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Er ist blind – aber nicht behindert: Wie Rasmus Narjes durch sein Leben geht

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19:49 15.09.2019
Behindert? Rasmus Narjes beim Mobilitätstraining mit seinem Coach Ralf Wilcke in Hamburg. Quelle: Bert Strebe
Volkwardingen

Er hat eine Narbe direkt über seiner linken Augenbraue, eine zweite ein bisschen höher über der rechten. Woher? Rasmus Narjes lacht. So genau wisse er das nicht, sagt er. Er sei mal bei einem Fußballturnier gegen eine Wand gelaufen, vielleicht daher. Und als Kind sei er über die Spülmaschinenklappe gestolpert. Er habe sich so oft den Kopf angeschlagen, das könne er nicht alles behalten. Der schlaksige junge Mann grinst, und dann widmet er sich wieder seinem Handy. Hört eine Nachricht ab, spricht eine Nachricht hinein, während draußen vor dem Zugfenster unbeachtet die Landschaft vorbeiflitzt.

Von Geburt an blind

Am Hamburger Hauptbahnhof steht Narjes dann auf. Seine Rechte tastet nach der Lehne, er geht zwei Schritte durch das Abteil Richtung Tür, er fasst die nächste Lehne, bei der dritten landet seine Hand auf der Schulter eines Fremden. „’Tschuldigung.“ Dann steht er auf dem Bahnsteig, der weiße Stock ist längst ausgeklappt. Und er geht los. Entlang der Gleise, dann Treppen hoch und runter, zur U-Bahn, in die U-Bahn hinein und wieder raus. Doch, er ist ein bisschen unsicher. Aber er schafft es. Rasmus Narjes aus Volkwardingen bei Bispingen im Heidekreis, 19 Jahre alt, von Geburt an blind, ist in Hamburg unterwegs. Noch nicht ganz selbstständig, aber schon fast.

Rasmus Narjes spielt Klavier und Orgel. Quelle: Bert Strebe

Die Augen sind intakt

Rasmus Narjes’ Augäpfel bewegen sich rasch und hin und her. Er sagt, sie seien „nervös“: Sie können nichts fixieren. Die Augen sind intakt, doch das, was sie sehen, kommt nicht im Gehirn an. In der Sonne sieht er, dass es hell ist. Sonst nichts, keine Konturen, keine Farben. Das, worunter Narjes leidet, nennt man Lebersche Amaurose.

Aber leidet er tatsächlich? Narjes bewegt sich durch sein Elternhaus wie ein Sehender, er dribbelt mit einem Ball über den Hof und geht damit auch bedenkenlos auf die Straße hinaus. Na gut, Volkwardingen hat nur 200 Einwohner, doch es könnten ja auch Fremde kommen. Und Narjes dribbelt nicht nur zu Hause, sondern zusätzlich beim FC St. Pauli in der Blindenfußballmannschaft, und er fährt allein zum Training. Am Klavier legt der junge Mann ein Präludium von Bach hin, dass man von selbst die Augen schließt, und er spielt regelmäßig Orgel in der Bispinger Kirche.

Obendrein ist er Inklusionsbeauftragter der Gemeinde. Behindert? Rasmus Narjes ist nicht behindert. Vielleicht ein bisschen eingeschränkt. Aber möglicherweise nicht mal das. Vielleicht ist er gegenüber sehenden Menschen sogar im Vorteil.

Blindenschrift – dank dieser Zeichen kann Rasmus Narjes lesen. Quelle: Strebe

Der Mobilitätstrainer hilft

Schon im Zug nach Hamburg hat Narjes Ralf Wilcke getroffen, seinen Mobilitätstrainer, wie man das nennt: Wilcke hilft Blinden, ihre Umgebung mit Geräuschen und mit dem Blindenstock zu sehen. Wie man das rillenförmige Leitsystem für Blinde am Boden findet, dass man sich von entgegenkommenden Menschenmassen nicht kirre machen lässt, welche Telefonapps helfen, die einem vorlesen, was da, wo man gerade ist, zu sehen wäre. Jetzt, an der U-Bahnstation Hallerstraße, schickt Wilcke Narjes hinaus auf den offenen Gehweg mit Leuten und abgestellten Rädern und unvermittelten Treppenstufen vor Cafés und den Autos nebenan auf der Straße.

