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Der Norden Die skurrilsten Ausreden der Temposünder auf der Werratalbrücke
Nachrichten Der Norden Die skurrilsten Ausreden der Temposünder auf der Werratalbrücke
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21:46 16.12.2018
Blitzanlage bei Hann. Münden: 50 000 Tempoverstöße im vergangenen Jahr. Quelle: Swen Pförtner/dpa
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Hann. Münden

Vielleicht, muss sich ein Autofahrer gedacht haben, würde den Richter ein bisschen Diplomatie beeindrucken. Also gab sich der Mann, ein gebürtiger Göttinger, als Staatssekretär der einstigen britischen Nordseefestung Sealand aus, der diplomatische Immunität genieße. Immerhin ging es um die stattliche Geldbuße von 50 Euro, die der Mann nicht zahlen wollte, nachdem er auf der A 7 in die Radarfalle an der Werratalbrücke gerast und geblitzt worden war. Doch den Richter am Amtsgericht Hann. Münden (Kreis Göttingen) beeindruckte die Geschichte nicht: Anders als die 611 Quadratmeter große Hochseeplattform sei die Bundesrepublik ein real existierender Staat, der Bußgelder erhebend dürfe. Und wenn ihm das nicht passe, könne der Temposünder ja auf Sealand leben und dort immer im Kreis herumfahren.

Vielen Verkehrsteilnehmern ist die Werratalbrücke vor allem wegen der Radarfalle ein Begriff, die in nördlicher Fahrtrichtung kurz vor dem imposanten Bauwerk installiert ist. Jahr für Jahr werden an dieser Stelle Zehntausende Autofahrer geblitzt. Legen sie gegen den Bußgeldbescheid Einspruch ein, landet der Fall vor dem Amtsgericht Hann. Münden.

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Steilster Autobahnabschnitt

Vor 25 Jahren, im Dezember 1993, ist die neue Autobahnbrücke über das Werratal bei Hann. Münden eröffnet worden. Der rund 35 Millionen Euro teure Umbau war Teil des Ausbaus der A 7; seither rollt der Verkehr sechsspurig über das imposante, 415 Meter lange und bis zu 61  Meter hohe Bauwerk.

Die Gefällstrecke am Laubacher Berg in diesem Bereich gilt als einer der steilsten Autobahnabschnitte Deutschlands. Weil es trotz drastischer Geschwindigkeitsbegrenzung immer wieder zu schweren Unfällen kam, wurde die Radaranlage installiert. Bereits mehrere Kilometer vorher weisen große Warnschilder auf das Tempolimit und die Radarmessung hin. Trotzdem blitzt es an der Stelle regelmäßig: 2017 seien knapp 50 .000 Tempoverstöße festgestellt worden, sagt ein Sprecher des Landkreises Göttingen.

In der Hoffnung, um die drohende Strafe doch herumzukommen, lassen sich die Autofahrer fantasievolle Geschichten einfallen. Oftmals reden sich die Temposünder damit heraus, dass sie die Schilder wegen Nebels nicht hätten erkennen können, wie ein Richter berichtet. Auf den Fotos sei meist aber kein Nebel zu erkennen. Ein Autofahrer gab kürzlich an, er habe die Schilder nicht erkennen können, weil die Scheinwerfer seines alten Autos nur den Bereich unterhalb der Schilder ausleuchten könnten. Andere verweisen auf die Komforteigenschaften ihres teuren Fahrzeugs: Das Auto fahre so leise, dass man gar nicht mitbekomme, wenn man zu schnell unterwegs sei.

Ein Fahrer brachte kürzlich sogar Gott ins Spiel: Er habe, vermittelt über eine Mitfahrerbörse, eine Laienpredigerin im Auto mitgenommen, die ihm während der Fahrt so interessant von Jesus erzählt habe, dass er gar nicht auf die Verkehrszeichen geachtet habe.

Auch eine Sturmhaube hilft nicht

Den Landkreis bringen die Tempoverstöße viel Geld in die Kassen. 2017 summierten sich die Bußgelder auf 3,3 Millionen Euro. Ist ein Autofahrer mindestens 41 Stundenkilometer schneller als erlaubt, bekommt er zusätzlich zur Geldbuße ein Fahrverbot, bei Lkw-Fahrern liegt die Grenze bei 31 Stundenkilometern. Knapp 2200 Temposünder mussten 2017 ihren Führerschein abgeben. Die Richter am Amtsgericht Hann. Münden verhandelten im vergangenen Jahr 1638 Bußgeldverfahren – in 90 Prozent der Fälle ging es um Tempoverstöße am Laubacher Berg, wie ein Gerichtssprecher sagte.

Und bei allem Einfallsreichtum der Temposünder: Die Behörden sind hartnäckig. Vor einigen Jahren raste ein Autofahrer in die Radarfalle, der sich zuvor eine Sturmhaube übergestülpt hatte, damit er nicht erkannt wird. Doch in akribischer Beweisaufnahme inklusive anthropologischer Untersuchung der Merkmale der Augen fand das Gericht ausreichend Indizien, um dem Mann den Tempoverstoß nachzuweisen. Das Urteil: 500 Euro Bußgeld und zwei Monate Fahrverbot.

Von Heidi Niemann

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