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Der Norden Heftige Debatte um Baumfällaktion in der Jasperallee
Nachrichten Der Norden Heftige Debatte um Baumfällaktion in der Jasperallee
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00:19 11.02.2019
Hier wartet die Säge: Die Stadt Braunschweig will 87 Ahornbäume fällen. Zu Recht?
Hier wartet die Säge: Die Stadt Braunschweig will 87 Ahornbäume fällen. Zu Recht? Quelle: Bert Strebe
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Braunschweig

Prachtboulevard. Das ist doch mal ein Wort. Und ein seltenes heutzutage. Die Stadt Braunschweig verwendet es für eine Straße, an der einige sehr gediegene Wohnhäuser stehen. Es gibt vier Fahrspuren dort und zwei Bürgersteige und einen Mittelstreifen mit alten Ahornbäumen. Schönen Ahornbäumen, sagen die Anwohner. Nicht allzu lebendigen Bäumen, sagt die Stadt. Weswegen Braunschweig beschlossen hat, die 87 Ahorne zu fällen und durch 114 junge Linden zu ersetzen. Die Bürger laufen Sturm dagegen.

Es herrscht „Wuchsdepression“ und abnehmende „Verschattungsleistung“

Das Wort vom Prachtboulevard findet sich auf einer kleinen braunen Tafel in der Jasperallee in Braunschweig zur Geschichte der Straße. Die Allee trägt seit dem Kriegsende den Namen des Braunschweiger SPD-Politikers Heinrich Jasper, den die Nazis 1945 in Bergen-Belsen umgebracht haben. Früher hieß sie Kaiser-Wilhelm-Allee. Sie wurde 1890 angelegt, damals mit Linden und sogar mit Reitwegen, sie ist 1,1 Kilometer lang und führt vom Braunschweiger Staatstheater zu einem weitläufigen Park namens Franzsches Feld. Eine gehobene Wohngegend: „Heute noch die großzügigste Wohnstraße der Stadt“, steht auf dem Schild.

In der Beschlussvorlage Nr. 18-08855 der Stadtverwaltung Braunschweig, ausgefertigt vom Fachbereich Stadtgrün und Sport, steht nicht so viel Positives wie auf dem Schild. Nach einem langen Einleitungstext über die Straßenform der Allee als Gestaltungselement seit der Renaissance wird vermerkt, dass vor allem die Bäume im Alleeabschnitt zwischen Theater und Braunschweiger Innenstadtring – 58 Silberahorne, 18 Bergahorne und 11 Spitzahorne – „stark in ihrer Vitalität gemindert“ seien: Ahornbäume wurden nach dem Krieg gern gepflanzt, weil sie schnell wachsen, heißt es. Der Untergrund sei teils mit Bauschutt versetzt. Die Triebe, die die bis zu 40 Jahre alten, bis zu 18 Meter hohen Bäume ausbilden, entsprächen nur zehn bis 30 Prozent der Trieblänge, die ein gesunder Baum schafft. In der Beschlussvorlage für den Rat ist von abnehmender „Verschattungsleistung“ und von „Wuchsdepressionen“ die Rede.

Ein Projekt für 390.000 Euro

Kurz: Braunschweig will fällen. Und dann neuen Boden für besseres Baumwachstum einbringen, 1,50 Meter tief, 2,30 Meter breit, auf der ganzen Länge des Straßenabschnitts, erläutert Michael Loose, Chef des Fachbereichs Stadtgrün in Braunschweig. Anschließend soll Tilia cordata gepflanzt werden – das sind Winterlinden, fünf bis sieben Meter hoch. Kosten für alles: 390000 Euro.

Sabine Sambou fand das nicht so toll, als sie im vergangenen Jahr davon erfuhr. Sie wohnt in der Nähe, sie hat schon länger den Eindruck, dass die Zahl der Bäume in Braunschweig abnimmt, „das Baumfällen nimmt zu“. Hier und da und dort werde bei Bauprojekten die Säge angesetzt. Also trat sie der Bürgerinitiative Baumschutz Braunschweig bei, die es schon länger gibt, die sich aber derzeit ziemlich auf das Thema Jasperallee konzentriert. Tenor: keine Bäume fällen, und die, die schon fehlen, ersetzen. Bei der Stadt findet die Gruppe kaum Gehör. Edmund Schultz, auch bei der Initiative, bemängelt, CDU, SPD, FDP und AfD hätten offenbar alles „unter der Hand verabredet“. Die Baumschützer fühlen sich eher von der BIBS vertreten, das ist keine Partei, sondern ein Bürgerinitiativenzusammenschluss im Rat. Sie hat aber nur drei Sitze.

Edmund Schultz und Sabine Sambou von der Bürgerinitiative Baumschutz Braunschweig Quelle: Strebe

Sabine Sambou und Edmund Schultz und ihre Mitstreiter haben einen ehemaligen Förster aus dem Kreis Helmstedt um eine Beurteilung des Zustands der Ahornbäume gebeten, er sagte, sie könnten noch Jahrzehnte stehen. Ein Gutachten im Auftrag der Stadt befindet im Kern auch nur, dass sie beeinträchtigt sind, bloß elf Bäume werden als derzeit nicht erhaltenswert eingestuft. Insgesamt aber stützt das Gutachten den Plan von Michael Loose.

