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Grenzerkreis Abbenrode: Ex-Grenzer aus Ost und West treffen sich, um gemeinsame Geschichte aufzuarbeiten

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21:35 08.10.2019
Der ehemaligen Bundesgrenzschützer Lothar Engler (l-r), der ehemalige Zöllner Rudolf Becker, der ehemalige Bundesgrenzschützer Wolfgang Roehl und der ehemalige Soldat der Grenztruppe Knut Ludwig stehen an dem Rest eines Zauns der Grenzanlagen der DDR. Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Abbenrode

Bis die deutsch-deutsche Grenze vor 30 Jahren geöffnet wurde, waren sie jahrzehntelang ein Teil von ihr. Jeder stand auf seiner Seite, in Uniform und mit Waffe. Sie belauerten und belauschten die jeweils andere Seite, den Feind. Zehntausende Grenzer gab es in Ost und West. Aber nur eine kleine Gruppe will sich über die Vergangenheit austauschen: In Abbenrode im nördlichen Vorharz kommen regelmäßig etwa 15 Männer aus Ost und West zusammen, die einst an der Grenze ihren Dienst taten.

Fünf waren beim Bundesgrenzschutz (BGS), fünf beim Zoll und fünf bei den DDR-Grenztruppen. „Machen wir erst mal eine Kaffeerunde“, schlägt Lothar Engler vor. Auf der Wachstuchtischdecke steht ein großer Teller Blechkuchen. Der grauhaarige 64-Jährige trägt an seinem blaukarierten Hemd den Button „Grenzerkreis Abbenrode“, der bundesweit wohl einzigen Runde von Grenzern aus Ost und West, die sich regelmäßig trifft.

Die Geschichte des Grenzerkreises Abbenrode beginnt vor etwa sechs Jahren. Der ehemalige BGSler Wolfgang Roehl sucht für seine Homepage über die deutsch-deutsche Grenze Bildmaterial. Es kommt zu einem ersten Treffen. Abbenrode mit seinem Heimatmuseum wählten die Männer als neutralen Ort, „wie zwischen Nord- und Südkorea“. Jeder brachte Bilder mit. „Für uns war wichtig zu wissen, wie tickt der andere“, erzählt Roehl.

Geschichte aufarbeiten

Die Männer wollen die gemeinsame Geschichte aufarbeiten. Ihnen ist klar, von beiden Seiten wird sie unterschiedlich bewertet. Die Wörter „ihr“ und „wir“ – werden oft gebraucht im Grenzerkreis Abbenrode. Wie ungewöhnlich die späte Annäherung ist, zeigt der Blick zurück. Schon das Grüßen war in zeiten der Teilung ein Politikum. „Wir haben gegrüßt, aber es kam nichts zurück“, sagt Ex-Bundesgrenzschutzmann Wolfgang Roehl. Der Ex-Ost-Grenzer Knut Ludwig entgegnet: „Uns war es untersagt. Man wusste ja nicht, was der Kollege tut.“ Das hätte Konsequenzen haben können, also wurde der Gruß ignoriert.

Ludwig, ehemaliger Ost-Grenzer, Oberoffizier der Grenzaufklärer, gehört zu den jüngsten in der Runde. Acht Jahre hat er aktiv Dienst getan an der Grenze, wie er sagt. Grenzdurchbrüche, Republikflüchtige, Fahnenflüchtige aufzuspüren sei seine Aufgabe gewesen. Das sei das Gesetz gewesen. „Es gibt ja nichts zu schämen, dass ich meine Arbeit gemacht habe.“ Er sei aber froh, vor manchen Fragen nicht gestanden zu haben.

Ludwig sagt etwa, er habe am Rand mitbekommen, wie ein fahnenflüchtiger Angehöriger der sowjetischen Streitkräfte die Waffe erhoben habe. „Unser Grenzer war da ganz einfach schneller.“ Das sei bitter und schade um jeden Menschen, der zu Tode gekommen sei. Die Frage nach dem „Was hätte ich getan?“ beschäftige die Männer immer wieder, sagen sie.