„Mein Gehör ist sehr, sehr gut“

Seine gesamte Schulzeit hat Narjes (mit Schulbegleiter) in Regelschulen zugebracht, sein Computer hat eine Blindenschriftzeile zum Tippen und Lesen, und die meisten Texte hört sich Rasmus Narjes per Sprachausgabe an – so schnell eingestellt, dass es für unsereinen Mickymausgequatsche ist, aber er kann alles auseinander halten: „Mein Gehör ist sehr, sehr gut.“

Und einen stabilen Schädel hat er auch. Was ihm am allermeisten geholfen habe, erzählt Rasmus Narjes, sei die Tatsache, dass seine drei Geschwister ihn überhaupt nicht geschont hätten. „Treppe runtergeschubst“, sagt er. „In den Wald mitgenommen.“ Das alles habe ihn selbstständig werden lassen. Und mutig, muss man ergänzen: „Wenn ich falle, dann falle ich“, sagt er. Und dann steht er wieder auf.

Die Farbe der Schuhe? Ist egal

Rasmus Narjes steuert zielsicher auf eine Ampel zu, findet mit den Fingern den Blindenknopf, der bei Grün ein Tonsignal auslöst. Als es kommt, geht er zügig los, über die Rothenbaumchaussee hinweg. Auf der anderen Seite ist er dann plötzlich, an einer Nebenstraßenkreuzung, unsicher und bleibt stehen. Er steht fast am Rinnstein. „Wo hörst du die Straße?“, fragt Wilcke. „Hinter mir“, sagt Narjes. „Hör noch mal hin“, sagt Wilcke. „Ah“, sagt Rasmus Narjes. „Jetzt.“ Die Straße ist links. Wichtig war, stehen zu bleiben.

„Ich führe doch ein normales Leben“, sagt Narjes. Er hört, wie ein Raum beschaffen ist, er erkennt Leute am Schritt, er erkennt sogar, aus Stimme und Bewegungen und Geruch und der Art, wie sie auf ihn zugehen, einiges vom Charakter der Menschen. Das sind Nuancen, die er vielleicht sogar mehr spürt als hört, die Sehende aber vermutlich gar nicht wahrnehmen, weil sie sich vom Äußeren ablenken lassen.

Tja, das Äußere. Narjes trägt einen Kurzhaarschnitt, er ist ein gut aussehender Junge, aber das ist ihm ziemlich egal. Neulich war er Schuhe kaufen. Marke, Form, Farbe – alles unwichtig. Sie müssen sich gut anfühlen. Sonst nichts.

Er ist seit seiner Geburt blind – aber er sagt, er führt ein normales Leben. Rasmus Narjes aus der Gemeinde Bispingen spielt Fußball beim FC St. Pauli, er ist Inklusionsbeauftragter, und will nun Jura studieren. Die HAZ hat ihn begleitet.

Wie spielt man Fußball als Blinder?

Zum Fußball ist er gekommen, weil seine Brüder auf dem Hof herumgekickt haben und er das auch wollte. Mit dem FC St. Pauli ist er vor zwei Jahren sogar Deutscher Meister geworden. Sie spielen vier gegen vier, sie tragen Masken zum Schutz des Gesichts, sie hören den Ball, in dem Metallkugeln rasseln, sie halten möglichst ständig Ballkontakt, wenn sie dran sind. Ein Coach ruft: „Rasmus, acht Meter bis zum Tor.“ Der Torwart darf gucken.

Mit der Musik war es ähnlich. Narjes saß mit den Eltern in einem Konzert, und das, was er da hörte, wollte er auch können. Also hat er es gelernt. Der Klavierlehrer hat vorgespielt, er hat nachgespielt. Rasmus Narjes braucht keine Menschen, die ihn am Arm fassen und über die Straße ziehen. Und schon gar kein Mitleid. Und er kann es nicht leiden, dass manche Leute, wenn er mit Sehenden unterwegs ist, die Begleiter ansprechen und nicht ihn. Er hört das. Er findet es unhöflich.

Narjes erreicht das Studentenwohnheim, in dem er von Oktober an wohnen wird. Dann studiert er Jura in Hamburg. „Gut“, sagt Wilcke. „Und jetzt gehst du zur juristischen Fakultät.“

In zehn Jahren, sagt Rasmus Narjes, würde er gern Jurist der Gemeinde Bispingen sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass er das dann auch ist, ist ziemlich hoch. Was Rasmus Narjes erreichen will, das erreicht er.

Von Bert Strebe

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