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Der Norden Baumsterben erreicht die Region Hannover – Borkenkäfer auf dem Vormarsch
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Borkenkäfer auf dem Vormarsch: Baumsterben erreicht die Region Hannover

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00:18 16.06.2019
Dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen: Forstamtsleiter Christian Boele-Keimer zeigt Fichten im Saupark Springe. Quelle: Gabriele Schulte
Hannover

Anfangs war es nur in den Fichtenwäldern im Süden Niedersachsens ein Problem, doch inzwischen hat es auch den Norden des Landes erreicht: Nicht mehr nur im Harz und Solling, auch rund um Hannover fallen massenhaft Nadelbäume dem Borkenkäfer zum Opfer. Jetzt im Juni schlüpfen die Larven, die den milden Winter gut überstanden haben. „Die Situation ist dramatisch“, sagt ein Sprecher der Landesforsten. Das sieht das Landwirtschaftsministerium ähnlich: „Ohne eine zeitige Aufarbeitung, intensive Überwachung und Bekämpfung wird es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einer explosionsartigen Vermehrung kommen“, heißt es dort.

Ein Borkenkäfer krabbelt über die Unterseite einer Fichtenrinde. Quelle: dpa

Das vergangene Jahr hat drei Generationen von Borkenkäfern hervorgebracht. Nachdem Sturmtief Friederike Schneisen in die Nadelwälder geschlagen geschlagen hatte, tat der trockene Sommer ein Übriges, die Fichten anfällig für die wachsende Population der Schädlinge zu machen. Sollten die kommenden Wochen wiederum heiß und trocken werden, dürfte sich die Lage weiter verschärfen. Betroffen sind alle Gegenden, in denen Fichten und Lärchen wachsen.

Im Saupark Springe rund 30 Kilometer südlich von Hannover blickt Forstamtsleiter Christian Boele-Keimer besorgt auf Stapel frisch geschlagener Fichtenstämme am Wegrand. Manche Besucher des beliebten Naherholungsgebiets erzählt er, würden angesichts langer Holzreihen einen vermeintlichen „Kahlschlag“ beklagen. „Dabei geht es uns darum, Bäume zu retten“, sagt der Forstbeamte. Täglich entdeckten die Mitarbeiter, ausgerüstet mit Ferngläsern, von Borkenkäfern umschwärmte Bäume. Diese müssten schnell abgesägt werden, um benachbarte Bäume zu retten. Sogar von gefällten Bäumen kann noch eine Gefahr ausgehen. Sie werden deshalb möglichst fern von Fichtenbeständen gelagert oder vorsorglich mit einem Insektizid besprüht.

Fichten werden nicht neu gepflanzt

Rund zehn Prozent der Bäume im Saupark sind bei der letzten Zählung Fichten gewesen. Das gilt so nicht mehr. Der Forstamtsleiter zeigt auf eine kahle Fläche, in deren Mitte nur noch zwei hohe Bäume stehen. „Das ist der Rest eines Fichtenbestandes“, sagt Boele-Keimer. Demnächst wollen die Mitarbeiter der Landesforsten hier neue Baumarten pflanzen, die den Klimaveränderungen hoffentlich besser standhalten: Douglasien etwa, Küstentannen, oder auch Eichen. Neue Fichten wachsen nur noch dort, wo sich der Bestand von selbst verjüngt. Immerhin: In Notzeiten entwickeln die Bäume besonders viele Zapfen, um ihre Art am Leben zu halten.

Nicht nur im Süden Niedersachsens, sondern inzwischen auch in der Region Hannover hinterlässt der Borkenkäfer seine Spuren.

Das Fichtensterben hat dort, wo es reichlich Fichten gab, auch eine gute Seite. Im Nationalpark Harz etwa hat man den Borkenkäfer zum Unterstützer der Artenvielfalt erklärt. Er trägt dazu bei, einseitig angelegte Wirtschaftswälder schneller in naturnahen Mischwald zu verwandeln. Andernorts gilt das Gegenteil. „Hier bei uns könnte die Fichte ganz aus den Wäldern verschwinden“, befürchtet Förster Christian Oehlschläger in Burgwedel nördlich von Hannover. „Das wäre schade.“ Oehlschläger leitet den Bezirk Südostheide, wo im Privatwald zu 80 Prozent Kiefern wachsen. Die hier seltene Fichte, die eigentlich 100 Jahre alt wird, sei nicht nur der klassische Weihnachtsbaum, sondern biete Eulen und vielen anderen Vögeln Schutz, sagt Oehlschläger. Derzeit entdeckten seine Mitarbeiter bei ihren Kontrollgängen leider immer wieder vom Borkenkäfer befallene Fichten und Lärchen, die abgesägt werden müssten.

