Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Der Norden Mit dem Lkw zur Schule: Wie Fahrlehrer Jörg Steckelberg Gefahren im Verkehr greifbar macht
Nachrichten Der Norden

Hannover: Lkw-Fahrlehrer Steckelberg macht Gefahren im Verkehr für Grundschüler greifbar

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:26 23.11.2020
„Wer neben dem Laster steht, ist nicht immer gut zu sehen“: Fahrlehrer Jörg Steckelberg lässt den Drittklässler Fionn ins Fahrerhaus steigen. Quelle: Tim Schaarschmidt
Anzeige
Barsinghausen

Wie ein riesiges Kreuzfahrtschiff zwischen lauter kleinen Hafengebäuden – so gewaltig wirkt der Lastwagen auf dem Parkplatz vor der Grundschule im Barsinghäuser Ortsteil Groß Munzel, wenn die Kinder der Klasse 3a ihn neugierig umschwärmen. Der achtjährige Fionn braucht ein bisschen, bis er die Stufen zum Fahrerhaus des Achtzehntonners erklommen hat. Wie von einem Aussichtsturm blickt er auf den Schulhof hinunter, das Armaturenbrett erinnert entfernt an ein Flugzeugcockpit.

Auf Achse im Dienste der Prävention: Fahrlehrer Jörg Stöckelberg zeigt Kindern, wie sie sich im Verkehr vorsichtig verhalten. Quelle: Tim Schaarschmidt

Anzeige

„Man kann nicht direkt hinter den Lkw gucken – und wer neben dem Laster steht, ist auch nicht immer gut zu sehen“, ruft Fionn herunter, während er prüfend in alle Rückspiegel schaut. Sein Schulfreund Matthes erklärt, wieso das so ist: „Wenn jemand so steht, dass man ihn nicht sehen kann, ist er im toten Winkel“, sagt er.

Laster sind blinde Riesen

Mammutlaster sind oft blinde Riesen. Besonders beim Abbiegen an Ampeln bleibt ein toter Winkel, allen Spiegeln zum Trotz. Immer wieder kommt es zu tödlichen Unfällen, weil Fahrer Kinder neben ihrem Laster schlicht nicht sehen können. Zwar gibt es mittlerweile moderne Sicherheitssysteme; Kameras beispielsweise, die den Fahrern ein Livebild von der rückwärtigen Umgebung auf den Monitor senden. Doch längst nicht alle Fahrzeuge sind damit ausgerüstet. „Gerade beim Rechtsabbiegen ist die Unfallgefahr groß“, sagt Jörg Steckelberg.

Klassenzimmer auf Rädern: Schulleiterin Elke Jasper mit den Drittklässlern Fionn und Matthes vor dem Laster von Jörg Steckelberg (v.l.). Quelle: Tim Schaarschmidt

Der Fahrlehrer arbeitet daran, dass sich das ändert. In dritter Generation betreibt der 49-Jährige eine Fahrschule mit drei Filialen in der Region Hannover, sein Großvater gründete den Familienbetrieb 1934 – und er selbst steuert seit 2017 mit seinen Lastwagen regelmäßig Schulhöfe an. In der Grundschule Groß Munzel in Barsinghausen, die auch Fionn und Matthes besuchen, ist er längst Stammgast. Einzeln dürfen die Kinder bei ihm ins Fahrerhaus klettern und sich selbst im wahrsten Sinne des Wortes einen Überblick verschaffen.

Im Spiegel sieht der Fahrer nicht alles: Fahrlehrer Steckelberg mit den Drittklässlern Fionn und Matthes. Quelle: Tim Schaarschmidt

„Es ist schon ein Unterschied, ob ein Kind vom toten Winkel nur im Unterricht hört, oder ob es die Erfahrung einmal selbst vom Lkw aus gemacht hat“, sagt Schulleiterin Elke Jasper. „Wenn die Jungen und Mädchen einmal selbst auf dem Bock gesessen haben, vergessen sie das nicht so schnell.“ Es ist buchstäblich ein Perspektivwechsel, bei dem die Kinder den Platz des Fahrers einnehmen. „Der tote Winkel kann so groß sein, dass ganze Schulklassen darin verschwinden“, sagt die Schulleiterin. „Das zu sehen, ist immer wieder beeindruckend.“

Die Idee entstand im Lkw

In Deutschland ist die Zahl der Verkehrstoten zwar gesunken, von mehr als 19.000 im Jahr 1970 auf 3046 im Jahr 2018. Doch noch immer sind Verkehrsunfälle bei Kindern zwischen fünf und 14 Jahren weltweit die häufigste Todesursache. Politiker arbeiten daran, die Sicherheit zu verbessern, die EU hat als Ziel ausgerufen, die Zahl der Verkehrstoten bis 2050 auf nahezu null zu bringen. „Bis dahin haben wir aber noch viel Arbeit vor uns“, sagt Fahrlehrer Steckelberg.

