einer Ölspritze befüllen sie die Treibstangenlager, ziehen Deckel und Schrauben wieder fest. Vor jeder Fahrt werde alles frisch geölt, hebt Wildfang hervor, das könne zwei Stunden dauern. „Eine Dampflok will betüddelt werden“, sagt der junge Mann aus Hannover –und lacht wieder froh.

Alles Handarbeit: Die Vereinsmitglieder arbeiten im Lokschuppen Stadthagen an ihrer Lok. Quelle: Dampflokverein Weserbergland

Das Klischee vom weltabgewandten Technikfreak erfüllen die Eisenbahnfreunde in Stadthagen nicht, auch nicht Lennard Wildfang. Der 19-Jährige war schon bei Feuerwehr, Rettungsschwimmern und beim Karate aktiv, bevor ihn die Bahnbegeisterung vollends packte. Mit Freunden in Hannover macht er sonntags gerne auch Radtouren. Klar wunderten sich aber manche seiner Freunde, dass er so viel Zeit mit der Arbeit an der Dampflok verbringt.

Als Kind mit Dampflok auf den Brocken

Doch sie haben ihn schon zu Schulzeiten als einen kennengelernt, der die Hälfte seines 15-Quadratmeter-Zimmers im Stadtteil Groß-Buchholz mit einer Modelleisenbahn vollstellte – und die bedienen sie gerne mal mit. Wie bei manchem Vereinskollegen liegt der Ursprung des Hobbys in der Familie. Der Opa führte den Jungen schon als Vierjährigen an das Thema heran und nahm ihn früh auf der Harzer Schmalspurbahn zum Brocken mit. Auch Mutter Katia Wildfang ist im Boot; sie bedient unter anderem die Fahrgäste der Weserbergland-Nostalgiebahn im Speisewagen.

Schnuppertage des Vereins für Schülerkurse zum „Ehren-Lokführer“ in Stadthagen stoßen auf viel Resonanz. Da nicht zuletzt den jungen Leuten die Arbeit an der Lok so viel Spaß macht und die Anfahrt zum Lokschuppen teilweise lang ist, bleiben sie nicht selten von Freitag auf Sonnabend sogar über Nacht. Auch Lennard Wildfang hat sich in einem der Wagen eine Koje hergerichtet. Auf der Fensterbank steht eine von ihm frisch lackierte Öllampe zum Trocknen. Abends sitzen die Vereinskameraden in einem Gemeinschaftsabteil oft noch lange zusammen, reden über Loks – und gucken Eisenbahnfilme.

Dampflok und Schienenbus sind im Weserbergland unterwegs

Die Dampflok 528038 des Dampflokvereins Weserbergland wurde 1943 bei den Oberschlesischen Lokomotivwerken in Krenau gebaut. Ende 1961 wurde sie in Stendal umgebaut. Der derzeitige Kessel wurde 1965 in Magdeburg gefertigt. Im Gegensatz zu vielen anderen Nostalgiebahnen, etwa der Brockenbahn im Harz, ist sie nicht auf Schmal-, sondern auf Normalspur unterwegs. Betriebsbücher aus dem Zweiten Weltkrieg gibt es nicht mehr. In der DDR war die Dampflok, mit Braunkohle befeuert, in Sachsen eingesetzt. Sie fuhr bis 1987 planmäßig und diente danach im Bahnhof Zittau zum Beheizen von Weichen und Ladeschuppen.

1992 wurde die Lok außer Dienst gestellt und zunächst mit drei Reisezugwagen in Blomberg als Denkmal vor einem Restaurant aufgestellt. Der Dampflokverein Weserbergland begann 1995 mit der Aufarbeitung, inzwischen gehört ihm die Lok komplett. Der Verein wurde 1972 mit dem Ziel gegründet, ein Stück alter Eisenbahn für die Nachwelt lebendig zu erhalten. Dazu wurden Fahrzeuge von Privatbahnen und Industriebetrieben beschafft, mit denen Fahrten angeboten werden – im Winter etliche Sonderfahrten, im Sommer im Regelfahrplan auf der gut 20 Kilometer langen „Hausstrecke“ Stadthagen-Rinteln.

Auf derselben Strecke, einer der steigungsreichsten Nebenbahnen im Nordwesten Deutschlands, bietet auch der im Jahr 2010 gegründete Förderverein Eisenbahn Rinteln - Stadthagen Museumsbahnfahrten an – mit dem früher in Seelze beheimateten Uerdinger Schienenbus VT 796 901 von 1960. Die Anreise aus dem Raum Hannover ist mit der S-Bahn oder dem Regionalexpress nach Stadthagen oder über Hameln nach Rinteln möglich.

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Von Gabriele Schulte

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