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Der Norden Streit um Bückeberg-Gedenken geht weiter
Nachrichten Der Norden Streit um Bückeberg-Gedenken geht weiter
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21:23 03.02.2019
Blick vom Bückeberg im Kreis Hameln-Pyrmont: In der Diskussion um den Umgang mit der Historie des Ortes lag von Anfang an eine ungeheure Emotionalität. Quelle: Ole Spata/dpa
Emmerthal

Ernst Nitschke ist ein Bild von einem Kommunalpolitiker. Sturmfesterdverwachsen, Bauunternehmer, Reserveoffizier, stämmig von Statur und Denkweise. Er vertritt die Freien Wähler in Emmerthal im Kreis Hameln-Pyrmont, er kennt seine Bürger, er hat schon mit jedem Bier getrunken. Ernst Nitschke ist ein Mann von Grundsätzen. Wenn so jemand sagt, er habe seine Meinung geändert, dann ist was passiert.

„Ich habe meine Meinung geändert“, sagt Ernst Nitschke.

Als vor anderthalb Jahren die Pläne publik wurden, am Bückeberg in Emmerthal, wo die Nazis zwischen 1933 und 1937 mit winkendem Führer und bis zu einer Million begeisterter Volksgenossen ihre sogenannten Reichserntedankfeste gefeiert hatten, eine Art Gedenkstätte zu errichten, gehörte Ernst Nitschke zur Speerspitze des örtlichen Widerstands. Brauchen wir nicht, uns hat ja keiner gefragt, sonst haben sie für nix Geld – das war in etwa die Linie der Argumentation. Nitschke hat persönlich rund 900 von etwas mehr als 2000 Unterschriften gegen das Projekt gesammelt.

Von Anfang an lag in dem Thema eine ungeheure Emotionalität, die man sich außerhalb kaum erklären konnte. Die konservative Ratsmehrheit aus CDU und Freien Wählern Emmerthal (FWE), die im Rat eine Gruppe bilden, versuchte, diese Stimmung aufzunehmen, der Hamelner Landrat Tjark Bartels (SPD), ein glühender Befürworter eines Gedenkortes, versuchte gegenzusteuern.

Vor einem Jahr stimmten CDU und FWE für einen AfD-Antrag im Gemeinderat, eine Einwohnerbefragung zu initiieren. Eigentlich unnötig: „60 Prozent der Emmerthaler sind dagegen“, sagt Ortsbürgermeister Rudolf Welzhofer von der CDU. Und in Hagenohsen, dem Emmerthaler Ortsteil, in dem der Bückeberg liegt, seien es 80 Prozent.

Aber dass die CDU mit der AfD stimmte, das fiel dann überregional auf.

Keine Kosten für Emmerthal

Zu dem Zeitpunkt hatte sich im Ort längst eine Bürgerinitiative gegen das Projekt gebildet, es gab harsche Debatten unter anderem mit dem Initiator das Ganzen: Bernhard Gelderblom, pensionierter Geschichtslehrer aus Hameln, hat sich sein Leben lang mit den Nazis befasst, eine direkte Folge der Tatsache, dass sein eigener Vater strammer Parteigenosse gewesen war. Gelderblom hat alles zum Bückeberg zusammengetragen und auch herausgearbeitet, dass die Reicherntedankfeste eigentlich keine Feste, sondern Kriegspropaganda waren.

Das Zerwürfnis im Ort schaukelte sich hoch, bis die Politik zum Jahresende einen Kompromiss aus dem Hut zauberte. Punkt eins: Es wird ein Lern- und Gedenkort Bückeberg eingerichtet, mit Info-Stelen den Berg hinauf und ein paar mehr Infos an der Spitze, wo es noch Fundamentreste der früheren Nazi-Ehrentribünen gibt. Dort soll auch ein Platz für Schulklassen angelegt werden, ein sogenanntes grünes Klassenzimmer, außerdem Toiletten und Parkplätze.

Alljährlicher Nazi-Aufmarsch: Von 1933 bis 1937 kamen bis zu eine Million Menschen an den Bückeberg. Quelle: Sueddeutsche Zeitung Photo/dpa

Punkt zwei: Die Besucher werden nicht durch den Ort, sondern außenherum geführt, die direkten Anwohner an der Hagenohsener Bückebergstraße sollen vom Verkehr verschont bleiben. Punkt drei: In der Heimatstube im nahen Börry soll eine Abteilung zum Bückeberg eingerichtet werden. Punkt vier: Emmerthal wird von allen Kosten – mittlerweile ist man bei zwei Millionen Euro inklusive Landes- und Bundeszuschüsse – freigestellt und bekommt noch ein paar Vergünstigungen obendrauf.

Eigentlich war das das Musterbeispiel eines politischen Kompromisses. Zustande gekommen war er, nachdem sich die Emmerthaler CDU ursprünglich mit der Hoffnung auf Unterstützung an die CDU-Landtagsfraktion in Hannover gewandt hatte. Dort nahmen sich Fraktionschef Dirk Toeppfer und, als treibende Kraft, die bildungspolitische Sprecherin Mareike Wulf des Themas an. Toeppfer sagte glasklar, dass Gedenkstätten wichtig seien, „damit wir nicht wieder auf eine Politik der großen Gesten hereinfallen“. Mareike Wulf machte ihren Parteifreunden deutlich, dass die CDU überhaupt erst aus der Empörung über das Versagen der bürgerlichen Mitte in der NS-Zeit entstanden sei. Und dass man vor Ort eine Lösung finden müsse. Zumindest untergründig spielte auch eine Rolle, dass es die Landes-CDU nicht so schön findet, wenn Christdemokraten mit AfD-Leuten stimmen.