 Die Waldbesitzer haben mit einem extremen Preisverfall zu kämpfen. Wegen des Überangebots hätten sich die Preise beim Fichtenholz nahezu halbiert, heißt es bei den Landesforsten. Die Lager seien voll. Gleichzeitig stiegen die Kosten der Holzernte, wenn befallene Bäume einzeln gefällt werden müssten. Das Landwirtschaftsministerium hat im Frühjahr Millionen für die Bekämpfung der Borkenkäfer bereit gestellt. „Die Fördermaßnahmen werden sehr stark nachgefragt, ein Ende ist nicht in Sicht“, sagt eine Sprecherin. Es gehe etwa um die Anlage von Holzlagerplätzen und die Anschaffung von Käferfangsystemen. Darüber hinaus fördert Niedersachsen den Einsatz von geschulten Hilfskräften im Privat- und Kommunalwald.

Fallen gegen Borkenkäfer

Um die Borkenkäfer einzudämmen, hat die Landesregierung den Kommunen zudem die Möglichkeit gegeben, das Baumfällen auch in ausgewiesenen Schutzgebieten während der Brut- und Setzzeit im Frühjahr und Sommer zu erlauben. Wie ein Sprecher der Landesforsten berichtet, haben etliche davon Gebrauch gemacht. Außerdem seien vielerorts mit Lockstoffen angereicherte Borkenkäferfallen aufgestellt worden. Die dreibeinigen zeltartigen Konstruktionen („Trinets“) wirken zwar einer Fortpflanzung der Schädlinge entgegen, eignen sich aber längst nicht für jeden Standort.

In Hannovers Stadtwäldern machen die Fichten nur gut ein Prozent der Bäume aus. Auch sie seien von den Borkenkäferarten Buchdrucker und Kupferstecher befallen, sagt ein Stadtsprecher. „Es wäre schade, auch im Sinne der Biodiversität, diese Baumart in den städtischen Wäldern komplett zu verlieren.“ Im Tiergarten, am Bockmerholz und in der Mecklenheide wurden bereits einzelne betroffene Bäume gefällt. In der Eilenriede wartet der städtische Forstbetrieb zunächst das Ende der Brut- und Setzzeit Mitte Juli ab.

Größere Sorgen bereitet der Borkenkäfer in Wäldern bei Burgdorf, Fuhrberg und im gesamten Deister. „In der Region Hannover kommen wir aber wohl mit einem blauen Auge davon“, meint Forstamtsleiter Boele-Keimer in Springe. Wenn in diesem Sommer ausreichend Regen falle, gebe es Hoffnung. Ausreichend mit Wasser versorgte, robuste Fichten nämlich können sich gegen Borkenkäfer selbst wehren: Mit ihrem Harz machen sie die ungebetenen Gäste unschädlich.

Weiter im Süden hat sich die Lage dagegen noch zugespitzt. Bei einem Besuch im Solling machte sich Ministerpräsident Stephan Weil unlängst selbst ein Bild. Förster schilderten ihm den Dauerstress, unter dem sie seit Monaten stehen. Im Harz werden zurzeit sogar so viele Fichten gefällt, dass einzelne Straßen und Wanderwege für Wochen gesperrt werden.

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Was tun gegen Borkenkäfer im eigenen Garten?

Bei den Borkenkäfern werden drei Arten unterschieden. Besonders verbreitet ist der Buchdrucker, benannt nach dem individuellen Muster, das er gut sichtbar unter die Rinde von Fichten bohrt. Vom Kupferstecher dagegen werden nicht zuletzt jüngere Fichten bedroht. Die dritte Art ist der Lärchenborkenkäfer; ihm dienen Lärchen als Brutstätte und Nahrung. Andere Baumarten als Fichten und Lärchen sind von Borkenkäfern nicht betroffen.

Auch in privaten Gärten wird die Ausbreitung der Borkenkäfer zunehmend zum Problem. Die Trockenheit im vergangenen Sommer hat viele Fichten, die zum Teil seit Jahrzehnten am Rand der Grundstücke Sichtschutz bieten, stark geschwächt und anfällig für die Käfer gemacht. Wer eine dürre, nadellose Fichte im Garten entdeckt, sollte sie aus Sicherheitsgründen absägen, damit sie nicht auf Gebäude oder Wege fällt. In der Regel ist es in dem Fall aber schon zu spät dafür, die Ausbreitung des Käferbefalls auf Nachbarbäume zu verhindern.

Wärmere Temperaturen haben in den vergangenen Jahren weitere Schädlinge in die Gärten gebracht. Dazu gehört der Eichenprozessionsspinner, dessen Raupen zurzeit aus den Baumkronen herunterkriechen. Die Brennhaare können gefährliche Allergien auslösen. Wer zu Hause befallene Eichen entdeckt, sollte sich an die Naturschutzbehörde oder das Ordnungsamt wenden. Eine Spezialfirma saugt die Raupen dann ab. Der Buchsbaumzünsler, dessen Raupen ganze Hecken abfressen, kann hingegen mit Insektiziden bekämpft werden.

Von Gabriele Schulte

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