Giftgas-Munition rostet in der Ostsee – für alle frei zugänglich
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Der Norden Experte warnt: Giftgas-Munition rostet in der Ostsee – für alle frei zugänglich
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Giftgas-Munition rostet in der Ostsee – für alle frei zugänglich

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14:28 24.06.2020
In vielen Bereichen der Ostsee, wie in der Lübecker Bucht, wurde Kriegsmunition – Bomben, Granaten und Minen, auch mit Giftgas gefüllt – nach dem Zweiten Weltkrieg verklappt. Quelle: Forschungstauchzentrum CAU Kiel
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Rostock/Lübeck

1,6 Millionen Tonnen Munition aus beiden Weltkriegen liegen nach Schätzungen der norddeutschen Umweltminister in der Nord- und Ostsee. Bisher gingen die Behörden dabei von konventioneller Munition aus. Jetzt jedoch gibt es brisante Hinweise, dass auf dem Meeresgrund auch Giftgas-Munition lagert.

Meeresbiologe: „Giftgas liegt in der Lübecker Bucht

Das hat der Koblenzer Meeresbiologe Dr. Stefan Nehring, Experte für Rüstungsaltlasten im Meer, herausgefunden. Und: „Giftgas liegt auch in der Lübecker Bucht“, warnt Nehring.

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Dass dies kein Hirngespinst ist, machen zwei kurze Sätze in einem Dokument aus dem Jahr 1945 deutlich. „Sie stellen das bisherige Sicherheitskonzept unserer Behörden zum Umgang mit versenkter Munition direkt vor unseren Stränden erneut infrage“, erklärt Nehring auf Anfrage der OSTSEE-ZEITUNG.

Meeresbiologe Dr. Stefan Nehring, Experte für Rüstungsaltlasten im Meer, aus Koblenz Quelle: Privat

Kriegstagebuch: Briten verklappen Kampfstoffe

Demnach hatte kurz nach Kriegsende die in Lübeck stationierte britische Spezialeinheit „21. Regional Port Control Team“ der Royal Engineers mit Datum 29. Oktober 1945 in ihr Kriegstagebuch geschrieben: „Hauptmann L. J. Hoppe begleitete an Bord des Schleppers ‚Travemünde‘ eine mit feindlicher chemischer Kampfstoffmunition beladene Klappschute zur Versenkungsstelle in der Lübecker Bucht. Der Versenkungsversuch mit der Klappschute wurde erfolgreich durchgeführt“.

Dieser Aktenfund stammt aus dem Britischen Nationalarchiv. Ein Militärhistoriker habe ihn bereits im Februar 2019 bei einer Fachtagung zur Kampfmittelbeseitigung schleswig-holsteinischen Vertretern der Bund-Länder-Expertengruppe „Munition im Meer“ präsentiert, berichtet Nehring. Kurze Zeit später sei der Beleg auch im Internet veröffentlicht worden.

„Diese Sätze haben mich elektrisiert und ich habe mir die Akte in Großbritannien bestellt“, erzählt Nehring. Lange Zeit hätten deutsche Behörden immer wieder beteuert, es sei nach dem Zweiten Weltkrieg in deutschen Gewässern niemals Giftgas versenkt worden – nur weit entfernt auf hoher See.

Giftgasbomben nach dem Zweiten Weltkrieg auf der dänischen Insel Bornholm. Quelle: dana press photo

„Die britischen Notizen belegen jedoch, dass Ende 1945 etwa 100 Tonnen chemische Kampfstoffmunition in der Lübecker Bucht direkt vor den Stränden versenkt worden sind“, erklärt Nehring. Dort lagern sie bis heute in nur zehn Metern Wassertiefe und im freien Zugriff, etwa für Taucher. „Dazu gehören Senfgas, Phosgen und arsenhaltige Kampfstoffe“, betont er.

Peter Stein fordert Zusammenarbeit der Ostseeanrainer

„Die britischen Notizen belegen jedoch, dass Ende 1945 etwa 100 Tonnen chemische Kampfstoffmunition in der Lübecker Bucht direkt vor den Stränden versenkt worden sind“, erklärt Nehring. Dort lagern sie bis heute in nur zehn Metern Wassertiefe und im freien Zugriff, etwa für Taucher. „Dazu gehören Senfgas, Phosgen und arsenhaltige Kampfstoffe“, betont er.

„Diese Erkenntnisse von Dr. Nehring sind mir in dieser Klarheit neu“, erklärt Peter Stein, CDU-Bundestagsabgeordneter aus MV und Berichterstatter für Munitionsaltlasten bei der Ostseeparlamentarier-Konferenz. „Dass es in deutschen Gewässern niemals Giftgasversenkungen gegeben habe, diese Aussage habe ich nie für abschließend belastbar gehalten.“ Die regelmäßigen Funde von Phosphorklumpen zeigen dies eigentlich. Es müsse beachtet werden, dass Funde gerade in flacheren Gewässern durch Strömung und Brandung deutlich mobiler sind als in der Tiefe.

Stein würde sich eine weitere intensive Auswertung, etwa russischer (sowjetischer) und alliierter Dokumente, wünschen. Klar sei, „dass jetzt ab sofort zu handeln ist“. Das Problem der Kampfmittelbehandlung in der Ostsee müsse grundsätzlich internationalisiert werden. Er schlägt vor, einen Geberfonds der Ostseeanrainer in Höhe von 500 Millionen Euro aufzulegen.

Hunderte Zuschauer beobachten am 8. September 2006 die aufsteigende Wassersäule nach der Sprengung einer US-Bombe auf der Ostsee vor Sassnitz. Die etwa 500 Kilogramm schwere Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg war mit 260 Kilogramm Sprengstoff gefüllt. Quelle: Jens Köhler

Giftgas gefährdet Umwelt und Menschen

Lübeck sei nach dem Krieg einer der größten Verladehäfen für zu versenkende Munition gewesen, weiß Nehring. Ende 1945 seien vom Stadtteil Schlutup aus mehrmals pro Wochen Klappschuten und Dampfbagger zur in der Lübecker Bucht ausgewiesenen Versenkungsstelle vor Haffkrug gefahren.

„Von den Behörden gab es seit Februar letzten Jahres keine Reaktion zur Giftgas-Verklappung“, sagt Nehring. Ihm habe die Sache keine Ruhe gelassen: „So dicht vor der Küste in flachem Wasser bergen diese Giftgasmengen große Gefahren für Umwelt und Menschen“, betont er. Jetzt hat Nehring seine umfangreichen Recherchen im Umweltschutz-Fachblatt „Waterkant – Umwelt + Mensch + Arbeit in der Nordseeregion“ veröffentlicht.

Nehring: Behörden müssen dringend und sofort handeln

Er fordert die Behörden in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein zum Handeln auf – „dringend und sofort“. So müsse ein mehrstufiges Sicherungs- und Sanierungskonzept für die Lübecker Bucht aufgestellt werden. Zudem verlangt Nehring die sofortige Ausweisung von Sperrgebieten, um jeglichen Zugriff auf die rund 100 Tonnen chemische Kampfstoffe und andere gefährliche Munition zu verhindern. „Strandbesucher, Wassersportler, Schifffahrt und Fischerei sind besonders zu warnen.“ Schnellstmöglich müssten die munitionsbelasteten Gebiete in der Lübecker Bucht identifiziert und beräumt werden. „Die Gefahren durch Senfgas und Co. lassen kein Zögern mehr zu.“

Von Bernhard Schmidtbauer

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