Ein großes Gefährt: Matthes (l.) und Fionn auf dem Achtzehntonner von Fahrschule Steckelberg. Quelle: Tim Schaarschmidt

Auf dem Schulhof zeigt er den Kindern Fotos, auf denen Fußgänger von Verkehrsschildern verdeckt sind. „Das sind Sichtfallen“, erklärt er, „Lkw-Fahrer können die Passanten dann nicht sehen.“ Manchmal verschenkt er an die Jungen und Mädchen auch Lineale mit Verkehrsschildern. Seine Besuche mit dem Lastwagen sind ein Stück lebendige Verkehrserziehung – und unter Umständen können sie Leben retten.

„Wir hoffen, dass möglichst viele Schulen solche Präventionsprojekte machen“: Elke Jasper, Leiterin der Grundschule Groß Munzel. Quelle: Tim Schaarschmidt

Die Idee zum rollenden Klassenzimmer wurde im Lastwagen geboren. „Der Sohn einer Schulsekretärin war bei uns in der Ausbildung, wir sprachen darüber – und dann beschlossen wir, angehende Berufskraftfahrer und Schulkinder doch einfach zusammenzubringen“, sagt Steckelberg. Schließlich ist der tote Winkel in Grund- und Fahrschulen gleichermaßen ein Thema.

„Lkw macht mehr Spaß als Mathe“

Nicht nur die Kinder lernen dabei, dass sie im Zweifel besser vorsichtig sein müssen. Denn Steckelberg nimmt auch die angehenden Kraftfahrer mit in die Schulen. „Der Kontakt zwischen Fahrern und Kindern ist wichtig“, sagt er. „Die Fahrer sollen Gesichter vor Augen haben – Gesichter von Kindern, die neben ihnen an der Ampel stehen könnten.“

Verkehrserziehung aus Fahrersicht: Jörg Steckelberg zeigt Schülern mit Fotos, wie eingeschränkt die Sicht von Lkw-Fahrern sein kann. Quelle: Tim Schaarschmidt

André Thiele ist einer dieser künftigen Trucker. „Man wird sensibler dadurch“, sagt der 29-Jährige, der eine Umschulung zum Berufskraftfahrer macht. „Wenn man weiß, wie Kinder eine Situation wahrnehmen, kann man sich auch als Fahrer darauf einstellen.“

Auf dem Schulhof von Groß Munzel haben die Jungen und Mädchen ihre Lektion gelernt: „Ich dachte eigentlich, ein Lkw wäre wie jedes andere Auto auch“, sagt Fionn, „aber jetzt weiß ich, dass ich lieber Abstand halte und besonders vorsichtig bin.“

Kinderbilder als Dankeschön: Grundschüler aus Groß Munzel haben solche Bilder für Fahrlehrer Steckelberg gemalt. Quelle: Tim Schaarschmidt

Nach der Unterrichtsstunde am Lenkrad sind eigentlich alle zufrieden. Schulleiterin Jasper ist zufrieden, weil die Kinder etwas fürs Leben gelernt haben: „Wir hoffen, dass möglichst viele Schulen solche Präventionsprojekte machen“, sagt sie. Fahrlehrer Steckelberg ist zufrieden, wenn er auf die Bilder von Lastern im Straßenverkehr schaut, die die Grundschüler für ihn gemalt haben: „Dieses Feedback ist unser Lohn“, sagt er. Und Fionn und seine Freunde sind von allen vielleicht am zufriedensten. Mit breitem Lächeln verrät er, warum: „Im Lkw zu sitzen macht eben mehr Spaß als Mathe.“

Fünf bemerkenswerte Geschichten

Deutsche sind ordentlich. Sie bauen tolle Autos. Und sie können prima nörgeln. Heißt es ja vielfach. Aber unter all den Unzufriedenen gibt es auch eine Reihe von Bürgern, die nicht nur meckern, sondern auch anpacken, weil sie etwas verändern wollen. Diesen Menschen wollen wir in dieser Woche eine Bühne geben.

Gemeinsam mit den „Kieler Nachrichten“, dem „Hamburger Abendblatt“ und NDR Info hatten wir unsere Leser gebeten, uns von solchen Geschichten zu erzählen. Die Resonanz war beeindruckend – wie auch die Bandbreite der Geschichten, die uns erreicht haben.

Da ist die Abiturientin aus Hannover, die bei ihrem Freiwilligendienst an einer Schule in Ghana hautnah erfährt, dass Bildung in manchen Ländern ein Luxus ist – und nach ihrer Rückkehr ein Spendenprojekt für einen Schulneubau in dem afrikanischen Land in die Wege leitet. Oder der Dorfverein aus Seelze, der eine baufällige Kapelle übernimmt, renoviert und dann in Eigenregie betreibt. Oder...

Jede Geschichte hätte es verdient, einem größeren Publikum erzählt zu werden. Für fünf hat sich die Jury nun entschieden, die wir täglich bis zum Freitag vorstellen wollen. NDR Info sendet die Geschichten morgens um 7.48 Uhr und eine Wiederholung im Laufe des Vormittags.

 

Von Simon Benne