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Der Norden „Es ist schade, dass das Fach Heimatkunde verschwunden ist“
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Heimatbund: Es ist schade, dass das Fach Heimatkunde verschwunden ist

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09:00 20.05.2019
Streitet für den Heimatbund: Professor Hansjörg Küster Quelle: privat
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Herr Professor Küster, der Begriff „Heimat“ hat im Augenblick eine erstaunliche Konjunktur. Profitiert auch Ihr Heimatbund, der am Wochenende den 100. Niedersachsentag in Hildesheim gefeiert hat, davon?

Durchaus, wir erfahren eine neue Wertschätzung und haben einen erfreulichen Austausch mit der Politik, die unsere Anregungen aufgreift und diskutiert. Viele Menschen denken darüber nach, was sie mit der Region verbindet, in der sie leben, und der, aus der sie kamen. Da hängen viele Emotionen dran.

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Hat sich der Heimatbegriff verändert in der letzten Zeit?

Ja, einfach schon dadurch, dass heute wesentlich mehr Menschen in Niedersachsen leben, die hier nicht geboren sind. Noch vor 200 Jahren haben viele Menschen das Dorf, in dem sie geboren wurden, nie oder nur selten verlassen. Heute ist das völlig anders, die Menschen kommen aus ganz verschiedenen Gegenden. Das erweitert natürlich auch den Heimatbegriff.

Früher gab es sogar das Fach Heimatkunde in den Schulen, in dem man den Unterschied zwischen Marschenland und der Geest lernte.

Ja, und auch lernte, was eine Börde ist, wo es besonders fruchtbare Böden gibt. Aber man lernte auch, wann Niedersachsen entstanden ist, was wir den Engländern nach dem Zweiten Weltkrieg verdanken und anderes mehr. Es ist schade, dass diese Inhalte, die früher im Fach Heimatkunde ihren Raum fanden, verschwunden sind. Im Grunde müsste man die Heimatkunde neu erfinden. Ob man das Fach wieder Heimatkunde nennt, ist eine zweite Frage.

Sie listen Jahr für Jahr in einer Roten Mappe kritisch auf, was in Sachen Heimatpflege verbessert werden könnte. Diesmal spielt der Erhalt der Alleen eine große Rolle ...

Das große Problem ist, dass es immer wieder Unfälle an Alleen gibt, und Politik und Wirtschaft fordern, die Alleen müssten weg. Dabei sind die Alleen ein ganz kennzeichnendes Merkmal für die Schönheit der niedersächsischen Landschaft. Man hat sie im 18. Jahrhundert geschaffen, um eine gewisse Ordnung zu schaffen. Wenn Sie beispielsweise im Hildesheimer Bergland auf die Börde blicken, können Sie das noch heute sehen, wie die Alleen die Landschaft gliedern. Wenn die Alleen nicht wären, würden Sie nur über Lößböden blicken, nur auf Zuckerrüben, Mais und Raps.

Ist die Forderung nach dem Erhalt der Alleen nur eine ästhetische Angelegenheit?

Nein, keineswegs. Sie können auch ökologisch argumentieren. Die Alleen sind ein wichtiger Biotopverbund zu den Wäldern, sie sind überaus wichtig für Vögel und Insekten, für das Kleinklima. Es gibt sehr viele Argumente für den Erhalt der Alleen.

Sie sorgen sich auch um den Erhalt von Gräbern und Ehrenmalen für die Opfer der NS-Herrschaft.

Ja, das ist ein ganz schlimmes Thema, weil viele Grabmale mehr als 70 Jahre alt sind und verwittern. Da wächst Moos in die Schriftzüge, oder es verwittern Steine. Da muss sich die Gesellschaft drum kümmern, am besten Gruppen oder Vereine. Auch um die Grabmale von Sinti und Roma hat man sich bisher nicht gekümmert, was ich höchst beschämend finde.

Gibt es Themen, bei denen überhaupt nichts geschieht?

