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Der Norden Sie wog weniger als 30 Kilo: Wie eine 33-Jährige ihre extreme Magersucht bekämpfte
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Die Klinik Lüneburger Heide hilft Patienten mit extremer Magersucht

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12:38 24.09.2019
„Es funktioniert nicht, einen verhungerten Körper einfach mit Nahrung zu versorgen“: Patientin Doreen Dörner (l.) mit Ärztin Wally Wünsch-Leiteritz. Quelle: Susanna Bauch
Bad Bevensen

Bei einer Größe von 1,70 Meter haben sie weniger als 30 Kilo auf die Waage gebracht. Doreen Dörner und Marie Schmidt waren Erwachsen – und haben doch nicht mehr gewogen als bei ihrer Einschulung. Ihr Body-Mass-Index (BMI) lag unter zehn Punkten. Das bedeutet eigentlich: nicht überlebensfähig. Die magersüchtigen Frauen standen an der Schwelle zum Tod – und fanden wegen ihres extremen Untergewichts keinen Platz in einer Spezialklinik. Dass Dörner und Schmidt nun doch wieder zunehmen können und neuen Mut gefasst haben, liegt an der Klinik Lüneburger Heide in Bad Bevensen.

Die Internistin und ärztliche Psychotherapeutin Wally Wünsch-Leiteritz hat sich dort seit 20 Jahren auf die Behandlung extremer Magersucht spezialisiert. Die Klinik schließt eine gefährliche Lücke: Wer stark abgemagert ist, bekommt zwar auf der Intensivstation im Notfall Hilfe – muss für eine anschließende Therapie in einer psychosomatischen Klinik aber ein Mindestgewicht haben. Das hatten Doreen Dörner und Marie Schmidt nicht.

Besondere Nahrung für verhungerte Körper

Patienten wie die beiden Frauen, so erklärt es Wünsch-Leiteritz, würden zwar notfallmäßig auf einer Intensivstation am Leben erhalten, eine kompetente Unterstützung bei der komplexen Krankheit könne dort aber meist nicht gewährleistet werden. „Die Therapie nach der Akutversorgung ist ausschlaggebend“, betont Wünsch-Leiteritz. Die Ärztin spricht von sogenannter Wiederernährung, die genau und individuell abgestimmt werden müsse. In Bad Bevensen haben die Patientinnen akribisch genaue Esspläne, die minutiös überwacht werden. „Es funktioniert nicht, einen verhungerten Körper einfach mit Nahrung zu versorgen.“

Verlangsamter Herzschlag

Doreen Dörner etwa hätte erst etliche Kilos zunehmen müssen, um einen stationären Platz in einer psychiatrischen Klinik zu bekommen, denn diese Kliniken ohne Intensivmedizin können oder wollen die Verantwortung für besonders schwer kranke Magersüchtige oft nicht übernehmen. Die Kranken haben meist körperliche Begleiterscheinungen: Der Herzschlag ist verlangsamt, Körpertemperatur, Blutdruck und Blutzucker können zu niedrig sein, womöglich sammelt sich Wasser im Herzbeutel an.

Im Auslandssemester begann das Herunterhungern

„Wir weisen hier keine magersüchtige Patientin ab, deren BMI unter zehn ist“, betont Wünsch-Leiteritz. Zur Not müssten dann Termine für weniger akut bedrohte Betroffene nach hinten geschoben werden. „Alle Vitalfunktionen überwachen und stärken wir, aber vor allem geht es darum, dass die Mädchen und Frauen zunehmen, um zu überleben.“ Dörner und Schmidt haben ihr Gewicht in den vergangenen neun Monaten in der Klink fast verdoppelt. Für eine Entlassung reicht das trotzdem noch nicht, aber sie sind auf einem guten Weg. „Ich hatte meine Magersucht, unter der ich seit der Pubertät gelitten habe, eigentlich ganz gut im Griff“, erzählt Marie Schmidt, 23-jährige Studentin aus Hamburg. Ein Erasmussemester im Ausland aber habe sie so überfordert, dass sie wieder nichts mehr gegessen habe – „um stärker zu werden“.

