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Der Norden Größtes Rollenspiel der Welt: Hier prügeln sich Tausende zum Spaß
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Größtes Rollenspiel der Welt:Conquest of Mythodea auf Rittergut Brokeloh

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20:11 01.08.2019
Unblutiger Ernst im Spiel: Conquest of Mythodea 2019. Quelle: Marco Winter
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Brokeloh

Es hat ihn erwischt. Der Ritter hat einen heftigen Lanzenstoß abbekommen, Kettenhemd und Rüstung haben ihn nicht davor bewahrt, er liegt auf der Erde und bewegt sich nicht mehr, während ringsherum gebrüllt und geschlagen und gestoßen und gestochen wird. Einer der Gegner des Ritters, schwarzrot gewandet, kommt heran und fragt: „Seid Ihr am Leben?“ Der Ritter nickt mühsam. Der Schwarzrote zieht ihn hoch und führt ihn ab. Ein Gefangener.

Es fließt kein Blut

Aber man muss sich um den Mann keine Sorgen machen. Es ist auch kein Blut geflossen. Die Lanze, die den Ritter getroffen hat, sieht zwar scharf und spitz aus und glänzt gefährlich in der Sonne. Aber sie besteht aus einem Glasfaserstab, ummantelt mit Schaumstoff, der wiederum mit Latex und einer Art Lack überzogen ist.

Hier fließt kein Blut. Wir sind auf dem Rittergut Brokeloh in der Nähe von Landesbergen im Kreis Nienburg, wo sich 9500 Menschen versammelt haben, um in eine verwunschene mittelalterliche Welt einzutauchen: dem Conquest of Mythodea.

Es ist ein Spiel, genauer: ein Rollenspiel, neudeutsch Live Action Role Play, kurz „Larp“. Die Spieler haben keine Spielfiguren, sie sind die Spielfiguren. Sie spielen nicht nur Ritter, Monster und fahrende Händler, Taschendiebe und Gaukler und Magier – sie sind das quasi auch, für vier Tage: Sie gehen völlig in ihrer Rolle auf. Armbanduhren und Handys sind verpönt, man lebt im Zelt und brät Fleisch überm Feuer und trinkt Met. Und kämpft.

Fiktiver Kontinent

Die Ausgangslage: Mythodea ist ein fiktiver Kontinent, auf dem Siedler Fuß zu fassen versuchen, das sind die Guten. Aber gibt auch die „Verfemten“, beispielsweise das Volk vom „Untoten Fleisch“, quasi Zombies, aber lebendiger. Und beide Seiten treffen einmal im Jahr in Brokeloh auf einem 16-Hektar-Gelände aufeinander. Die Spieler kommen aus allen Teilen Deutschland, aber auch aus verschiedenen Ländern Europas und sogar aus den USA und aus Taiwan. Der Conquest of Mythodea ist die weltgrößte Veranstaltung dieser Art.

Am Donnerstag das Leben verloren

Wenn man Louise Kamps in ihr rechtes Auge schaut, gruselt‘s einen. Kalte weiße Iris, und die ganze rechte Hälfte des Gesichts sieht schon halb verwest aus. Louise Kamps ist Grafikerin aus Osterscheps bei Edewecht im Ammerland, aber hier ist sie Yhvaine, eine Episcorpa. Das ist die oberste Priesterin der Verfemten vom Untoten Fleisch. Früher hat Louise Kamps Theater gespielt.

Larp gefällt ihr besser: „Mehr Freiheit, mehr Kreativität“, sagt sie. Ihr Kostüm hat sie selbst entworfen und weitgehend selbst gefertigt, mit Spitze und Brokat und Metall. Und als alles fertig war, hat sie den Stoff mit Drahtbürste und Messern und einem Hammer so bearbeitet, dass er alt und zerfallen aussieht. Der Spaß hat um die 800 Euro gekostet – es gibt Larper, die noch deutlich mehr ausgeben. Eine Episcorpa hat mehrere Leben, am Donnerstag hat Louise Kamps in einer Schlacht eines davon verloren. „Voll schön“, sagt sie.

Bei Nienburg wird das Mittelalter lebendig: Der fiktive Kontinent Mythodea befindet sich in Wirklichkeit auf dem Rittergut Brokeloh.

Es gibt Chirurgen mit (kunst-)blutigen Gesichtern hier, IT-Spezialisten mit blaugeschminkten Wangen. Alex Simm ist Gymnasiallehrer vom Bodensee, hat rote Kontaktlinsen in den Augen und goldfarbene Totenköpfe auf den Schultern. Eigentlich war er mal einer von den Guten, aber dann hat man ihn verraten, und jetzt kämpft er bei den Bösen.

54 Autoren entwickeln die Geschichten

Es gibt keine festen Vorgaben in diesem Spiel, nichts ist zementiert. Zwar entwickeln insgesamt 54 Autoren die Geschichten um Mythodea, erfinden Geheimnisse und Gefahren. Aber, sagt Stefan Koran, einer der Schreiber: „Das ist bloß ein grober Plan.“ Denn die Spieler können im Prinzip machen, was sie wollen. Und so ist zwar vorgesehen, dass die Episcorpa am 4. August besiegt ist. Aber ob das so kommt, weiß niemand. „Wir schauen, wo wir landen“, sagt Koran. Sicher ist nur: Im nächsten Jahr geht es da weiter, wo man in diesem Jahr aufhört.

Live Action Role Play wurde in den Neunzigern erfunden, zeitgleich in verschiedenen Teilen Europas, wie Philipp Heidtkamp, Chef der Firma Live Adventure aus Regensburg, erzählt. Das Unternehmen organisiert den Conquest seit 2004. „Im Grunde geht es nur darum, Spaß zu haben“, sagt Organisationchefin Eva Brinckmann. Man ist draußen, man grillt, man trifft Freunde. Warum das Kriegerische? Beim Larp, sagt Brinckmann, könne man Dinge ausleben, die man im echten Leben nicht ausleben dürfe. Und zwar ohne die Gefahr, dass jemand ernsthaft verletzt werde.

Auf dem Schlachtfeld wird wieder gebrüllt. Die Verfemten setzen den Siedlern schwer zu. Eine Frau rennt vor zwei Kriegern davon. Sie wirkt irgendwie gar nicht wie eine Verfolgte. Sie strahlt.

Mittelaltermarkt fürs Publikum

Der Conquest of Mythodea ist zwar ein riesiges Festival – aber eines ohne Publikum: Zuschauer sind auf dem Platz nicht zugelassen, nur Mitspieler. Doch direkt nebenan gibt es einen Markt, bei dem auch Normalsterbliche einen Eindruck vom Mittelalter bekommen können: das Fantastica Festival. Es ist noch am Freitag von 12 bis 23 Uhr und am Sonnabend von 10 bis 23 Uhr geöffnet, mit viel Kinderprogramm und Verkaufsständen und Feuershow. Und es gibt eine Aussichtsplattform, von der man dann doch den einen oder anderen Blick auf Mythodea erhaschen kann. Der Eintritt kostet 5 Euro, ermäßigt und für Leute, die mittelalterlich gewandet kommen, nur 3 Euro.

Von Bert Strebe

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