Ja, so taucht der Erhalt des Bahnhofs Nordstemmen seit der Zeit, seitdem ich Präsident bin, immer wieder in den Roten Mappen auf, also seit 15 Jahren. Dabei ist der Bahnhof in Nordstemmen ein wirklich bedeutendes Baudenkmal, das der Architekt Conrad Wilhelm Hase geschaffen hat, von dem neben vielen anderen Bauwerken auch das hannoversche Künstlerhaus stammt. Der Bahnhof ist in einer Art Ensembleschutz mit der Marienburg zu sehen, weil er der Empfangsbahnhof der Marienburg war.

Apropos Marienburg, da gibt es eine noch laufende Diskussion zwischen dem Welfenhaus und dem Land, wer für den Erhalt der Burg aufkommt. Haben Sie da einen Vorschlag?

In die politische Diskussion wollen wir uns nicht einmischen, da müssen die Welfen zunächst einiges klären. Aber theoretisch wäre es doch schön, wenn es auch in Niedersachsen so eine Stiftung geben würde, die sich um den Erhalt der (wenigen) Schlösser und Gärten kümmert, wie in Bayern. Aber (lacht), das ist nur ins Blaue gedacht.

Zur Person

Hansjörg Küster wurde 1956 geboren und ist seit 1998 Professor für Pflanzenökologie am Institut für Geobotanik an der Leibniz Universität Hannover. Er steht seit 15 Jahren als Präsident an der Spitze des Heimatbundes Niedersachsen, dem mehrere Hundert Bürgervereine, Naturkundevereine und Geschichtskundevereine angehören, die über das gesamte Land verstreut sind. Auch Kommunen und Landkreise gehören zum Heimatbund, der sich um die Themen Natur- und Umweltschutz sowie Denkmal- und Kulturpflege kümmert.

Heimatbund warnt vor Zerstörung durch Bauprojekte

Das Konzept ist bundesweit einmalig: Jedes Jahr beim Niedersachsentag übergibt der Niedersächsische Heimatbund eine sogenannte Rote Mappe an die Landesregierung. Das Dokument bündelt Lob und Kritik an der Kultur- und Heimatpflege des vergangenen Jahres. Der Ministerpräsident wiederum antwortet mit einer sogenannten Weißen Mappe – der Austausch der Mappen ist ein wichtiger Bestandteil der Kommunikation zwischen Heimatpflege und Politik.

Am Wochenende fand in Hildesheim der 100. Niedersachsentag statt. Das Jubiläumstreffen stand im Jahr der Europawahl unter der Überschrift „Heimat ist Vielfalt“. Der Heimatbund hat sich in diesem Jahr besonders besorgt über eine Bedrohung von Natur- und Kulturdenkmälern durch Bauprojekte gezeigt. Zunehmend würden etwa große Logistikzentren in Autobahnnähe gebaut, denen oft wertvolle Natur- und Kulturflächen, aber auch Denkmale, zum Opfer fielen, kritisierte der Präsident des Niedersächsischen Heimatbundes, Hansjörg Küster, in Hildesheim.

So sei ein Sorgenkind der markante Grabhügel Fachenfelde-Süd in der Gemeinde Stelle im Landkreis Harburg. Er rage dort seit Jahrtausenden auf und sei nun dem Logistiklager eines Lebensmitteldiscounters im Weg. Solche riesigen Lagerhäuser würden derzeit massenhaft am Rand von Großstädten gebaut, und die Landschaft werde dafür plattgemacht, klagte Küster. Die Frage sei, was wichtiger sei: Lagerhäuser, die nach einigen Jahrzehnten oder nach noch kürzerer Zeit nicht mehr benötigt würden, oder ein „Identifikationspunkt der Landschaft“, der schon seit sehr langer Zeit Orientierung schaffe und auch in Jahrhunderten noch gebraucht werde.

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Von Michael B. Berger