Was sich wie ein Widerspruch anhört, gehört zum Wesen der Anorexie. „Für Magersucht gibt es einen persönlichen Hintergrund“, erklärt Wünsch-Leiteritz. Oft seien Menschen betroffen, die zwanghaft perfektionistisch, detailfixiert, leistungsorientiert und kontrolliert bis rigide seien. Wer sein Gewicht offensichtlich kontrolliere, fühle sich stärker und spüre sich weniger. Beides sei gewollt. „Was zunächst für Glücksmomente sorgt, ist eine schwere Krankheit.“

„Angehörige haben keine Schuld“

Wichtig ist der Ärztin, dass Angehörige keine Schuld haben an dieser Entwicklung. „Sie müssen als Reaktion auf die Krankheit vielleicht etwas anders machen. Und natürlich hinsehen, wenn etwa das Kind sich so verändert.“

Doreen Dörner etwa kämpft seit 20 Jahren mit der Magersucht. Als Kind war sie pummelig, die Zwillingsschwester bekam für ihre Diät viel Anerkennung. „Das wollte ich auch. Und habe die Kontrolle verloren“, erklärt die 33-Jährige. Sie sei schon in etlichen Kliniken gewesen. Ihr habe man dort das Leben gerettet – aber keinen Ausweg gezeigt. „Wenn dann einfach wieder normales Klinikessen auf dem Nachttisch steht, dann funktioniert das nicht.“

Sicherungssystem gegen den Rückfall

Dörner, die als Chemikerin gearbeitet hat, hat in der Heide gelernt, ganz langsam wieder Nahrung aufzunehmen. Kleinste Portionen hoch kalorischer Kost, die ihr angeschlagener Körper aber verkraften kann. „Das ist ein weiter Weg“, sagt Dörner.

Mit 26 Kilogramm in die Klinik gekommen

Marie Schmidt ist mit gerade einmal 26 Kilogramm Gewicht nach Bad Bevensen gekommen. „Diese extrem magersüchtigen Patientinnen werden rund um die Uhr überwacht und internistisch kontrolliert“, betont Medizinerin Wünsch-Leiteritz. „Wir substituieren, geben Elektrolyte, Phosphate und Proteine und so weiter.“ Wichtig sei, dass die Betroffenen sich auf ihr Essen verlassen können. „Der Plan passt zur Mangelernährung, einfach Schokolade, das geht nicht.“

Neben vielen jungen Mädchen und Frauen finden auch Ältere und vereinzelt Männer den Weg in das Kompetenzzentrum für Essstörungen. „Oft umfasst die Krankheit eine ganze Lebensspanne“, so Ärztin Wünsch-Leiteritz.

Mangelndes Selbstbewusstsein fördert Anorexie

Die Magersucht (Lateinisch: Anorexia Nervosa) gehört neben der Bulimie (Lateinisch Bulimia Nervosa) zu den Essstörungen, von denen hauptsächlich junge Frauen betroffen sind. Typisch für diese psychosomatisch bedingte Form der Essstörung ist ein selbst herbeigeführter radikaler Gewichtsverlust mit schwerwiegenden Auswirkungen auf die körperliche und seelische Gesundheit. Mangelndes Selbstwertgefühl und die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper gelten als Risikofaktoren für die Entwicklung einer Anorexia. Psychische Ursachen, aber auch Gewohnheiten in der Familie sowie biologische und gesellschaftliche Einflüsse können bei der Entstehung der Magersucht eine Rolle spielen und sich gegenseitig beeinflussen. Durch ein streng limitiertes Essverhalten oder Erbrechen, exzessive sportliche Aktivitäten sowie die Einnahme von Medikamenten versuchen Magersüchtige, ihr Gewicht immer weiter zu reduzieren und haben das Gefühl, ihr Leben wieder unter Kontrolle zu haben.

Die Klinik Lüneburger Heide nimmt Patienten mit allen Formen von Essstörungen auf: (extreme) Magersucht, Bulimie, Binge-Eating-Störung (Essstörung mit Essanfällen) und atypischen oder sonstigen Formen von Essstörungen – wenn die Situation sich ambulant nicht mehr beeinflussen lässt und damit eine stationäre Therapiephase erforderlich wird.

Kontakt unter Telefon (0 58 21) 96 00 sowie per E-Mail an info@klinik-lueneburger-heide.de.

Marie Schmidt und Doreen Dörner fühlen sich nach Monaten in stationärer und therapeutischer Behandlung nun sehr viel stärker, aber sie sind nicht unbedingt geheilt. Deshalb werden sie Monate nach ihrer Entlassung noch einmal zurück in die Klinik kommen – zu einer kurzen Kontrolle des Gelernten.

„Wenn ich daran denke, dass ich damals nicht einmal mehr die Kraft hatte, mich im Bett umzudrehen, habe ich Riesenerfolge gemacht“, betont Marie Schmidt. Sie habe unendliche Angst gehabt und wisse auch, dass sie ein stabiles Netz in ihrer Umgebung braucht, ein Sicherungssystem, damit sie stabil bleibe. „Und ich muss lernen, mich auf mich selber zu verlassen.“ Doreen Dörner nimmt ein neues berufliches Ziel in Angriff. „Ich möchte Ernährungsberaterin werden. Damit kenne ich mich schließlich jetzt aus.“

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Von Susanna Bauch

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