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Der Norden Niedersachsen will Radfahrer im toten Winkel schützen
Nachrichten Der Norden Niedersachsen will Radfahrer im toten Winkel schützen
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15:18 04.04.2019
Im toten Winkel: In Sarstedt stellt das Land bei der Straßenmeisterei vor, wie Abbiegeassistenten funktionieren. Quelle: Peter Steffen/dpa
Hannover

Um schwere Unfälle mit Radfahrern zu verhindern, will Niedersachsen knapp 200 Fahrzeuge der Landesstraßenbaubehörde mit Abbiegeassistenten nachrüsten. Den Startschuss gab Verkehrsminister Bernd Althusmann (CDU) am Donnerstag bei der Straßenmeisterei in Sarstedt. „Mit dem heute gestarteten Pilotprojekt geht das Land Niedersachsen mit gutem Beispiel voran, um die Verkehrssicherheit auf unseren Straßen zu verbessern“, sagte der Minister. „Moderne Technik reduziert die Gefahr für Fußgänger und Radfahrer durch den toten Winkel.“ Lkw-Unfälle beim Abbiegen könnten durch Assistenzsysteme abgemildert oder sogar ganz verhindert werden.

Im Zuge des Pilotprojekts wird getestet, wie sich das System im alltäglichen Betrieb in den Lastern und Unimogs der Straßenmeisterei bewährt, mit denen etwa gemäht, gereinigt oder Schnee geräumt wird. Diese Erfahrungen sollen mit denen anderer Bundesländer abgeglichen werden, die ähnliche Praxistests vornehmen. In einem nächsten Schritt ist die Ausstattung weiterer dafür geeigneter landeseigener Fahrzeuge mit Abbiegeassistenzsystemen geplant. Ab 2022 will die EU in neuen Lkw elektronische Warnsystem zur Pflicht machen.

Warum sind solche Systeme nötig? Wie funktioniert die Technik? Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Wie viele Radfahrer verunglücken bei Abbiegeunfällen mit Lastwagen?

Nach Angaben des Automobilclubs ACE kommen jedes Jahr Dutzende Radfahrer in Deutschland auf diese Weise ums Leben. Die Zahl der Schwerverletzten ist dreistellig. In der Region Hannover gab es in den vergangenen Monaten mehrere schwere Unfälle in Lehrte, Burgdorf und Hannover.

Niedersachsen will 97 Laster und 99 Unimogs umrüsten. Nimmt das Land damit eine Vorreiterrolle ein?

Nein, auch in anderen Bundesländern bemüht man sich mit unterschiedlichen Projekten Lastwagen, Busse oder Müllwagen mit der Technik nachzurüsten. Vor zwei Wochen entschied Hamburg, für einen Test 18 große Behördenfahrzeuge mit einem Abbiegeassistenten ausstatten. Ab 2020 will die Hansestadt dann ihre mehr als 2200 Fahrzeuge über 3,5 Tonnen mit dem System ausstatten.

In Baden-Württemberg starteten Land und Speditionsverband bereits im Herbst einen Feldversuch, bei dem rund 500 Lastwagen mit dem Warnsystem ausgestattet werden sollen. Auch Bremen will 130 städtische Laster nachrüsten.

Der bayerische Straßenbetriebsdienst hat im vergangenen Jahr Systeme zur Vermeidung von Unfällen im toten Winkel erprobt. Bei der Neubeschaffung werden bereits jetzt alle Lastwagen mit sogenannten Back-Eye-Kamerasystemen als Standardausstattung ausgerüstet. Diese Systeme ermöglichen dem Fahrer auch im sogenannten toten Winkel optisch Menschen oder Hindernisse zu erkennen.

Wie funktioniert eigentlich ein Abbiegeassistent?

Es gibt unterschiedliche Modelle. Im Radkasten des Lastwagen werden etwa Ultraschallsensoren eingebaut. Wenn beim Rechtsabbiegen ein Hindernis in den Bereich des Wagens kommt, ertönt ein lauter Pfeifton.

Auf einem zusätzlichen Monitor im Lastwagen ist der Gefahrenbereich zu sehen. Quelle: dpa

Eine installierte Kamera und ein Bildschirm im Führerhaus bieten außerdem eine bessere Übersicht über den toten Winkel.

Was kostet ein Abbiegeassistent?

Für die verschiedenen Fahrzeugtypen gibt es herstellerbedingt unterschiedliche Systeme, bei denen der Preis variiert. Die Kosten dafür bewegen sich zwischen 1600 und 2500 Euro zuzüglich Einbau.

Rüsten auch Kommunen und Unternehmen in Niedersachsen ihre Flotten nach?

Vielerorts laufen Tests zum Nachrüsten bestehender Fahrzeuge, die oft noch viele Jahre auf Achse sind. Die Abfallwirtschaft Hannover (aha) etwa prüft derzeit vier unterschiedliche Abbiegeassistenten. Es geht um eine mögliche Ausstattung von 228 Müllwagen. Der Landkreis Wolfenbüttel rüstete bereits 37 Müllautos, vier Wagen der Kreisstraßenmeisterei und den Bücherbus mit der Technik aus. Auch der städtische Bauhof Hildesheim ließ vier Großtransporter nachrüsten.

Sind es besonders rücksichtslose oder abgelenkte Lasterfahrer, die die Abbiegeunfälle verursachen?

Nein, die Fahrer stehen nach den Unfällen meist selber unter Schock, weil sie aus ihrer Sicht alles für ein sicheres Abbiegen getan haben. Dies wird auch bei Gerichtsverfahren nach den Unfällen deutlich. Weniger als zwei Sekunden etwa blickte ein im August verurteilter Lasterfahrer in Hannover nicht in den richtigen Spiegel, bevor er einen elfjährigen Radler vor den Augen seiner Mutter überfuhr – mit Tempo 14, wie das Gutachten ergab.

Gibt es im Zuge der vernetzten Fahrzeuge der Zukunft nicht auch digitale Sicherungssysteme gegen Unfälle im toten Winkel?

Vor diesem Hintergrund haben der Mobilfunkanbieter Vodafone und der Automobilzulieferer Continental im Sommer eine Kooperation für vernetzte Sicherheit im Verkehr gestartet. Autos, Fußgänger und Radler sollen per Mobilfunk miteinander kommunizieren und vor Gefahren warnen. Wenn ein Auto abbiegen will und ein Radfahrer oder Fußgänger sich im toten Winkel befindet, können beide per Funk übermitteln, dass sie sich direkt in der Nähe befinden. Im Auto geht eine Warnung ein und in Zukunft könnte es auch automatisch abbremsen.

Von Michael Evers, dpa