So begann das Ringen mit „vielen, vielen Gesprächen“ (Toeppfer), und am Ende stand der politische Konsens unter Beteiligung des Landrats („Wir wollten, dass die Spaltung nicht weitergeht“) und anderer Kreisgrößen aus der SPD. Nur Bernhard Gelderblom sah anfangs sein Konzept verwässert, kann jetzt aber damit leben. Ernst Nitschke berichtet, dass er und seine Kollegen von der CDU im Grunde keine andere Chance hatten, als sich „neu zu positionieren“: Der Gedenkort Bückeberg wäre auch ohne ihre Zustimmung gekommen, mit ihrer Zustimmung konnten sie wenigstens Positives für die Gemeinde erreichen. „Und wir müssen die Zwietracht hier rausnehmen.“ Natürlich falle ihm so eine Kehrtwende schwer, sagt er und schaut auf den Fußboden und seufzt. Aber Politik sei eben auch „ein sich ständig verändernder Prozess.“

Bürger fühlen sich verraten

Die Zwietracht ist allerdings nicht aus Emmerthal verschwunden.

In der steilen Bückebergstraße mit ihren gediegenen Häusern und dem weiten Blick ins Weserland steht Anwohnerin Anke Stürmer am Gartenzaun und sagt, das sei ja kein Kompromiss, das ganze Projekt sei sowieso übertrieben. Nachbar Ingo Ahrens findet, eine einfache Infotafel am Berg hätte völlig gereicht. Die Emmerthaler hier fühlen sich von der Politik verraten.

„Wir sind jetzt die Umfaller“, sagt Ortsbürgermeister Rudolf Welzhofer, und es soll ironisch rüberkommen, aber es klingt bitter. In der Gemeinderatssitzung, in der schließlich eine politische Mehrheit für den Kompromiss zustande kam, gab es haufenweise Beschimpfungen von Bürgern, nichts könne man den Politikern mehr glauben, hieß es, sie seien doch überflüssig, hieß es, jemand wie Ernst Nitschke habe „ein Rückgrat wie ein Regenwurm“. So heftig und so ausfallend wurde der Tonfall, dass einer der Initiatoren des Widerstands, der Handwerksmeister Timo Schriegel, sich bei Welzhofer entschuldigt hat und sich jetzt etwas zurückzieht. Andere sprechen aber immer noch von „Prostitution“ der Politiker oder von „Altparteiendiktatur“. Und: „Wir wissen, was wir nächstes Mal wählen.“

Woher kommt diese Wut? Die Emmerthaler sind keine Rechtsausleger, Hagenohsen war sogar lange fest in SPD-Hand. Rudolf Welzhofer, der als Ortsbürgermeister viele alte Menschen besucht, erzählt von einer Dame, die als kleines Kind bei einem Reichserntedankfest dabei war, sie ist durch eine Absperrung hindurchgeschlüpft und auf Joseph Goebbels zugelaufen, und der hat sie an der Hand genommen und ist ein paar Schritte mit ihr gegangen und war sehr freundlich. Zurückgeblieben ist bei der Frau eine Mischung aus Beglückung und Scham.

Vielleicht ist das eine Erklärung für die heftigen Gefühle der Emmerthaler: Ein paar Jahre lang waren sie damals so etwas wie der Nabel der Welt. Und für die, die dabei waren, waren die Feste (auch) schön, und das haben sie ihren Kindern und Enkeln erzählt. Eine Gedenkstätte aber wird nur vermitteln, dass alles schrecklich war. Und die Republik wird, das fürchten manche Emmerthaler, von oben auf den Ort heruntergucken.

Die Einwohnerbefragung soll übrigens noch stattfinden, möglicherweise im März. Auch, wenn jeder das Ergebnis schon kennt.

Das Buch zum Bückeberg

Hunderttausende von Besuchern, inszenierte Reden von Adolf Hitler, Schauvorführungen der Wehrmacht inklusive des Abfackelns eines künstlichen Dorfes – das waren die Reichserntedankfeste, die die Nazis in den Jahren von 1933 bis 1937 auf dem Bückeberg in Emmerthal veranstalteten.

Die Geschichte und die Auswirkungen dieser Aufmärsche hat der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom erforscht und aufgeschrieben. Herausgekommen ist ein 196 Seiten starkes Buch („Die NS-Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg“, Verlag Jörg Mitzkat, Holzminden, ISBN 978-3-959540-59-9), das neben Gelderbloms Erläuterungen auch 200 teilweise bislang unveröffentlichte Fotos und diverse Erlebnisberichte von Teilnehmern von damals enthält.

Gelderblom macht deutlich, dass es den Nazis weniger um das Feiern der Ernte oder des Bauernstandes als um die Kriegsvorbereitung und um die Vervollkommnung ihres zerstörerischen Werks ging: „Es führt ein Weg vom Bückeberg nach Bergen-Belsen.“ Das Schlusskapitel widmet sich auch den schwierigen Debatten um das Gedenken vor Ort in Emmerthal.

Von Bert Strebe

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