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Der Norden Kirchen verlieren die Hälfte ihrer Mitglieder
Nachrichten Der Norden Kirchen verlieren die Hälfte ihrer Mitglieder
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00:16 05.05.2019
Grassierender Mitgliederschwund: Bis 2060 werden immer mehr Bänke in Kirchen – hier die Marktkirche in Hannover – leer bleiben. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Die großen Kirchen in Deutschland stehen vor dramatischen Veränderungen. Nach einer neuen Studie verlieren sie bis zum Jahr 2060 rund die Hälfte ihrer Mitglieder. Außerdem müssen sie sich auf einen massiven Einbruch bei der Kirchensteuer einstellen. Nach einer Projektion, die das Forschungszentrum Generationenverträge der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Auftrag von katholischer und evangelischer Kirche in Deutschland erstellt hat, sinkt die Zahl der Katholiken bis 2060 von derzeit 23,3 auf rund 12,2 Millionen. Die Protestanten müssen mit einem Rückgang von 21,5 auf 10,5 Millionen rechnen.

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Allein im Bistum Hildesheim, das den Osten Niedersachsens umfasst, geht die Zahl der Katholiken demnach in diesem Zeitraum von rund 600 000 auf 319 000 zurück. Und in der evangelischen Landeskirche Hannovers sinkt die Zahl der Mitglieder von 2,6 auf 1,2 Millionen. Landesbischof Ralf Meister warnte dennoch vor Panikmache. „Die Kirche bleibt ein wichtiger zivilgesellschaftlicher Akteur“, sagt er. Für den sozialen Zusammenhalt sei die Kirche ebenso wichtig wie für die Erinnerungskultur und als „Werteagentur“, sagt er: „Diese Aufgabe wird eher noch wachsen.“

Finanzkraft wird einbrechen

Für den Mitgliederschwund sind nach der Studie zwei Faktoren verantwortlich. Da ist zum einen der demografische Wandel – es gibt mehr Todesfälle als Geburten. Bundesweit wirkt sich jedoch noch stärker aus, dass immer weniger Kinder getauft werden und dass die Zahl der Austritte hoch ist: Bis zum 31. Lebensjahr treten 30 Prozent der evangelischen Männer und 22 Prozent der Frauen aus der Kirche aus.

Eine Folge des Mitgliederschwunds: Die Kirchensteuereinnahmen, die derzeit noch kräftig sprudeln, werden rapide zurückgehen. Hannovers Landeskirche hat derzeit 1,1 Millionen Mitglieder, die Kirchensteuern zahlen. Im Jahr 2060 werden es nur noch 0,5 Millionen sein. „Unsere Finanzkraft wird um mehr als 50 Prozent einbrechen“, sagt Rolf Krämer, Vizepräsident im Landeskirchenamt.

Noch sind viele Kirchenmitglieder erwerbstätig – doch wenn die Generation der Babyboomer in Rente geht, bricht das Steueraufkommen ein. „Es wird einen Kipp-Punkt geben“, sagt Stephanie Springer, Präsidentin des Landeskirchenamts in Hannover. Daher sei es wichtig, Abläufe in der Kirchenverwaltung zu straffen: „Ich weiß nicht, ob wir 2060 noch Kirchenbeamten und ein eigenes kirchliches Arbeitsrecht haben werden“, sagt Springer.

Kirchen kooperieren

Angesichts des Mitgliederschwundes will Landesbischof Meister zudem die Kooperation mit den anderen evangelischen Landeskirchen Niedersachsens ausbauen. „Wir sind auf einem guten Weg, auf eine Einheit zuzulaufen.“ Mit dem Schrumpfen der Kirchen würden auch deren Privilegien infrage gestellt werden, prophezeit Meister: „Wir werden in den kommenden Jahrzehnten in vielen Punkten um die Rechtsstellung der Kirchen kämpfen müssen.“

Aus Sicht der Kirchen gibt es allerdings auch Lichtblicke: Bundesweit lassen immerhin noch 77 Prozent der Mütter, die selbst Mitglied einer Kirche sind, ihre Kinder taufen. In der Landeskirche Hannovers liegt die Quote sogar bei 89 Prozent. Möglicherweise liege dies daran, dass es hier in den vergangenen Jahren immer häufiger sogenannte Tauffeste gab, sagt Krämer. In einzelnen Gemeinden ist die Mitgliederentwicklung durchaus positiv. Auch Gottesdienste bei Einschulungen würden immer beliebter, sagt Meister. Die Kirche müsse auch neue Wege gehen, um Menschen zu erreichen. „Nicht die Finanzlage formuliert den Auftrag der Kirchen“, sagt der Landesbischof, „den formuliert Christus selbst.“

„Auf Veränderungen einstellen“

Kirchenvertreter haben angesichts der neuen Prognose zur Mitgliederentwicklung betont, dass sie sich frühzeitig auf Veränderungen einstellen wollen. „Manches am Rückgang von Kirchenmitgliedern werden wir nicht ändern können. Anderes aber schon“, sagt Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die Ausstrahlungskraft der Kirche hänge allerdings nicht von Mitgliedszahlen ab. „Wir geraten angesichts der Projektion nicht in Panik, sondern werden unsere Arbeit entsprechen ausrichten“, sagt Kardinal Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz.

Von Simon Benne