Neugierige wurden gestoppt

Und auch anderes Grundsätzliches kommt zur Sprache. An die Männer aus dem Westen gerichtet sagt der ehemalige DDR-Grenzaufklärer Ludwig: „Für uns war es eine Grenze, für euch nicht.“

Die West-Grenzer mussten vor allem Neugierige aufhalten, die Ost-Grenzer Flüchtlinge stoppen. Verboten sei das Betreten der DDR von der Seite der Bundesrepublik aus nicht gewesen. Wer dann aber auf der Ost-Seite aufgegabelt wurde von den Grenztruppen, wurde laut Ludwig befragt und über die offizielle Grenzübergangsstelle Marienborn zurückgebracht.

Blindes Vertrauen gibt es im Grenzerkreis aber nicht. „Da wird schon noch verharmlost“, sagt Mitbegründer Engler später in einer ruhigen Minute. „Eigentlich weiß man, was die Grenztruppen erzählen, das wissen wir einzuschätzen.“ Roehl, der Mann vom Bundesgrenzschutz, sagt heute noch, die Grenztruppen seien für ihn die Gefängniswärter gewesen, die darauf geachtet haben, dass die Inhaftierten nicht flüchten. „Die Einstellung hat sich nicht verändert.“ Es sei nur viel neues Wissen hinzugekommen. Ex-Kollegen vom Bundesgrenzschutz sähen die Ost-West-Treffen mitunter auch sehr kritisch, berichtet Roehl.

327 starben an der Grenze

Laut einer Untersuchung unter der Leitung des Politikwissenschaftlers Klaus Schroeder kamen an der innerdeutschen Grenze 327 Menschen ums Leben – nicht mit eingerechnet sind unter anderem Tote an der Berliner Mauer sowie Menschen, die auf der Flucht in der Ostsee ertrunken sind. 238 der 327 Todesopfer seien durch Schüsse, Minen oder Unfälle ums Leben gekommen.

In den Zahlen sind aber auch 44 Suizide von Grenzsoldaten enthalten. Zudem seien 24 Grenzsoldaten und -polizisten, aus unterschiedlichen Gründen im Dienst erschossen worden. Weil die Suizide mitgezählt wurden, hatte es Kritik an der Studie gegeben. Teile der Untersuchung sollen neu bewertet werden.

Der Gesprächsbedarf wächst

Die Aufarbeitungsbeauftragte Birgit Neumann-Becker stellt 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution wachsenden Gesprächsbedarf über die Grenze fest. Bei Veranstaltungen meldeten sich zunehmend Menschen zu Wort, die etwa zum Grenzdienst gezogen worden seien und berichteten, wie schwer es ihnen gefallen sei und wie viel Angst sie hatten. Aber auch Männer, die sagten, es sei schlicht ihr Job gewesen. Und es gingen auch mehr Menschen mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit. „Es geht auch darum, Erinnerung zu kontrollieren, und die Frage: Erinnere ich mich richtig?“, sagt Neumann-Becker.

Der Grenzerkreis ist weit mehr als ein Treffen alter Männer, die über ihre Vergangenheit nachdenken. Sie wollen etwas an die nachfolgenden Generationen weitergeben. Im Heimatmuseum haben sie eine Ausstellung zur Geschichte der Grenze eingerichtet. Für Schulen stehen sie als Gesprächspartner zur Verfügung. „Wir sehen ja, dass wir die letzten Zeitzeugen sind“, sagt Engler.

Wunsch nach Erinnerungspunkten

Es gibt ein Grenzprojekt mit dem Fallstein-Gymnasium Osterwieck, das den ehemaligen Grenzern besonders wichtig ist. Entlang einer Landstraße sind hier 60 Meter Grenzsperranlage erhalten und „tiptop gepflegt“, wie Engler sagt. „Der Schrecken muss doch an manchen Ecken noch zu sehen sein“, betont Roehl. Zugewachsen sei alles gewesen bis vor einigen Jahren, vom drei Meter hohen Zaun, den Betonplatten, die als Kfz-Sperre dienten, war fast nichts mehr zu sehen. Nun weisen Infotafeln auf das letzte Hindernis für Flüchtende hin. Die Gruppe wünscht sich weitere solcher Erinnerungspunkte. Zuletzt haben die Männer zwei Kreuze für Minentote erneuert.

Von RND/dpa

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