Dem geht es vor allem um die Wiederherstellung des historischen Bilds der Allee mit den Linden – aber es müsse ja sowieso was passieren, weil die jetzigen Bäume kränkeln, sagt er. Interessant ist, dass man sich im Rathaus an den unhistorischen Ahornbäumen, aber nicht an den noch viel unhistorischeren Fünfzigerjahrebauten inmitten der Historismus-Fassaden des Prachtboulevards stört.

Demo für „Mein Freund, der Baum“

Die Bürgerinitiative hat 10000 Online-Unterschriften und 4600 Voten von Menschen in einer Meinungsumfrage („99,54 Prozent gegen die Fällung“, berichtet Schultz) gesammelt. Eine Demo wurde veranstaltet, Herzchen mit Aufschriften („Mein Freund, der Baum“, „Bäume retten Klima“) wurden den Bäumen umgehängt.

Der Eifer ist groß, und manchmal hat man den Eindruck, dass es der Initiative nicht nur um die Bäume, sondern auch um Widerstand gegen die da oben, gegen „die Parteien mit den drei Buchstaben“ (Edmund Schultz) und gegen das geht, was man in der Stadt den „Braunschweiger Klüngel“ nennt. Es steckt darin, wie Sabine Sambou „Ich kann das nicht richtig aushalten“ sagt, wenn sie vom Baumfällen spricht, als würde Verwandte von ihr attackiert, oder wie Edmund Schultz die geplanten, in Reihe gepflanzten Linden als „blöde Soldatenbäume“ bezeichnet. Als ginge es vor allem um Macht, darum, wer was bestimmt, um ein Kräftemessen.

Das NDR-Fernsehmagazin „extra 3“ brachte eine Satire, dass man, wenn man wie weiland in der Kaiserzeit Linden pflanze, doch auch gleich die Prügelstrafe und die Welfenherrschaft wieder einführen können, und Prinz Ernst August senior könne dann an akkurate Bäume pinkeln. Das war ein ziemlich billiger Scherz. Braunschweigs Oberbürgermeister Ulrich Markurth (SPD, wohnt auch in der Nähe der Jasperallee) reagierte trotzdem nicht allzu souverän: Er gab zu Protokoll, „extra 3“ sei jetzt nicht mehr eine seiner Lieblingssendungen.

Die Stadt sagt: Eine Pflanz-, keine Fällaktion

Im Rathaus ist man verschnupft, wenn der Stadt eine Baumfällaktion unterstellt wird: „Es handelt sich nicht nur um einen Fällbeschluss, sondern um den Beschluss für eine Neubepflanzung unter deutlich verbesserten Bedingungen.“ Stadtgrün-Chef Michael Loose verweist darauf, dass er gerade die größte Pflanzaktion der Stadt in den letzten zehn Jahren eingeleitet habe, 700 neue Bäume sollen gesetzt werden, und Privatpersonen, die sich entscheiden, einen Baum auf ihrem Grundstück nicht zu fällen, bekommen eine Prämie.

Die Bürgerinitiative argumentierte zuletzt mit dem Denkmalschutz, der ein Fällen verbiete. Denn: In den Neunzigern wurde das gesamte Jasperallee-Ensemble unter Schutz gestellt, samt Ahornbäumen. Das sollte eigentlich am kommenden Dienstag im Rat diskutiert werden. Die Stadt ist vorgeprescht und hat sich eine schriftliche Zustimmung der obersten Denkmalschützer des Landes Niedersachsen zum Fällbeschluss mit Neubepflanzung geholt. Damit ist jetzt eigentlich alles gesagt. Auf der Tagesordnung steht das Thema aber nach wie vor.

Die Baum-Bürgerinitiative will nicht aufgeben. Sie will Akteneinsicht verlangen und rechtliche Schritte prüfen.

Die Deutschen und der Baum

Die Deutschen und der Baum – das ist eine mit Emotionen aufgeladene Angelegenheit. Werden irgendwo Bäume in Städten gefällt, gibt es nahezu immer jemanden, der protestiert, selbst dann, wenn das Absägen unvermeidbar ist. Auf dem Land sieht man das meist gelassener.

Viele Städte haben inzwischen eine Baumschutzsatzung, die sicherstellt, dass nichts unbemerkt geschieht. Braunschweig hatte auch eine, sie wurde aber unter dem früheren Oberbürgermeister Gert Hoffmann (CDU) abgeschafft.

Stadtbäume stehen immer unter Stress, wegen Abgasen und zu wenig Platz und Bodenverdichtung und unachtsamer Behandlung. Dazu kommt jetzt noch der Klimawandel. Die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau untersucht in einem Forschungsprojekt, welche Bäume besonders geeignet sind für die Anforderungen der Zukunft. Sie hält unter anderem Exoten wie den amerikanischen Amberbaum, die japanische Kobushi-Magnolie oder die südeuropäische Zerreiche für geeignet.

Projektleiter Philipp Schönfeld von der Landesanstalt findet die Winterlinden, die die Stadt Braunschweig an der Jasperallee pflanzen will, ganz okay. Man müsse sie aber gut pflegen und auf die Anfälligkeit der Linden für Pilzerkrankungen wie das sogenannte Stigmina-Triebsterben oder die Massaria-Krankheit achten, sagt er.

Von Bert Strebe

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